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Zinssenkung bereichert Zeitspiel der EZB

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Mit der Senkung des Leitzinses auf 0,5 Prozent hat Mario Draghi die Erwartungen der meisten Marktteilnehmer erfüllt. Eine symbolische Tat der EZB war fällig – viel mehr bedeutet diese Zinssenkung nicht.

Vielmehr hat Mario Draghi die Aufmerksamkeit der Märkte genutzt, erneut einige wichtige Mitteilungen zu platzieren:

  1. Die EZB bestätigt ihre Bereitschaft, neue unkonventionelle Maßnahmen zu ergreifen. Unter anderem wurde über negative Einlagenzinsen nachgedacht.
  2. Die EZB fordert von den Politikern Europas längst überfällige Reformen ein, da Wachstumsschwäche und Inhomogenität in der Eurozone nicht durch die Geldpolitik gelöst werden können.
  3. Die EZB sendet ein Signal an die USA und Japan, im Kampf um die Abwertung der Währungen eingreifen zu wollen.
thomasboekelmann

Thomas

Böckelmann

Nachdem überraschenderweise Italien wieder eine Regierung hat, schaut man nun gebannt nach Deutschland. Da sich mittlerweile die meisten Eurostaaten von Sparmaßnahmen distanzieren und dabei unsachliche Aussagen nicht scheuen, ist Angela Merkel die letzte Verteidigungslinie für den deutschen Steuerzahler. Ob sie ihre Position bis zur Bundestagswahl im September halten kann, oder ob die Haushaltstugenden vor der Realität sozialer Unruhen im Süden weichen müssen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Der Markt setzt bereits auf eine Aufweichung der deutschen Position.

Die Aktienmärkte zeigen sich in bester Stimmung. Hintergrund ist die Erwartung wachstumsfördernder Maßnahmen durch Geld- und Fiskalpolitik. Erstere macht einen hervorragenden Job, werden doch immer wieder neue Erwartungen nach frischem Geld geschürt und erfüllt. Die Fiskalpolitik hingegen hat keine Spielräume mehr – zumindest in USA, Europa und Japan. Neue nachhaltige Impulse für die Aktienmärkte können neben der Gewinndynamik der Unternehmen nur entstehen, wenn die Politik konstruktive Lösungen wie Schuldenschnitte oder einen (wie auch immer zu finanzierenden) Solidaritätspakt für Wachstum präsentiert.

Derweil steigen Bundesanleihen von einem historischen Höchststand zum nächsten. Wer kauft eigentlich angesichts der real negativen Verzinsung noch Bundesanleihen? Japaner! Für sie sind infolge der heimischen Zinssenkungen, die den Yen gegenüber anderen Weltwährungen gezielt abwerten, 1,2 Prozent Zinsen im Euro ein Schnäppchen. Diese Tatsache kann das ohnehin künstlich niedrige Zinsniveau weiter reduzieren und die Spanne zwischen Euro-Hart (Deutschland, Finnland) und Euro-Weich (Italien, Spanien) weiter öffnen. Und hier schließt sich der Kreis … Die Zinssenkung Mario Draghis bedeutet den Einstieg der EZB in den Währungskampf mit verschärften Mitteln. Ein schwacher Euro hilft der Eurozone mehr als eine kaum spürbare Zinssenkung.

Marktausblick: Die Aktienmärkte haben angesichts fehlender Anlagealternativen trotz rückläufiger Gewinnperspektiven der Unternehmen das Potenzial für weiter steigende Kurse. Aber die Luft wird dünner. Für weitere deutliche Anstiege bedarf es Impulse, die erneut von der Politik erwartet werden. Die Schwankungsanfälligkeit dürfte steigen.

Die Rentenmärkte bergen von Ausnahmen bei Schwellenländern oder hochverzinslichen Unternehmensanleihen kein nennenswertes Potenzial. Als Absicherung für Marktverwerfungen sind kurz laufende Bundespapiere oder Nationen mit geringer Verschuldung aber immer noch erste Wahl – neben inflationsgeschützten Varianten.

Da die Währungen in diesem Jahr wesentliche Performancetreiber bleiben werden, ist deren Auswahl im Rahmen einer ganzheitlichen Portfoliostruktur in Kombination mit Zinspapieren unverändert interessant.

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