Andreas Hackethal, Wirtschaftsprofessor an der Goethe Universität in Frankfurt.
Andreas Hackethal, Wirtschaftsprofessor an der Goethe Universität in Frankfurt.

Robo-Advisors gewinnen zunehmend an Attraktivität, wenn es um Altersvorsorge geht. Wir haben mit Andreas Hackethal, Wirtschaftsprofessor an der Goethe Universität in Frankfurt, über die Möglichkeiten der Digitalisierung bei der Geldanlage gesprochen. Seit 2009 gehört er im Übrigen dem Fachbeirat der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und seit 2011 der Börsensachverständigenkommission am Finanzministerium an. Von der Hochschulzeitschrift Unicum wurde er für seinen Einsatz für Studierende zu Deutschlands Professor des Jahres 2010 gewählt.

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Herr Hackethal, je einfacher die Altersvorsorge, desto besser sorgen die Menschen wahrscheinlich vor. War früher das Thema einfach zu langweilig und undurchsichtig?

Tatsächlich weiß kaum jemand, wieviel er im Alter insgesamt bekommt und ob das auskömmlich ist. Die allgemeine Lohnersatzquote des bundesdeutschen Eckrentners sagt mir wenig und all die eigenen Unterlagen mühsam zusammenzusuchen, ist spassbefreit. Gleichzeitig gilt: Ohne Ahnung vom eigenen Status quo tappt man im Dunklen, wieviel gespart werden soll und diese Ungewissheit hält viele vom Planen und Sparen ab. Erst dann kommt die Frage, wie eine etwaige Rentenlücke am besten zu schließen ist. Und da kommen wir zur Frage: Altersvorsorgeprodukte oder Wertpapierportfolios mit ETFs?

Kann die Digitalisierung hier einen wertvollen Beitrag leisten?

Ordner durchwälzen und Daten mit Taschenrechner oder am Computer auswerten ist natürlich aufwendig und schwierig. Die Digitalisierung mit ihren Möglichkeiten, Daten zu sammeln, mit cleveren Algorithmen auszuwerten und die Resultate so darzustellen, dass jeder sie versteht und direkt nutzen kann, wird gerade bei den Renteninformationen einen Unterschied machen. Wenn ich jederzeit verlässlich meine Renteninfo zur Hand habe, kann ich sie auch in mehr Entscheidungen zu Sparen und Konsumieren einfließen lassen.

Warum gewinnen Robo-Advisors derzeit an Attraktivität?

Robos machen es einfach und mit überschaubaren Kosten möglich, Geldanlage gemäß Lehrbuch zu betreiben. Das heißt neben sehr günstig vor allem sehr breit gestreut und mit passendem Risikoprofil der Gesamtanlagen. Die meisten Robo-Advisor-Kunden sind frühere Wertpapierkunden. Wer sich früher viel Zeit für die Titelauswahl genommen hat, kann sich diese Zeit jetzt sparen. Außerdem werden die Portfolioausrichtung auch die meisten klassischen Anlagefehler vermieden. Und wer das zuvor einem Berater überlassen hat, spart sich vor allem Geld und muss nicht Gefahr laufen, nur die Produkte zu bekommen, mit denen der Berater am meisten verdient. Denn das ist selten gut für den Kunden.

Die Robos hatten vielleicht auch Glück, dass es seit ihrer Geburt keine ernsten Krisen gab. Was ist, wenn mal die Börsen in die Knie gehen?

Der Test steht in der Tat noch aus. Wenn man sich aber in den vergangen zwei Jahren die Phasen ansieht, in denen der Markt mal fünf oder zehn Prozent nachgab, so konnte man hier keine Flucht aus Robos feststellen. Das liegt daran, dass es sich mehrheitlich um Leute handelt, die schon Wertpapiererfahrung haben. Diese wissen schon, worauf sie sich einlassen. Ein interessanter Aspekt ist aber auch, dass viele Robo-Advisors mit Sparzielen und Szenarien arbeiten und in Krisenszenarien dem Panikausstieg langfristig überlegene Handlungsoptionen gegenüberstellen. Nehmen wir an, Sie haben die Renovierung Ihrer Küche in fünf Jahren als Sparziel und nun brechen die Märkte ein. Was können Sie machen? Reicht vielleicht eine etwas günstigere Küche, kann ich auch zwei Jahre länger darauf warten, sollte ich meine Sparrate anpassen? Anstelle also aus dem Markt zu flüchten, kann ich selbst Maßnahmen ergreifen, um dennoch meine eigentlichen Ziele zu erreichen. Häufig sind langfristige Ziele gar nicht gefährdet, wenn die Kurse nachgeben. Das gibt Gelassenheit und Kunden lernen über die Zeit, mit Schwankung umzugehen und geduldiger zu denken.

