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Hüfners Wochenkommentar: Unternehmer entdecken Europa

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Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Dass sich Exporteure permanent auf die sich ändernden Bedingungen auf den Weltmärkten einstellen müssen, ist Voraussetzung ihres Erfolges. Die Struktur der deutschen Ausfuhren in die Welt ist daher ständig im Fluss. Was wir derzeit an Veränderungen beobachten, geht aber weit über das Übliche hinaus. Was noch wichtiger ist: Es vollzieht sich überwiegend im Verborgenen. Niemand nimmt es, wenn ich es recht sehe, so richtig zur Kenntnis.

Das Wichtigste passiert im Augenblick in Europa. In den letzten 25 Jahren hatte sich der Anteil der deutschen Exporte in den Euroraum kontinuierlich verringert. Das widersprach eigentlich der Intention, die man mit der Gründung des Binnenmarktes und der Währungsunion verfolgte. Sie sollten zu mehr und nicht zu weniger Handel mit den Nachbarn führen.

Handel im Euroraum

Deutsche Exporte in den Euroraum in % der Gesamtexporte, gleitender Durchschnitt

Vor allem die Einführung des Euros 1999 war überraschend. So viel wie damals haben die deutschen Exporteure nie wieder in die Länder der Währungsunion ausgeführt (relativ zu den Gesamtexporten, siehe Grafik). Danach ging es trotz der stabileren Währungsrelationen permanent bergab. Nach der großen Finanzkrise 2007/2008 und der anschließenden Eurokrise kam noch einmal ein starker Schub nach unten. Die Erklärung dafür war einfach. Das Wachstum in der Welt außerhalb Europas war damals wesentlich größer als das in der Gemeinschaft. Die Unternehmen wollten von den größeren Expansionschancen in der Welt profitieren. Sie setzten daher auf weltweite Expansion.

Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert. Der Anteil der Exporte in den Euroraum an den Gesamtexporten beginnt sich seit 2013 zu stabilisieren. Er geht zwar noch leicht zurück, aber nur geringfügig. Die Unternehmen scheinen Europa wiederzuentdecken.

Woher kommt der Umschwung? Es sind zwei Entwicklungen, die hier eine Rolle spielen. Das eine sind die Verbesserungen in Europa selbst. Das Wachstum zieht an. Es ist inzwischen nicht mehr niedriger als beispielsweise in den USA. Die Eurokrise nähert sich dem Ende. Die Programmländer Spanien, Portugal und Irland haben die ihnen gesetzten Ziele erreicht. Griechenland ist noch nicht so weit. Aber auch dieses Land hat große Fortschritte erzielt.

»Was wir derzeit an
Veränderungen beobachten,
geht aber weit über
das Übliche hinaus.«

Der Euroraum wird damit als Absatzmarkt wieder attraktiver. Die Exporte in die Niederlande und nach Portugal erhöhen sich wieder mit zweistelligen Raten. Die Lieferungen nach Spanien und Italien steigen ebenfalls deutlich an. Frankreich (lange Zeit der wichtigste deutsche Absatzmarkt) bleibt zwar noch zurück. Die Lieferungen in das Nachbarland gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres nur um 3,9 % nach oben. Das dürfte aber nur vorübergehend sein. Wenn sich die Reformen des neuen Präsidenten Macron auf das Wachstum auswirken (womit ich fest rechne), wird Frankreich auch als Exportdestination deutscher Unternehmen wieder interessanter. Immerhin sind die deutschen Ausfuhren im Mai schon deutlich nach oben gegangen (+17 %).

Beispiele sind so unterschiedliche Länder wie die USA, Brasilien oder die Türkei. Niemand hatte die Wahl Trumps auf der Rechnung. Die USA sind nach wie vor der größte deutsche Handelspartner. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sie diese Position bald wieder verlieren würden. Hier spielt auch das nachlassende Autogeschäft eine Rolle. Die deutschen Lieferungen nach Brasilien und in die Türkei gehen absolut zurück. Interessant ist, dass sich das Russland-Geschäft, das in den letzten Jahren so stark unter den Sanktionen gelitten hatte, wieder etwas erholt. Es zeigt, dass man Russland als Wachstumsmarkt nicht abschreiben kann.

Eine Sonderstellung nimmt Großbritannien ein. Es gehört zwar zu Europa und ist auch nicht so weit entfernt. Aber auch hier sind Risiken aufgetaucht, die die Exporteure vorsichtig machen. Das ist verständlich.

Mit Vorsicht und Risikobewusstsein allein macht man freilich kein Geschäft. Wachstumsmärkte sind nach wie vor wichtig. Nur muss man hier selektiver vorgehen. Die deutschen Unternehmen setzen in letzter Zeit stark auf ausgewählte Emerging Markets. Die neuen Stars sind hier die Staaten Osteuropas, zum einen weil sie stark wachsen, zum anderen weil sie nicht so weit entfernt sind und besser und billiger beliefert werden können. Hier entwickeln sich vor allem die Tschechische Republik, Ungarn und Rumänien besonders dynamisch. Die Exporte in diese Länder stiegen im bisherigen Verlauf dieses Jahres jeweils mit zweistelligen Raten. Polen als größter Markt in Osteuropa bleibt hier noch etwas zurück. Die gute Performance Osteuropas kommt natürlich Österreich als dem traditionellen Hub des Osteuropageschäftes zugute.

Für den Anleger

Derzeit gibt es Ängste, die gute Konjunktur habe ihren Höhepunkt erreicht und könne abbrechen, was dann auch die Aktienmärkte nach unten ziehen könne. In einer solchen Situation ist es gut, einen stabilen Export zu haben. Er hat die Dynamik des Aufschwungs zuletzt zwar nicht getrieben. Im Falle einer Verlangsamung wäre er aber eine Versicherung, dass es nicht zu stark nach unten geht. Exportwerte sind in Deutschland immer eine „gute Bank„.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.