Michael Reuss
Michael Reuss ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München.

Die Alterung der Gesellschaft wird oft mit Überalterung gleichgesetzt – einem äußerst negativ besetzten Schlagwort. Man denkt an eine vergreisende Republik, an Rentenlücke und Altersarmut. Doch mit dieser Assoziation wird man dem demografischen Prozess nicht gerecht. Alt ist man heute erst mit 77 Jahren. Dies ergab vor Kurzem eine deutschlandweite Meinungsumfrage, so Reuss

Michael Reuss über die Vorteile der alternden Gesellschaft

Diese Ansicht kommt nicht von ungefähr: Viel mehr Menschen erreichen heute ein hohes Alter bei kaum eingeschränkter Gesundheit. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Menschen sich heute selbst immer jünger einschätzen: Umfragen zeigen, dass sie sich im Schnitt gegenüber ihrem biologischen Alter zehn bis 20 Jahre jünger fühlen.

Viele der künftigen Senioren verfügen daher über eine enorme Kaufkraft. Schätzungen gehen davon aus, dass die über 60-Jährigen im Jahr 2020 weltweit etwa 15 Billionen US-Dollar zur Verfügung haben. Bereits heute entfallen 50 bis 60 Prozent aller Konsumausgaben in den Industrieländern auf die Generation 50 Plus. Bei oberflächlicher Betrachtung des Werbemarktes scheint allerdings so, als würde man noch immer an der Kernzielgruppe der 14- bis 49-Jährigen festhalten – auch wenn diese Altersgruppe demnächst in der Minderheit ist.

Natürlich verändern sich mit dem Lebensalter auch die Bedürfnisse: So verringern sich langsam die Ausgaben für Bekleidung und Restaurantbesuche. Ein größerer Teil der Kaufkraft wird dafür in Freizeitaktivitäten und Urlaub gesteckt. Besonders Kreuzfahrtanbieter kam dieser Trend entgegen. Über 66 Prozent der Nachfrager von Kreuzfahrten befinden sich längst im zweiten Lebensabschnitt.

Erwartungsgemäß gehört die Gesundheitsbranche zu den größten Profiteuren des demografischen Wandels. Unternehmen, die sich auf die Behandlung von chronischen und altersspezifischen Erkrankungen spezialisiert haben, können Umsatz und Gewinn seit Jahren kräftig steigern.

Zwangsläufig führt der demografische Umbruch zu vermehrter Nachfrage nach altersgerechtem Wohnraum mit entsprechender Infrastruktur. Dazu gehört neben Seniorenresidenzen auch die Betreuung kranker und gebrechlicher Menschen.

Viele Unternehmen, die in diesen Bereichen tätig sind, gehören zu den Hauptnutznießern des demografischen Wandels. Auch als Anleger konnte man mit diesen Unternehmen der sogenannten Silver Economy gut verdienen.

Dies verdeutlichen drei Beispiele: So hat sich der Aktienkurs von Carnival, einem Veranstalter von Schiffskreuzfahrten, seit 2013 mehr als verdoppelt. Die Anteilsscheine von Straumann, einem führenden Unternehmen bei Zahnersatz und Implantologie aus der Schweiz, verfünffachten sich seit 2013. Und bei der französischen Orpea AG, die sich auch durch Zukäufe zu einem der größten Pflegeheimbetreiber in Europa entwickelt hat, verdreifachte sich der Aktienkurs seit 2013. Die Alterung der Gesellschaften ist demnach auch an der Börse ein wichtiges Thema.

Über den Autor

michaelreussetfMichael Reuss, geschäftsführender Gesellschafter, Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH, München.
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