Start Finanznews Nicht nur billig – ETFs bringen auch Gefahren mit sich

Nicht nur billig – ETFs bringen auch Gefahren mit sich

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Dr. Patrick Cettier über ETFs

Als ich vor rund zehn Jahren ETFs als kostengünstige und indexbasierte Anlagen meinen Kunden empfahl, sah die Welt des passiven Investierens noch ganz anders aus. Eine überwiegende Mehrheit der Bankkunden war in aktiven, hauseigenen Fonds investiert, die meist viel zu teuer waren und es kaum vermochten, ihre Benchmark zu schlagen. Die Vorteile von ETFs lagen dagegen auf der Hand: Man kauft die Bestandteile des jeweiligen Index kostengünstig ein und ist so an der Entwicklung der Märkte beteiligt. Heute sehe ich deren Einsatz differenzierter.

Mit ETFs kaufen Kunden jedes Unternehmen im Index – auch wenn darunter viele Unternehmen sind, die man niemals als Einzeltitel kaufen würde. Man kauft also blind auch viel Schrott. Zudem erwirbt man Unternehmen unabhängig von ihrem Bewertungsniveau.

Es leuchtet ja eigentlich ein, dass man beim Investieren möglichst günstig und unter intrinsischem Wert kaufen sollte – beim Kauf eines Index spielt das keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Man kauft diejenigen Unternehmen überproportional, die im Index durch ihre hohe Marktkapitalisierung übervertreten sind. ETFs sind also für uninformierte Investoren da, die sagen: Keine Ahnung, ob Unternehmen A besser ist als Unternehmen B – und das ist völlig legitim.

Das größte Problem jedoch sind die enormen Zuflüsse der letzten Jahre. ETFs sind beileibe kein Geheimtipp mehr, sondern Mainstream geworden. In den USA machen passive Anlagen mittlerweile 32 Prozent des Gesamtmarktes aus. Auf die Spitze wird der Trend zu passiven Anlagen nun von Robo-Anbietern getrieben, die passive Anlagen mit einem automatisierten Handel und standardisierten Bedürfnisabfragen ihrer Kunden verbinden und dies als alleinige Heilsbringung des Investierens anpreisen.

ETFs verzerren den Markt

Durch den breiten Einsatz von ETFs erhöhen sich die Verzerrungen an den Märkten aufgrund des undifferenzierten und passiven Investorenverhaltens. Gleichzeitig verändert sich die in den Märkten so wichtige Liquidität oder Tiefe im Markt, wenn ein großer Anteil der Unternehmen durch wenige große passive Indexanbieter wie Vanguard oder Blackrock gehalten werden. Erfahrene Marktteilnehmer – wie zuletzt Howard Marks – erahnen die Entwicklungen, die sich im nächsten Marktcrash manifestieren könnten: An wen verkaufen, wenn es keine Käufer mehr gibt?

Mein Rat:

Kunden sollten ETFs nicht nur deshalb einsetzen, weil sie günstig sind, sondern ihre Vorteile nutzen, ohne die Grundsätze des Investierens zu vernachlässigen. Den Gesamtmarkt mit einem ETF zu kaufen, macht vor allem dann Sinn, wenn die Märkte günstig bewertet sind. Dann sollte man mit beiden Händen zugreifen.

In hoch bewerteten Märkten dagegen sollte man vorsichtiger und selektiver vorgehen und Qualitätstitel bevorzugen.

In jedem Fall lohnt es über die Rolle von ETFs im Portfolio nachzudenken und ETFs gezielt als ein Anlageinstrument unter vielen einzusetzen. Die alleinigen Heilsbringer sind sie nicht.

Dr. Patrick Cettier, geschäftsführender Partner, Prio Partners GmbH, Zürich
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