Viele Robo-Adivsor-Kunden sind gleichzeitig auch bei Filialbanken. Dem Bankberater käme doch ein Absturz an der Börse gelegen, nach dem Motto: Ich habe es Ihnen doch schon immer gesagt, dass Robos nichts bringen.

Da müsste die Filialbank aber zeigen, dass ihr aktiver Fonds, der damit wirbt, rechtzeitig vor dem Crash umzuschichten, auch wirklich besser abgeschnitten hat. Denn jemanden, der ein solches Market-Timing beherrscht, den müssen Sie mir erstmal zeigen. Diese Fähigkeit hätte jeder gerne, aber keiner hat die dafür nötige Glaskugel.

Es gibt doch auch digitale Vermögensverwalter, die in beide Richtungen gehen: Also zwar digital agieren, aber dennoch auf Einzeltitel setzen. Was halten Sie davon?

Davon halte ich nichts. In dem Moment, wo der Anspruch einer Vermögensverwaltung ist, in liquiden Märkten Alpha herauszuholen, also die Märkte zu schlagen, ist Vorsicht geboten. Eine Vermögensverwaltung ist letztlich auch ein Portfolio, das denselben Gesetzmäßigkeiten folgt. Und wenn ein Vermögensverwalter behauptet, den Dreh für systematische Outperformance herauszuhaben, kann ich nur auf die entsprechenden Studien verweisen, die eindeutig für passives Anlegen sprechen. Davon unbeschadet besteht natürlich die Möglichkeit, dass Vermögensverwalter dank Digitalisierung Portfolios mit individuellen Risikoprofilen aussteuern, die sich perfekt in private Bilanzen vermögender Einzelkunden einpassen.

Kommen wir nochmal auf die digitalen Rentencockpits zu sprechen. Wie weit sind hier die bekannten Anbieter schon?

Die Krux ist, wie die Daten automatisiert von den Rententrägern ins individuelle Cockpit kommen und dann standardisiert aufbereitet werden. Heute müssen die Kunden noch selbst ihre Daten zur Verfügung stellen oder einpflegen. Das hält laut unserer jüngsten Pilotstudie sieben von acht Sparern davon ab und wenn ich all meine Daten einem Makler gebe, ist die Motivation klar, denn je größer die dargestellte Rentenlücke, umso mehr Produkte können vermittelt werden. Wir brauchen also saubere Schnittstellen und eine transparente, einheitliche Berechnungslogik für alle Cockpits.

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Bräuchte es bei dieser Datenproblematik einen staatlichen Anbieter, der keine kommerziellen Interessen verfolgt?

Eine Renteninformationsplattform muss neutral und unabhängig sein. Da wäre der Staat aber für viele Bürger nicht der Lieblingspartner, weil er selbst über die gesetzliche Rente am Markt teilnimmt und weil sie eine Datenkrake fürchten. Es gibt aber mittlerweile Technologien, die dem Bürger volle Datenhoheit über die eigenen Renteninfos garantieren und gleichzeitig eine saubere Schätzung der Rentenansprüche. Bis Ende 2019 werden die Goethe Universität und der Verein Deutsche Renten Information zusammen mit zehn Industriepartnern eine solche Plattform durchtesten und bundesweit vorstellen.

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Thomas Brummer war nach dem Betriebswirtschaftsstudium für das Anlegermagazin „Der Aktionär“ tätig. Im Anschluss schrieb er mehr als vier Jahre für das Verbraucherportal biallo.de und einige Tageszeitungen, wie Münchner Merkur, Rhein Main Presse, Frankfurter Neue Presse oder Donaukurier. Währenddessen hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 schreibt er für extra-funds.de und das EXtra Magazin.