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Hüfners Wochenkommentar: London im Boom

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Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Bei der Münchner Europa-Konferenz vor zwei Wochen schwärmte mir ein bekannter britischer Banker von London vor. Die Stimmung in der britischen Hauptstadt London sei so gut wie schon lange nicht mehr. In der berühmten Einkaufsstraße Oxford Street drängelten sich die Menschen. Es gebe unendlich viele Touristen. Das Referendum zum Brexit habe das Geschäftsklima in Großbritannien nicht verschlechtert, sondern eher verbessert.

Das hat mich überrascht. Es passte so gar nicht in das Bild, das hierzulande vielfach gezeichnet wird. Danach geht es dem Vereinigten Königreich schlecht. Die Briten haben eingesehen, dass sie mit der Entscheidung zum Austritt aus der EU einen Fehler gemacht haben. Sie bemühen sich jetzt nach Kräften, wenigstens den Austritt aus dem Binnenmarkt zu vermeiden. Die Banken bangen um ihr Geschäft auf dem Kontinent.

 

Natürlich neigen Londoner Banker gegenüber Deutschen dazu, ihr Licht noch etwas heller leuchten zu lassen. Wenn man sich jedoch die ökonomischen Fakten anschaut, dann sieht die Lage in Großbritannien in der Tat besser aus als viele denken. Die Konjunktur hat nach der Brexit-Entscheidung zwar ein paar Tage gelitten. Dann hat sie sich jedoch kräftig erholt. Im Gesamtjahr 2016 ist das reale BIP in Großbritannien mit 1,8 % noch etwas stärker gestiegen als im Euroraum (1,6 %). In diesem Jahr könnte es noch mehr zunehmen.

Wo ist der Brexit?

Reales BIP UK und Euroraum, 2009 = 100

Hüfners Wochenkommentar: London im Boom

Die Grafik zeigt, dass UK den Kontinent beim Wachstum schon länger abgehängt hat. Es hat die Finanzkrise trotz seiner größeren Abhängigkeit vom Finanzgeschäft besser verkraftet als der Euroraum. Sein reales BIP liegt um 7 % über dem Vorkrisenniveau. Im Euroraum hatten wir im letzten Jahr gerade das damalige Level erreicht. Das hing natürlich auch mit der Eurokrise in 2012 zusammen, als Europa vorübergehend zurückfiel.

Es gibt viele Gründe, weshalb Großbritannien die Folgen des Brexits so gut weggesteckt hat. Die Geldpolitik hat schnell reagiert. Die Finanzpolitik hat gegengehalten. Auf den Devisenmärkten hat sich das Pfund in einem kräftigen Schub zeitweise bis um 18 % abgewertet. Das hat der Exportindustrie und dem Tourismus geholfen. Glücklicherweise hat sich die Abwertung kaum negativ auf die Verbraucherpreise ausgewirkt. Hinzu kam, dass die Weltwirtschaft in dieser Zeit wieder Schwung aufnahm.

»In der heutigen Weltwirtschaft ist nicht nur attraktiv, wer über eine wettbewerbsfähige Industrie verfügt, sondern auch der, der einen großen, aufnahmefähigen und wachsenden Markt hat.«

All das trug dazu bei, die Wirtschaft zu stabilisieren. Hinzu kam aber noch etwas ganz Wichtiges: Die britischen Verbraucher haben sich entgegen allen Vorhersagen die Laune nicht verderben lassen. Sie haben weiter wie die Weltmeister gekauft. Der private Konsum wuchs im dritten Quartal 2016 (der letzten verfügbaren Zahl) mit einer Jahresrate von 2,8 % real.

Die Sparquote der privaten Haushalte, die in früheren Jahren wie überall in Krisen gestiegen war, ist kräftig nach unten gegangen. Die Verbraucher waren entgegen dem, was man immer wieder hört, durch das Referendum offenbar nicht verunsichert. Das ist, wenn man es genau bedenkt, auch nicht überraschend. Schließlich haben sie mit Mehrheit selbst dafür gestimmt. Nur die Ökonomen haben das nicht für möglich gehalten.

Ich meine, dass wir aufgrund dieser Erfahrungen unser Bild von Großbritannien korrigieren müssen. Es ist nicht der verlorene Sohn, mit dem wir Mitleid haben sollten, wenn er jetzt die EU verlassen muss. Es ist vielmehr eine starke, selbstbewusste und dynamische Volkswirtschaft. Es hat mit London nicht nur einen erfolgreichen Finanzplatz. Es hat auch einen kaufkräftigen Binnenmarkt. Deutschland exportierte im vergangenen Jahr Waren für mehr als EUR 90 Mrd. auf die Insel. Das Vereinigte Königreich war damit der drittgrößte Handelspartner.

Wir sollten bei den Verhandlungen über den Brexit daher nicht auf dem hohen Ross sitzen und die Briten als Bittsteller betrachten. Wir sollten nicht nur hart sein, um zu verhindern, dass andere Länder auf den Gedanken kommen, auch auszutreten. Wenn die EU kein vernünftiges Handelsabkommen mit Großbritannien hinbekommt, straft sie sich selbst.

In der heutigen Weltwirtschaft ist nicht nur attraktiv, wer über eine wettbewerbsfähige Industrie verfügt, sondern auch der, der einen großen, aufnahmefähigen und wachsenden Markt hat. Das ist in Großbritannien der Fall. Es macht das Land weniger verletzlich gegenüber protektionistischen Tendenzen.

Das kann man freilich nicht so einfach in die Zukunft fortschreiben. Der große Binnenmarkt ist nicht genug. Der Konsum kann nicht ewig schneller als die Einkommen wachsen. Das Land hat zudem strukturelle Schwächen. Es hat zu wenig Industrie und ist damit von ausländischen Lieferungen abhängig. Es ist schwach bei den Investitionen (ein Makel, den es derzeit mit vielen anderen Industrieländern teilt). Es ist stark abhängig von ausländischen Arbeitskräften, was im Falle einer restriktiven Einwanderungspolitik ein Problem wird. Last but not least hat es ein großes Leistungsbilanzdefizit und ist auf Kapitalimporte angewiesen. Wenn es dauerhaft erfolgreich sein will, braucht es Strukturreformen zum Aufbau einer eigenen Wirtschaftskraft. Trotzdem sollte man das Königreich nicht unterschätzen.

Für den Anleger

ist Großbritannien trotz Brexit interessant. Es hat einen Zins, der nicht so niedrig ist wie auf dem Kontinent (1,2 % für 10-jährige Gilts). Es hat einen attraktiven Aktienmarkt. Seit der Brexit-Entscheidung ist der FTSE 100 um 20 % gestiegen. Andererseits muss man immer die Währungsrisiken beachten. Inzwischen ist das Pfund aber so viel billiger geworden, dass die Wahrscheinlichkeit weiterer Abwertungen geringer geworden ist.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.