Start Interview Anleihen-ETFs sind auf dem Weg zu einem neuen Rekordjahr

Anleihen-ETFs sind auf dem Weg zu einem neuen Rekordjahr

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Konrad Kleinfeld, Vice President und Fixed Income Specialist im Bereich ETF Sales in Deutschland bei BlackRock

Vor 15 Jahren legte iShares seine ersten Anleihen-ETFs auf. Das EXtra-Magazin sprach dazu sowie über die Chancen und Risiken des heutigen Anleihemarktes mit Konrad Kleinfeld, Vice President und Fixed Income Specialist im Bereich ETF Sales in Deutschland bei BlackRock.

Vor 15 Jahren legte iShares die ersten Anleihen-ETFs auf. Vor welcher Herausforderung stand damals iShares und hätten Sie damals gedacht, dass inzwischen Anleihen-ETFs bei Anlegern ein so beliebtes Anlageinstrument sind?

„Die Anleihenmärkte unterscheiden sich in mehrerlei Hinsicht von den Aktienmärkten, etwa im Hinblick auf die Anzahl der Emissionen, die Liquidität und das Market Making. Außerdem haben sich in diesem Bereich teilweise andere Indexanbieter etabliert als im Aktienbereich. All das galt und gilt es bei der Konstruktion von Anleihen-ETFs zu bedenken. Als wir die ersten börsengehandelten Indexfonds auf Anleihen auf den Markt gebracht haben, hatten ETFs sich zuvor schon im Aktienbereich etabliert. Insofern entspricht das Verhalten der Investoren einem üblichen Muster, das auch in anderen Branchen bei Produktinnovationen zu beobachten ist: Konsumenten, in unserem Fall Anleger, erproben Neuerungen zunächst in einem Segment, bevor sie sie nach erfolgreicher Bewährungsprobe immer breiter einsetzen. Diese Entwicklung setzt sich bis heute fort.“

Die Zinsen festverzinslicher Wertpapiere befinden sich auf einem historischen Tiefststand, zudem dürften wie bereits in den USA auch andernorts die Zinsen steigen, so dass die Anleihen-Kurse sinken. Warum sollte man als Privatanleger ohne bestimmte Anlagevorgaben in solch einem Umfeld trotzdem in Anleihen investieren?

„Anleihen sind nach wie vor fester Bestandteil breit aufgestellter Portfolios. Wie wichtig ihr Beitrag zur Risikostreuung gerade langfristig betrachtet ist, unterstreichen Zahlen des Analysehauses Morningstar: Demzufolge hat der breite US-Aktienmarkt seit 1929 in 24 Kalenderjahren negative Renditen erzielt – im Schnitt dieser negativen Jahre belief sich das Minus auf 13,6 Prozent. Ein breit angelegtes Portfolio aus US-Staats- und Unternehmensanleihen hat sich in 92 Prozent der Fälle, wenn es bei US-Aktien bergab ging, positiv entwickelt – wobei die Kurse um durchschnittlich 5,1 Prozent nach oben liefen. Vor diesem Hintergrund ist es für langfristig orientierte Anleger nach wie vor sinnvoll, Anleihen – allein schon aufgrund deren Diversifikationsbeitrags – ins Portfolio zu integrieren. Dementsprechend hoch ist die Nachfrage nach börsengehandelten Indexfonds auf Anleihen: Weltweit haben sie in der ersten Jahreshälfte 2017 rund 87,8 Milliarden Dollar frisches Kapital verbucht. Im bisherigen Rekordjahr 2016 waren es über alle zwölf Monate hinweg 115,7 Milliarden Dollar. Das heißt, Anleihen-ETFs sind auf dem Weg zu einem neuen Rekordjahr.“

Die Warnungen vor einem baldigen Platzen einer Anleiheblase werden immer lauter. Sind Anleihen angesichts der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken und der exorbitanten Kreditblase in China wirklich noch so sicher, wie sie es versprechen?

„Anleger sollten das veränderte Marktumfeld und ihr Gesamtportfolio betrachten, wenn Sie Anleihen-ETFs auswählen. Zum einen entwickeln die globalen Anleihenmärkte sich zunehmend im Gleichschritt, sprich die Korrelationen zwischen Zinspapieren aus verschiedenen Regionen wie Europa, den USA und Japan werden tendenziell stärker. Der Grund dafür ist die zunehmende Vernetzung der Märkte im Zuge der Globalisierung. Zudem verhalten sich die einzelnen Segmente des Anleihenmarktes im Vergleich zu Aktien und anderen Anlageklassen teilweise unterschiedlich. So ist der Gleichlauf zwischen Unternehmensanleihen und Aktien mitunter recht hoch, während klassische Staatsanleihen vielfach anders als Aktien reagieren und eher anfällig gegenüber Zinserhöhungen sind. Vor diesem Hintergrund sollte der gezielten Beimischung von Anleihen eine umfassende Bestandsaufnahme bestehender Portfoliopositionen vorausgehen, um die gewünschte Wirkung auch tatsächlich zu erzielen. Anleger, die dabei Unterstützung wünschen, finden inzwischen eine ganze Reihe von Lösungen: von Anregungen zum selbst Nachbilden, etwa in Form unserer iShares Musterportfolios, bis hin zu vermögensverwaltenden Komplettlösungen auf ETF-Basis, zum Beispiel als Dachfonds oder im Flat-Fee-Portfolio im Private Banking.“

Welche Anleihearten sind in diesem Marktumfeld sinnvoll und warum?

