Start Interview Anbieter können mit der Indexauswahl Akzente setzen

Anbieter können mit der Indexauswahl Akzente setzen

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Von der Griechenland-Krise bis zum ungebrochenen Boom in der ETF-Industrie – das Jahr 2010 hat viele Facetten. Dr. Hartmut Graf, CEO des Indexanbieters STOXX Ltd., erklärt im Interview mit dem EXtra-Magazin die wichtigsten Marktentwicklungen und die Rolle, die Indexanbieter hierbei spielen. Seit Juli vertreibt STOXX neben den eigenen Indizes auch das Indexangebot von Deutsche Börse AG und SIX Group AG. Der Hintergrund: Seit Ende vergangenen Jahres sind die Deutsche Börse AG und die Schweizer SIX Group AG alleinige Anteilseigner an STOXX. Das gemeinsame Indexangebot bildet die Grundlage für rund 30 Prozent des insgesamt in Europa in ETFs verwalteten Vermögens.

Herr Dr. Graf, rund 200 ETFs sind in diesem Jahr neu gelistet worden, während das verwaltete Vermögen weniger dynamisch zugelegt hat als in den vergangenen Jahren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Wir glauben, dass das verwaltete Vermögen in Indexprodukten auch in Zukunft weiter dynamisch wachsen wird. Wir sehen in der gegenwärtigen Abschwächung des Wachstums eher eine Verschnaufpause. Denn die Möglichkeiten von Index-Investments sind noch lange nicht ausgereizt. Wir erweitern beständig das Spektrum an Märkten und Anlageklassen, für die wir Indizes berechnen. Investoren können somit immer mehr Markttrends und Strategien mit Indexprodukten umsetzen.

Auf welche Markttrends in 2010 konnten Anleger denn mit Indexprodukten reagieren?

Ein Beispiel ist die Griechenland-Krise. Wer seinem Portfolio Volatilität beigemischt hatte, konnte von den sprunghaft gestiegenen Volatilitäts-Erwartungen profitieren. Im Verlauf des Jahres haben wir das Indexangebot für Investments in die erwartete Volatilität des europäischen Aktienmarktes mit dem EURO STOXX 50 Investable Volatility Index und den VSTOXX Short- und Mid-Term Futures Indizes ausgebaut. Das zeigt: Selbst eine so komplexe Anlageklasse wie Volatilität lässt sich über Indizes abbilden. Anleger können somit ihr Portfolio breiter diversifizieren oder ihre taktische Asset Allocation verbessern.

Welche Markttrends ließen sich 2010 noch über Indizes umsetzen?

Einer der wichtigsten Trends ist die wirtschaftliche Dynamik der Emerging Markets und ihre wachsende Bedeutung für die Weltwirtschaft. ETFs auf diese Märkte zählen zu den Produkten mit den höchsten Mittelzuflüssen in diesem Jahr. Die Unterschiede der einzelnen Indizes bei Wertentwicklung und Diversifikation sind jedoch teilweise erheblich.

Inwiefern?

Beispielsweise entwickelte sich der DAXglobal Russia+ Index seit 2001 jährlich um drei Prozentpunkte besser als ähnliche Indizes für den russischen Markt, in Bullenmärkten sogar noch besser. Denn der DAXglobal Russia+ enthält auch an den entwickelten Aktienmärkten in London und New York gelistete, physisch hinterlegte Zertifikate auf die jeweiligen Unternehmen, sogenannte American oder Global Depository Receipts (ADR bzw. GDR). Das erhöht die Liquidität. Meistens wählen zudem insbesondere große und wachstumsstarke Unternehmen den Weg an die weltweit bedeutenden Börsenplätze, was die Performance des Portfolios steigert.

Gibt es weitere Unterschiede in der Index-Methodik?

