Schiketanz Marktkommentar
Dr. Wolfgang Schiketanz ist Geschäftsführender Gesellschafter der SCA

Nichts war es heuer wieder einmal mit „Sell in May and go away“. Zu gut sind derzeit die Unternehmensergebnisse, das Wirtschaftswachstum, zu niedrig das Zinsniveau und die Inflation. Lassen wir einmal die täglichen politischen Dramen rund um Donald Trump beiseite und wenden wir uns den wirtschaftlichen Fakten im Detail zu:

  • S&P 500 +1,2%
  • DAX +1,4%
  • Eurosotxx50 -0,1%
  • FTSE100 +4,4%
  • Nikkei 225 +2,4%
  • MSCI World (EUR) -1,3%

Thema Nummer eins ist die Bewertung des US Aktienmarktes. Seit dem 1. Quartal 2016 handelt der US Aktienmarkt relativ konstant mit einer Gewinnbewertung (PE Ratio) in der Höhe des 21-fachen Jahresgewinnes. Daran hat sich auch im ersten Quartal 2017 nichts geändert. Würde es zu keinen weiteren Kursanstiegen für den Rest des Jahres 2017 mehr kommen, so würde das PE auf Basis der geschätzten Jahresgewinne für 2017 bis zum Jahresende auf 18,5-fache fallen. Eine unverändert gute Wirtschaftsentwicklung und ein unverändertes Bewertungsniveau einmal vorausgesetzt, hätte der Markt für den Rest des Börsenjahres noch rechnerisch 5-10% Luft nach oben. Ich lehne mich jetzt einmal ein wenig aus dem Fenster und nenne ein Kursziel für 2017 von 2600 für den S&P 500. Das wären knapp 8% von den Monatsschlusskursen Mai entfernt.

„Wirtschaftlicher Altweibersommer“

Es ist nicht nur das Gewinnwachstum, das den US Aktienmarkt treibt. Die großen US Unternehmen kaufen nach wie vor ihre eigenen Aktien am freien Markt zurück. Durch die so reduzierte Anzahl an gewinnberechtigten Aktien reduziert sich automatisch das PE Ratio selbst bei konstantem Unternehmensgewinn. Durch das immer noch extrem niedrige Zinsniveau rentiert es sich für Unternehmen selbst mit teilweiser Kreditfinanzierung eigene Aktien zurückzukaufen. Aufgrund der gestiegenen Unternehmensgewinne im ersten Quartal 2017 wird sich diese Aktivität auch im Laufe der nächsten Monate kaum merklich reduzieren. Tatsache ist, dass die Dividendenrendite im S&P 500 im Vergleich zu den Renditen der US Staatsanleihen immer noch sehr attraktiv ist. Derzeit weisen die S&P 500 Aktien eine Dividendenrendite von rund 1,9% auf, die 10-jährigen US Staatsanleihen rentieren derzeit mit 2,2% – letztere natürlich ohne Aussichten auf Kursgewinne in den nächsten 10 Jahren.

Nachdem der seit Jahren boomende Aktienmarkt einen Großteil seiner Kursgewinne auf Basis des ultra niedrigen Zinsniveaus erreicht hat, sind natürlich die Augen der Welt ganz auf die FED gerichtet. Die Frage „wann kommt die nächste Zinserhöhung“ ist aktueller denn je. Meine persönliche Meinung ist, dass die US Notenbank im Juni die Zinsen nochmals anheben wird – allerdings nur um 0,25%. Dies wäre allerdings zu wenig um den Aktienmarkt in eine ernste Korrekturphase zu jagen. Der Markt bleibt also in einem Umfeld, dass US-Analysten gerne als „Goldilocks Environment“ bezeichnen.

Damit meinen sie ein Marktumfeld, das traditionelle Bond Investoren in den Aktienmarkt zwingt, weil die Renditen am Anleihenmarkt zu unattraktiv sind. Also eine Marktsituation, wo ausgehend von einem niedrigen Zinsumfeld aufgrund eines sehr moderatem Wirtschaftswachstums und niedriger Inflation keine dramatischen Zinserhöhungen zu erwarten sind, gleichzeitig aber auch die Unternehmensgewinne steigen. Vielleicht könnte man das auf gut deutsch auch einen „wirtschaftlichen Altweibersommer“ nennen.

Wie wirkt sich das US Handelsbilanzdefizit künftig auf den US Dollar aus?

Sehr interessant war in den letzten Wochen die Entwicklung des US Dollars gegenüber dem Euro. Aufgrund des etwas höheren Zinsniveaus in den USA gegenüber Euroland und auch aufgrund des höheren US Wirtschaftswachstums wäre eigentlich das genaue Gegenteil zu erwarten gewesen. Es ist oft recht schwierig, die richtigen wirtschaftlichen Gründe für Wechselkursschwankungen zu erkennen, weil natürlich auch die jeweiligen Zentralbanken durch Markteingriffe ein freies Spiel der Kräfte teilweise verhindern. Im vorliegenden Fall sind allerdings zwei Punkte auffällig: erstens das politische Risiko in der Gestalt des derzeitigen US Präsidenten und zweitens ist das sich ständig ausweitenden Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber Europa.

Was letztendlich die wirkliche Ursache für die Trendwende im Wechselkursverhalten war, werden wir vielleicht erst nach der Party erfahren. Ich hatte Sie allerdings bereits in meinem Marktbericht vom April auf die sich anbahnende Trendwende hingewiesen.

Aufgrund der oben erwähnten Umstände wird der Markt wohl tendenziell weiter steigen, wenngleich wir mit Juni in die eher holprige und liquiditätsschwache Zeit des Jahres eintreten. Für Aktieninvestoren ist es ganz speziell in dieser Zeit wichtig auf eine hohe Qualität der Aktien in ihrem Portfolio zu achten.

Somit bleibt meine Markteinschätzung gegenüber dem Vormonat unverändert. Wir dürfen weiterhin mit steigenden Aktienkursen rechnen, wenn auch die Wahrscheinlichkeit für kurzfristige Marktirritationen größer wird, weil im Verlauf des Juni die Marktliquidität zunehmend zu schwinden beginnt.

Lesen sie, wie es an den Börsen weitergeht auf Seite 2 im Schiketanz Marktkommentar.

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Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Franz Rieber Informationsorientierte Betriebswirtschaftslehre und hat einen Master-Abschluss in Finance & Banking. Seit 2016 ist Franz Rieber für die Isarvest GmbH tätig und für das Projektmanagement und die Kundenbetreuung verantwortlich.