Hüfners Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Eigentlich hatten alle erwartet, dass der Brexit eine Katas­trophe für die EU würde. Zum ersten Mal verlässt ein Mit­glied die Union und stellt damit die Unverbrüchlichkeit der Integration in Frage. Andere Mitglieder könnten folgen und damit zu einer Erosion der gesamten Gemeinschaft führen. Der Handel mit einem so wichtigen Partner wie Großbritan­nien würde sich verringern. Das müsste dann auch negative Folgen für die Konjunktur haben.

Und was ist passiert? Aus heutiger Sicht muten all die Dis­kussionen vor einem Jahr wie ein Sturm im Wasserglas an. Es kam ganz anders. Die EU hat wieder Oberwasser be­kommen. Sie steht heute trotz Brexit so gut wie schon lange nicht mehr da. Keiner will mehr austreten (die Pro­bleme in Katalonien sind ein innerspanisches Problem). Dazu trugen sicher viele Faktoren bei. Aber der Brexit hat zumindest nicht geschadet, in einigen Fällen nutzte er der EU sogar. Wo viele Prognosen freilich richtig waren, ist beim Verei­nigten Königreich selbst. Es ist in ein Loch ge­fallen.

Euroraum überholt UK

Wachstum des realen BIP, UK und Euroraum, Q2 2016 = 100

Wachstum BIP, UK und Euroraum

Schauen wir uns das genauer an. Konjunkturell sieht es in der EU gut aus. Das Wachstum ist hoch. Die EU hat Groß­britannien seit Anfang des Jahres bei der Zunahme des realen BIP überholt (siehe Grafik). Interessant ist, dass selbst die europäischen Exporte nach Großbritannien trotz des ungünstigeren Wechselkurses und trotz der langsame­ren Expansion seines Binnenmarkts nicht stärker zurückgehen.

Das zeigt, dass das Vereinigte Königreich viele Güter, die es braucht, gar nicht mehr selbst produziert und sie da­her in jedem Fall importieren muss.

»Der Entschluss der Briten zum Brexit hat mit dazu beigetragen, dass inzwischen in der EU mehr Anstrengungen unternommen werden, der Gemeinschaft neuen Schub zu verleihen«

In die gleiche Richtung gehen die strukturellen Veränderun­gen, die sich derzeit vollziehen. Eine für mich überraschend große Zahl von internationalen Banken hat bereits angekün­digt, dass sie Teile ihres Londoner Geschäfts auf den Konti­nent verlagern würde. Weitere werden folgen. Sie wollen damit nicht nur sicherstellen, dass sie ihre Produkte auch in Zukunft in der EU vertreiben können. Sie wollen auch das lukrative Euro-Clearing nicht verlieren, das in Zukunft aller Voraussicht nach allein auf dem Kontinent erlaubt sein wird. Die Hessische Landesbank rechnet damit, dass bis Ende nächsten Jahres mindestens 2.000 Stellen nach Frankfurt verlagert werden, nach mehreren Jahren mindestens 8.000. Das ist für den Finanzplatz London (mit über 300.000 Bankern) eine kleine Zahl. Sie gibt Frankfurt aber einen erhebli­chen Schub. Auch andere Finanzplätze auf dem Kontinent (einschließlich Irland) werden profitieren.

Ähnliches wird sich auch in anderen Branchen vollziehen. Das Vereinigte Königreich war in der Vergangenheit immer ein begehrter Standort für Direktinvestitionen. Von dort aus konnte nicht nur der britische Markt bedient werden. Die In­vestoren hatten gleichzeitig auch Zugang zum gesamten Kontinent. Großbritannien war daher in den letzten Jahren der bei Weitem größte Empfänger von Direktinvestitionen in der EU. Das wird künftig anders sein. Weniger Kapital wird nach UK fließen, mehr in die Länder auf dem Kontinent. Auch das hilft der Gemeinschaft.

Es gibt zudem Anzeichen, dass die Wanderung vom Konti­nent nach Großbritannien geringer wird und dass Fachkräf­te aus der EU die Insel verlassen. Das ist für die Europäer ein Gewinn. Sie haben mehr qualifizierte Arbeitskräfte, die gerade in Deutschland dringend gebraucht werden. Es han­delt sich bei den Betroffenen zudem häufig um Besserver­dienende, die mit ihrer Nachfrage auch die Konjunktur stüt­zen. Für Großbritannien ist es ein Verlust, weil sich viele Unternehmen auf ausländische Arbeitnehmer verlassen. Auf manchen Baustellen kommen drei Viertel der Arbeiter aus dem Ausland.

Schließlich leidet auch die Integration in Europa nicht. Im Gegenteil. Der Entschluss der Briten zum Brexit hat mit da­zu beigetragen, dass inzwischen in der EU mehr Anstren­gungen unternommen werden, der Gemeinschaft neuen Schub zu verleihen. Manches, was bisher am Widerstand der Briten gescheitert ist, wird jetzt möglich (zum Beispiel eine stärkere Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Vertei­digung). Der Kommissionspräsident brachte letzte Woche sogar die Idee auf, den Euro auf alle Mitglieder auszuwei­ten. Damit ist er freilich weit über das Ziel hinausgeschos­sen. So etwas geht gar nicht.

Freilich sollte man bei einem Urteil über den Gesamteffekt des Brexit vorsichtig sein und kurzfristige Bewegungen nicht überbewerten. Erstens ist all das nur ein Zwischenstand. Bis zum endgültigen Austritt Großbritanniens kann und wird noch viel passieren. Zweitens ist der Brexit für Europa trotz aller erwähnten Effekte nichts Gutes. Großbritannien gehört zu Europa.

Es wird immer ein Nachbar bleiben. Es hat wirtschaftlich und politisch Qualitäten, die der Gemeinschaft fehlen wer­den. Wir sollten uns daher nicht darüber freuen, wenn es den Briten durch den Brexit schlechter geht. Im Gegenteil wäre es gut, ihnen bei den Verhandlungen zu helfen, ein für beide Seiten auskömmliches Ergebnis zu finden.

Drittens sollte man bei aller Freude, dass es der EU besser geht, nicht vergessen, dass die Gemeinschaft noch lange nicht über den Berg ist. Im nächsten Jahr wählen die Italie­ner ein neues Parlament. Die Befürworter eines Italexit ha­ben Chancen auf einen Wahlsieg. Frankreich hat zwar mu­tige Reformen angestoßen; noch ist aber unsicher, ob sie auch die erwünschten Erfolge haben werden. Innerhalb
der EU sind die Spannungen mit Osteuropa gewachsen.

Für den Anleger

sind die guten Nachrichten vom Kontinent ein Kaufsignal auf den Märkten der EU und die schlechten von der Insel ein Verkaufssignal britischer Werte. Dabei darf man aller­dings den Wechselkurs nicht vergessen. Der Euro-/Pfund-Kurs dürfte sich – wenn es nicht große Überraschungen gibt – unter Schwankungen weiter in Richtung Parität ent­wickeln.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

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