Moderne Indexkonzepte vermeiden die Ungleichgewichte, die traditionelle Benchmarks etwa bei der Ländergewichtung aufweisen. So sind bei der herkömmlichen Gewichtung nach Marktkapitalisierung stets boomende Märkte und Länder mit einer hoch entwickelten Aktienkultur übergewichtet. Werden die Indexwerte eines Landes dagegen nach dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP) gewichtet, erhalten Investoren ein passgenaues Spiegelbild der volkswirtschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Region.

Zehn Jahre nach dem Start von ETFs in Europa tummeln sich immer mehr ETF-Anbieter im Markt. wie können die einzelnen Anbieter Investoren hier einen Mehrwert bieten?

Eines der wesentlichen Qualitätsmerkmale eines ETF ist – wie die genannten Beispiele zeigen – der zugrunde liegende Index. Anbieter können daher mit der Indexauswahl Akzente setzen. Wer etwa frühzeitig Produkte auf Volatilitätsindizes angeboten hat, konnte Anlegern in der Griechenland- Krise einen Mehrwert bieten. Ähnliches gilt für die schnell wachsende Zahl an ETFs auf die verschiedenen Short- und Leveraged-Indizes. Auch hier honorieren Anleger den Mut zu Innovationen mit hohen Börsenumsätzen und steigendem Anlagevermögen. Aber nicht allein bei neuen Indizes gibt es Spielraum, um Anlegern Zusatznutzen zu schaffen.

Wo gibt es diese Möglichkeiten noch?

Die beschriebenen innovativen Indexmethodiken für Emerging Markets finden sich bislang nur selten in den Produktpaletten der ETF-Anbieter. Auch lassen sich Investmentideen wie etwa ein Fokus auf exportstarke Unternehmen oder Trends wie die zunehmende Urbanisierung in China sicher noch stärker über ETFs und ETNs umsetzen. Entscheidend hierbei ist jedoch, eine transparente und objektive Indexsystematik zu gewährleisten. Dies lässt sich allein über eine unabhängige Berechnung durch anerkannte Indexanbieter sicherstellen.

Sprechen wir über STOXX. Auch bei Ihnen hat sich in diesem Jahr viel getan.

Das ist richtig. Die vergangenen Monate standen stark im Zeichen der Integration des Angebots von STOXX, der Deutschen Börse und der SIX Group. Zu Beginn stand sicher die notwendige Integrationsarbeit, bereits seit Juli bieten wir jedoch schon das gesamte Indexangebot von STOXX, Deutscher Börse und SIX Group aus einer Hand an.

Welche Vorteile versprechen Sie sich hiervon?

Wir bringen nun die Expertise von drei etablierten Indexanbietern zusammen. Hiervon versprechen wir uns vor allem Impulse für die Weiterentwicklung unseres Produktangebotes. Schließlich fi nden hier mehrere für ihre innovativen Indizes ausgezeichneten Anbieter zusammen.

Was können Investoren und Emittenten für 2011 von STOXX erwarten?

Wir bauen nicht nur unsere natürlichen Stärken aus und werden auch Indizes für einzelne europäische Länder anbieten, sondern wir werden vor allem unser globales Indexangebot konsequent erweitern. Dies wird neben dem Ausbau des Produktangebotes für andere Anlageklassen einer der Schwerpunkte unserer Arbeit in den nächsten Monaten sein.

Wie sehen Sie die künftige Rolle von STOXX in der ETF-Industrie?

Wir sind der festen Überzeugung, dass sich Emittenten vor allem mit intelligent konzipierten Indizes im zunehmenden Wettbewerb Vorteile verschaffen können. Hierzu brauchen sie jedoch einen starken Partner, der sie bei Konzeption und Berechnung unterstützt. Der Investor kann sich sicher sein, mit STOXX einen unabhängigen, objektiven und verlässlichen Partner zu haben – hierfür steht auch die Marke STOXX. Diesen Grundwerten von Unabhängigkeit bleiben wir auch weiterhin verpflichtet.

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Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.