„Das hängt natürlich auch von den individuellen Zielen der Anleger und ihren sonstigen Portfoliobeständen ab. Insgesamt sehen wir, dass viele Anleger aus Sorge vor steigenden Zinsen darüber nachdenken, aus Anleihen mit längerer Duration auszusteigen. In diesem Zusammenhang können variabel verzinste Papiere, sogenannte Floater, eine Lösung sein. Deren Referenzsätze ändern sich, um Zinsentwicklungen zu berücksichtigen. Der iShares $ Floating Rate Bond UCITS ETF etwa bietet Zugang zu variabel-verzinslichen Anleihen, die auf Dollar lauten. Er ermöglicht Anlegern, das Durationsrisiko zu senken und ihre Portfolios gegen steigende Zinsen zu schützen.“

Was sind darüber hinaus bei iShares die beliebtesten Anleihe-ETFs?

„ETFs auf Schwellenländeranleihen erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Mit Zuflüssen von weltweit 13,6 Milliarden Dollar haben Anleger Ihnen in der ersten Jahreshälfte 2017 schon mehr frisches Kapital anvertraut als im Gesamtjahr 2016. In Europa beliefen die Zuflüsse sich in der ersten Jahreshälfte unter dem Strich auf 7,5 Milliarden Dollar – damit stechen Schwellenländeranleihen auch hier deutlich hervor. Die Nachfrage ist hoch, weil Investoren ihre Ertragsquellen stärker diversifizieren wollen, denn traditionelle Ertragsquellen sind nach wie vor ziemlich unter Druck. Der iShares J.P. Morgan $ EM Bond UCITS ETF, dessen Portfolio Dollar-Staatsanleihen aus Emerging Markets umfasst, bietet zum Beispiel eine Effektivverzinsung von 5,1 Prozent (Stand: 4. August 2017). Außerdem sehen wir, dass die Nachfrage nach ETFs auf Unternehmensanleihen mit Investmentgrade-Ratings zunimmt – ebenfalls aufgrund vergleichsweise attraktiver Renditen.“

ETFs auf US-Anleihen werden immer beliebter, trotz Währungsrisiken. Was kostet aktuell eine Währungsabsicherung?

„Das hängt nicht zuletzt von den Währungen ab, um die es geht. Generell hat die Volatilität an den Währungsmärkten in den vergangenen zwei Jahren tendenziell zugenommen. Im Zusammenhang damit unterliegen auch die Absicherungskosten Schwankungen. Insgesamt sehen wir, dass die Nachfrage nach währungsgesicherten ETFs auch in Europa steigt.“

Smart-Beta-ETFs im Bereich Anleihen stecken auf dem deutschen Markt eher noch in den Kinderschuhen. Sehen Sie darin einen Wachstumsmarkt?

„Definitiv. Smart-Beta-ETFs sind für insgesamt ein strategisches Thema, in dem wir noch viel Potenzial sehen. Auch hier gilt, was ich eingangs in Bezug auf ETFs insgesamt sagte: Anleger erproben die Produkte zunächst in einem Bereich, sprich Aktien, bevor sie sie breiter einsetzen. Wenn wir erkennen, dass der Bedarf an Smart-Beta-ETFs im Anleihenbereich die entsprechende Größe erreicht, werden wir der Nachfrage gerecht werden.“

Welche Anleihenmärkte sehen Sie derzeit darüber hinaus durch ETFs nur unzureichend abgebildet.

„Aus den vier Anleihen-ETFs, mit denen wir vor 15 Jahren gestartet sind, sind inzwischen knapp 300 iShares ETFs auf Anleihen geworden, zwischen denen Anleger in Deutschland wählen können. Diese decken die wichtigsten Regionen und Segmente ab, inklusive Staats- und Unternehmensanleihen aus Industrie- und Schwellenländern, Investmentgrade- und Hochzinspapieren, Produkten auf einzelne Bonitäts- oder Laufzeitsegmente sowie währungsgesicherten ETFs. Insofern achten wir darauf, dass wir mit zusätzlichen Produktinnovationen einer entsprechenden Anlegernachfrage gerecht werden und Anlegern Mehrwert bieten.“

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.