Hüfners Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Martin W. Hüfner, der Chefvolkswirt der Assenagon-Gruppe kommentiert in seinem Hüfners Wochenkommentar die Entwicklung der Märkte. Auf dieser Seite präsentieren wir den aktuelle Kommentar.

Hüfners Wochenkommentar – 20. Februar 2019

Das wichtigste in Kürze:

  • Ökonomen schauen bei der Beurteilung von Ländern und Kapitalmärkten meist nur auf wirtschaftliche Faktoren.
  • Das ist zu einseitig. Ein Blick auf die Lebensqualität gibt zusätzliche Hinweise, wie sich ein Land langfristig entwickeln könnte.
  • Der Rückgang der Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten ist kein gutes Zeichen für die US-Wirtschaft.

Vor ein paar Wochen veröffentlichte das Center for Disease Control (CDC) der Vereinigten Staaten eine alarmierende Statistik. Danach ist die Lebenserwartung der Amerikaner zum dritten Mal hintereinander gesunken. Sie hat sich von 2014 bis 2017 um fast vier Monate auf 78,6 Jahre verringert.

Jeder weiß, dass die Lebenserwartung in wohlhabenden Industriestaaten normalerweise steigt. Das hängt mit den zunehmenden Ausgaben für Gesundheitsvorsorge, einer gesünderen Lebensführung sowie dem medizinischen und hygienischen Fortschritt zusammen. In den USA hat sich die Lebenserwartung seit dem Zweiten Weltkrieg um insgesamt zehn Jahre erhöht.

Und jetzt plötzlich geht sie zurück? Und zwar drei Jahre hintereinander? Das kann nicht mit irgendwelchen Zufallseinflüssen zusammenhängen. Die Wissenschaftler des CDC führen das vor allem auf die zunehmende Verbreitung harter Drogen zurück sowie auf den Anstieg der Suizide. Das wirft kein gutes Licht auf die amerikanische Gesellschaft. Es zeigt, dass der Glaube der Amerikaner an die Zukunft ihrer Gesellschaft gelitten hat.

Lebenserwartung und BIP pro Kopf

Lebenserwartung und BIP pro Kopf
Quelle: OECD

Es gibt wenige Länder in der Welt, in der eine ähnliche Entwicklung zu beobachten ist. Eines ist Russland, mit dem die USA in dieser Hinsicht sicherlich nicht verglichen werden wollen. In Russland spielt bei der sinkenden Lebenserwartung vor allem der zunehmende Alkoholkonsum eine Rolle. Der Rückgang der Lebenserwartung ist noch stärker als in den USA.

Wie ich auf diese Zahlen komme? Ökonomen schauen bei der Länderanalyse üblicherweise nicht auf solche Faktoren. Sie interessieren sich vor allem für das Bruttoinlandsprodukt und seine Komponenten sowie für Wettbewerbsfähigkeit, Gewinne, Zinsen und Liquidität. Das ist aber eine zu starke Einengung des Blickfeldes.

Wichtige Faktoren, vor allem die, die die Zukunft eines Landes beeinflussen, bleiben dabei außen vor. Am Kapitalmarkt, vor allem am Bondmarkt ist man da viel weiter. Anleger begnügen sich nicht mit Makrodaten. Sie suchen darüber hinaus nach weiteren Indikationen für rentable und vernünftige Investitionen. Bei ESG-Investitionen (Environment, Social, Governance) beispielsweise beziehen sie auch ethische Gesichtspunkte ausdrücklich in die Betrachtung ein. Es liegt daher nahe, dies auch bei volkswirtschaftlichen Analysen zu tun.

Wenn man das macht, müsste man eigentlich alles mit einbeziehen, was die Qualität des Lebens in einer Gesellschaft beeinflusst. Dazu gehören sowohl die Sicherheit der Bürger, die Einkommens- und Vermögensverteilung, das Bildungssystem und natürlich die Umwelt. Die OECD hat einen solchen Better Life Index mit 24 Komponenten entwickelt. Das ist ein außerordentlich komplexes und unübersichtliches System.

Ich habe in der Grafik aus Vereinfachungsgründen nur das Pro-Kopf-Einkommen als Proxy für die ökonomischen Faktoren und die Lebenserwartung als Spiegel des Wohlbefindens in der Gesellschaft genommen. Dahinter steht die Überlegung, dass die Attraktivität eines Landes umso größer ist, je höher das Einkommen und die Lebenserwartung der Menschen sind.

Es zeigt sich, dass die Vereinigten Staaten bei der Lebenserwartung auch ohne den Rückgang in den letzten Jahren hinterherhinken. Sie liegen, was kaum jemand erwarten würde, kaum vor der Türkei. Bei den ökonomischen Faktoren, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, sind sie dagegen weit vorne. In der Vergangenheit konnten Anleger in den USA gut Geld verdienen. Das kann auch noch so weitergehen, gleichwohl würde ich im Hinblick auf die Zukunft etwas vorsichtiger sein. Hier könnte sich, wenn sich die Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt, langfristig Ungutes zusammenbrauen.

Man kann das Modell auch auf andere Länder anwenden. Am besten steht – das ist nicht weiter verwunderlich – die Schweiz da. Sie hat nicht nur eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen (USD 80.000). Sie hat auch eine der höchsten Lebenserwartungen (83 Jahre) in der Welt. Sie steht also sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich gut da. Das erklärt die hohe Attraktivität des Landes und seiner Währung und Kapitalmärkte.

Japan fällt in der Tabelle voll heraus. Es hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt (83,9 Jahre), bewegt sich aber beim Sozialprodukt eher im Mittelfeld. Hier besteht in Sachen Ökonomie noch viel Nachholpotenzial. Es rächt sich, dass bei den Abenomics die notwendigen Strukturreformen immer vernachlässigt wurden.

Interessant sind die Länder Mitteleuropas. Sie haben eine hohe Lebenserwartung, die auch noch weiter steigt. Schweden steht hier an der Spitze. In Sachen Pro-Kopf-Einkommen bewegen sie sich aber eher im Mittelfeld. Das deutet darauf hin, dass es in dieser Region noch viele Economies of Scale gibt. Weitere Integration innerhalb des Binnenmarktes könnte mehr Wachstum bringen und die Attraktivität dieser Staaten noch deutlich verbessern.

Für den Anleger

Schauen Sie bei Investments nicht nur auf die ökonomischen Faktoren. Eine Betrachtung der Lebensqualität der einzelnen Länder kann Sie vielleicht auf zusätzliche Ideen bringen. Es ist kein Zufall, dass die Schweiz derzeit relativ gut dasteht.

Über den Autor: Martin W. Hüfner

Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt, zunächst 1988 bis 2001 bei der Bayerischen Vereinsbank und dann von 2001 bis 2005 bei der Hypovereinsbank ( Zum Testbericht) in München. Seit April 2009 ist er Chefvolkswirt der Assenagon Asset Management S.A.

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Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber des EXtra-Magazins. Einer der führenden ETF-Informationsplattformen in Deutschland. Er hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Finanzen und Geldanlage mit Schwerpunkten auf Exchange Traded Funds, Robo-Advisors und digitale Bankdienstleistungen und ist ein gefragter Experte auf diesen Gebieten.