Jörg Horneber ist Portfoliomanager bei der KSW Vermögensverwaltung AG in Nürnberg.
Jörg Horneber, KSW Vermögensverwaltung AG

Groß und schwerfällig wie ein Elefant – so wird die Volkswirtschaft Indien gern beschrieben. Diesem Elefanten will Premierminister Narendra Modi Beine machen. Zum Großteil entfalten die Reformen ihre Wirkung.

Seit drei Jahren ist der wirtschaftsorientierte Reformer im Amt. Seine Qualitäten hat Modi bereits von 2001 bis 2014 als Chief Minister des Bundesstaates Gujarat unter Beweis gestellt. Nun also geht er daran, die Wirtschaft der bevölkerungsreichsten Demokratie der Erde zu reformieren. Noch sind nicht alle Vorhaben umgesetzt, die der Premier zum Amtsantritt angekündigt hat. Und Modis Methoden sind auch nicht unumstritten. Doch zum Großteil entfalten sie ihre Wirkung.

Beispiel Bargeldreform: Sie schockte im November 2016 die Bevölkerung und beunruhigte die internationale Finanzwelt. Alle Geldscheine mit einem Nennwert von mehr als 100 Rupien (ca. 1,40 Euro) wurden über Nacht quasi für ungültig erklärt; das waren ca. 97 Prozent der Banknoten. Nur wer die alten Scheine auf ein Konto einzahlte, erhielt neue Banknoten. Die Mehrheit der Bevölkerung besaß jedoch kein Bankkonto, musste also eines eröffnen. Die Kreditinstitute waren tagelang heillos überfordert. Die Bürger hatten kein gültiges Bargeld mehr, die Wirtschaft kam kurzfristig zum Erliegen, Investoren gingen verschreckt auf Distanz.

Die indische Landeswährung verlor innerhalb einer Woche rund fünf Prozent gegenüber dem US-Dollar und fiel auf einen historischen Tiefstand. Die privaten Hausverkäufe, ein Zielhafen für Schwarzgeld, brachen ebenso um über 40 Prozent ein. Analysten prophezeiten den Beginn einer neuen Wirtschaftskrise. Das Ziel der Währungsreform, die Schattenwirtschaft zu bekämpfen und mehr wirtschaftliche Transparenz zu schaffen, schien hoffnungslos gescheitert.

Heute haben sich die Wogen geglättet. Das Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr bei über sieben Prozent. Für 2017 geht man von einer ähnlichen Rate aus. Die Währung hat sich gegenüber dem US-Dollar erholt. Die indische Rupie konnte vom historischen Tiefpunkt aus zehn Prozent zulegen und steht besser da als vor der Währungsreform. Der indische Aktienindex BSE Sensex hat ein neues Allzeithoch bei über 30.000 Punkten erreicht.

Zum 1. Juli wurden die Umsatzsteuern des Landes vereinheitlicht. Bisher gelten in den 29 Bundesländern teils unterschiedliche Regelungen. Die neue Abgabe ersetzt ein Dutzend verschiedener Steuern, welche bisher auf Bundesebene oder durch die Bundesstaaten erhoben wurden, darunter Dienstleistungs-, Import- und Produktionssteuern. Die Reform ist ein wichtiger Schritt zur Vereinheitlichung des Steuersystems.

Die Energiewende ist ein langfristiges Reformprojekt. Die Wirtschaftsforscher des DIW bescheinigen dem Land riesiges Potenzial, vor allem für die Gewinnung von Sonnenenergie, aber auch für die Nutzung von Wind und Biomasse. In 13 Jahren sollen bereits 40 Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden. In den vergangenen drei Jahren investierte der Staat jeweils zwischen zehn und 15 Milliarden Dollar in die Entwicklung dieser Branche.

Das Digitalisierungskonzept für über 100 geplante Smart Citys lässt ebenso positive Effekte für die wirtschaftliche Entwicklung und die Lebensqualität der Bevölkerung erwarten. Die deutsche Bundesregierung fördert das Programm jährlich mit einer Milliarde Euro. Im Gegenzug hofft die deutsche Wirtschaft, Know-how zuliefern zu dürfen und damit die Handelsbeziehungen mit dem vielversprechenden Land zu intensivieren.

Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Europa, welches seit 2007 brachliegt, werden wieder aufgenommen. Die EU ist bereits größter Handelspartner von Indien, Deutschland stemmt hiervon den größten Part. Die aktuellen Bedingungen für Handelspartner müssen jedoch dringend optimiert werden, gerade mit Blick auf Bürokratie und Handelssteuern.

In den Gesprächen mit Kanzlerin Merkel betonte Indiens Premier Modi kürzlich, dass die bürokratischen Hemmnisse abgebaut würden. Modi sprach von einer Art Schnellstraße für Deutschland, die er anlegen wolle.

Die indische Wirtschaft kommt in Fahrt – auch wenn es hier und da bei der Umsetzung der Reformen ein wenig rumpelt. Beobachter und Investoren sollten sich von mancher augenfälligen Schwerfälligkeit nicht täuschen lassen: Einmal in Schwung kommt selbst der vermeintlich behäbige indische Elefant auf 40 Stundenkilometer!

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