Tanken für die Weiterfahrt
Die Industrie fragt nicht im gleichen Maße mehr Öl nach, wie der Preis gesunken ist.

Die Erfahrung zeigt, dass die Nachfrage nach Öl relativ preisunelastisch ist. Wenn die Öl produzierenden Länder den Ölhahn aufdrehen, dann kann die steigende Nachfrage das Überangebot nie ausgleichen. Doch der Förderwettstreit zwischen den OPEC-Staaten, Russland und den USA scheint in die finale Phase zu kommen. Auch wenn die Förderkosten für einige Staaten im Mittleren Osten und in Nordafrika teilweise noch unter den aktuellen erzielbaren Preis für den Energierohstoff liegen, so braucht man dort doch Preise von weit über 55 Dollar pro Fass, um zumindest einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu erzielen. Für die meisten OPECMitglieder ist der aktuelle Rohölpreis von rund 31 Dollar eine fiskalpolitische Katastrophe.

In den USA hat die Ölförderung den Spitzenwert der 1970er Jahre wieder erreicht. Viel Geld wurde in neue Bohrlöcher investiert, meist auf Pump finanziert. Beim aktuell niedrigen Preisniveau ist die Förderung höchst unrentabel. Dennoch muss man produzieren, um den Kapitaldienst erfüllen zu können. Eine Reduzierung der Förderung ist noch nicht möglich. Vielleicht wird die Pleite eines großen Unternehmens den Schlusspunkt des Preisverfalls darstellen. Bleibt der Preis so tief, wird man Bohrlöcher schließen müssen. In den USA kommen aktuell keine neuen Bohrlöcher im Bereich Fracking dazu. Weltweit wurden neue Investitionen gestoppt.

Nun deutet sich an, dass Nachfrage und Angebot wieder in Einklang kommen könnten: Das seit sieben Quartalen bestehende weltweite Überangebot hat sich gegenüber demHöhepunkt bereits verringert. Die meisten Experten glauben deshalb an eine Preiserholung in der zweiten Jahreshälfte 2016. Morgan Stanley schätzt, dass spätestens im vierten Quartal 2016 das Überangebot am Ölmarkt weiter reduziert wird. Die Nachfrage zieht preisbedingt bereits etwas an.

Ein möglicher Turnaround im Öl- und Rohstoffsektor kann mit Aktien oder mit Anleihen genutzt werden. Für den Privatanleger bleiben physische Rohstoffe als Investmentlangfristig zu riskant und damit ungeeignet. Rohstoffaktien, die zuletzt im Kurs gefallen sind und eine stabile Dividende zahlen, könnten wieder interessant sein. Aber aufgepasst,Dividendenkürzungen sind wahrscheinlich. Wobei Anleihen vielleicht sogar attraktiver sind als manche Ölaktien. Denn viele internationale Unternehmen aus diesem Bereich sind hochverschuldet, weshalb ihre Anleihen deutlich unter Druck geraten sind. Mittlere Laufzeiten bringen deshalb hohe Renditen. Die Emittenten beginnen mit Maßnahmen, ihre Kreditqualität über Kapitalmaßnahmen oder striktes Kostenmanagement deutlich zu verbessern.

Anleger können über Mischfonds, die in diesem Bereich Anleihen halten, Positionen aufbauen. Nur der risikobereite Anleger darf Direktinvestments in Anleihen von Energieund Rohstofffirmen wagen. Die Dosis – sprich: der Depotanteil – macht auch hier das Gift.

 

Gottfried Urban ist Vorstand der Bayerische Vermögen AG in Altötting.

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