Selbstversuch zeigt: Robo- Berater müssen noch viel lernen

Die standardisierte Vermögensberatung sieht schon heute aus wie eine moderne Partnervermittlung. Mit einem kurzen Internetfragebogen werden Risikoneigung und Erfahrung des Anlegers erhoben – schon sind die zueinanderpassenden Partner gefunden. Doch so richtig passt es eben nicht.

Gottfried Urban über standardisierte Vermögensberatung

Bei einem Selbstversuch bin ich als erfahrener Anleger nie zu dem von mir eigentlich gewünschten Aktiendepot gelangt. Immer wurden mir angeboten, große Teile des Geldes in Rentenpapieren anzulegen. Weitere Versuche ergaben, dass man die Fragen zwanghaft in eine Richtung beantworten musste, um auf ein dynamisches Depot zu kommen. Laut Roboter hatte ich scheinbar in den vergangenen Jahren viel zu riskant und nicht passend zu meinem Profil investiert.

Ob man aufgrund von Bewertungen Rentenpapiere oder bei Aktien bestimmte Branchen oder Regionen besser meide, das interessiert den Robo-Adviser nicht. Die Überlegung, dass aktuell Cash wegen hoher Zinsänderungsrisiken sogar interessanter sein könnte als ein Rentenindex, wird gar nicht erst angestellt. Zu viele Fragen an den Anleger sind zu vermeiden, da der Interessent am PC oder seinem Smartphone den Fragebogen abbricht, wenn es kompliziert wird.

Meistens empfiehlt der Beratungsroboter ein eher defensives, maximal ausgewogenes Depot, das mit einem Mausklick preiswert gekauft werden kann. Um im Preisvergleich gut dazustehen, arbeitet der virtuelle Finanzberater bei der Zusammensetzung des empfohlenen Portfolios vor allem mit Indexabbildern für den Aktien-, Renten- und den Rohstoffmarkt.

Mit reinen Indexinvestments stiehlt sich der Vermögensverwalter und Kundenberater elegant aus der Verantwortung, für seine Kunden die besten Einzelanlagen oder aktive Fonds auswählen zu müssen. Viele Anbieter von aktiv verwalteten Anlagen sind zudem in den letzten Jahren zu heimlichen Indexnachahmer mutiert. Diese Fondsmanager minimieren damit ihr Risiko, wichtige Kunden oder den Job bei Fehlentscheidungen zu verlieren.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Indexprodukte sind eine wunderbare Sache für taktische Entscheidungen und um bestimmte Märkte abzubilden. Den Vorteil der aktiven Fondsansätze möchte ich für den Bereich der Nebenmärkte und bei Schwellenländern nicht missen. Das Gleiche gilt für den mittlerweile sehr anspruchsvollen Zinsmarkt. Was helfen extrem niedrige Produktkosten, wenn der Markt stark einbricht oder ein Markt völlig überteuert beziehungsweise unrentabel ist? Ich will aktive Entscheidungen auf Fondsebene sehen. Manager, die Bewertungen abwägen und mit Erfahrung und Verstand das Portfolio lenken!

Robo-Adviser, standardisierte Vermögensanlage, Indexprodukte: Der Kostendruck treibt die Banken zur Automatisierung der Anlageberatung. Viele neue Produkte haben durchaus ihre Existenzberechtigung. Doch gerade wenn Märkte drehen und Kurse stärker schwanken, kommt der Standard an seine Grenzen. Der menschliche Faktor bleibt unverzichtbar.

Über den Autor

Gottfried UrbanGottfried Urban ist Vorstand der Bayerische Vermögen AG in Altötting.

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