Steffen Scheuble, Vorstand und Gründer der Solactive AG.

Indizes sind die Basiswerte eines jeden ETF. Doch wie entstehen diese, wer sind die Auftraggeber und worauf müssen Indexanbieter achten, um als ETF-Basiswert ausgesucht zu werden, das fragte das EXtra-Magazin Steffen Scheuble, Vorstand und Gründer der Solactive AG.

Vor gut zehn Jahren ging Solactive an den Start. Inzwischen berechnen Sie rund 1.600 Indizes, einige dienen auch als Basiswert für ETFs. Sie sind dabei nicht nur in Frankfurt sondern auch an anderen Orten der Welt präsent. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Tatsächlich berechnen wir mittlerweile bereits über 6.000 Indizes in unserer eigens entwickelten Plattform. Unser starkes Wachstum der letzten Jahre verdanken wir dabei auch der immensen Nachfrage nach regelbasierten Indizes, die insbesondere durch die zunehmende Regulierung von Finanzprodukten und den andauernden Trend zu passiven Anlagestrategien getrieben ist. Obwohl eine hohe Nachfrage im Markt natürlich gut ist, garantiert sie noch keinen Erfolg: Das Wichtigste für den Erfolg von Solactive ist unser tagtäglicher Einsatz für die konstante Zufriedenheit unserer Kunden und damit den Erhalt unserer starken Kundenbeziehungen, die wir über mehr als 10 Jahre aufgebaut haben. Dabei schätzen unsere Kunden insbesondere unsere hohe Flexibilität, Schnelligkeit und die Qualität unseres Serviceangebots. Ausschlaggebend ist in vielen Fällen jedoch unsere ehrliche und kundenorientierte Preispolitik, durch die wir uns von unseren Wettbewerber absetzen.

Wie entsteht ein neuer Index von der Idee, über die Umsetzung bis hin zum fertigen Produkt?

Während neue Indizes auch auf Basis eines bestehenden Konzepts aufgesetzt werden können, sind sie häufig das Ergebnis grob definierter Ideen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden zu ausgereiften Konzepten weiterentwickeln. Dabei kann es sowohl sein, dass ein Kunde mit seiner Idee zu uns kommt, als auch, dass wir ausgewählten Kunden neue Indexideen unterbreiten.

Durch diese enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Kunden stellen wir sicher, dass wir am Ende ein fertiges Produkt liefern, das alle anwendungsbezogenen Anforderungen erfüllt und mit dem der Kunde zufrieden ist.

Kommt die Idee für die Kreation eines neuen Index eher von den institutionellen Marktteilnehmern oder gibt es bei Ihnen eine eigene Research-Abteilung, die nach geeigneten neuen Themenfeldern sucht?

In vielen Fällen, wenn es um spezialisierte Smart Beta oder Environmental, Social and Governance (ESG) Lösungen geht, sind es unsere Kunden, die mit ihren Ideen zu uns kommen und diese gemeinsam mit uns zu ausgereiften Konzepten weiterentwickeln. Es gibt jedoch auch Indizes, die wir als Solactive für möglichst vielseitige Einsatzzwecke selbst entwickeln. Ein gutes Beispiel hierfür ist unsere neue Solactive Developed Markets Large & Mid Cap Equity Index Family. Diese Indexfamilie umfasst Benchmark-Indizes für insgesamt 23 entwickelte Märkte und kann sowohl als fertige Lösung als auch als Startpunkt für eine kundenspezifische Optimierung verwendet werden. Daneben gibt es bei Solactive auch eine eigene Research-Abteilung, die sowohl quantitative Konzepte akademischer Natur auf ihre Robustheit testet und zu allgemeinen Indexlösungen weiterentwickelt als auch qualitative Ansätze für neue Ideen nutzt.

Immer wieder kommt der Ruf nach noch mehr Transparenz im Indexgeschäft. Aber mehr Transparenz kostet Geld. Und bereits wenige Basispunkte darüber oder darunter entscheiden über den Unternehmenserfolg bei Indexprovidern, oder?

Solactive bereitet sich derzeit auf die Registrierung bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) unter der EU-Benchmark Regulation vor. Die Implementierung entsprechender Prozesse und Standards erfordert selbstverständlich zusätzliche Ressourcen und führt zu steigenden Kosten. Dennoch betrachten wir diesen unter anderem regulatorisch getriebenen Trend zu mehr Transparenz in der Finanzbranche als positive Entwicklung und beobachten auch bei unseren Kunden ein gestiegenes Interesse an mehr Transparenz.

Allein im Aktienbereich werden laut der Index Industry Association rund 3,14 Millionen Indizes berechnet. Was sind neben der Kostenersparnis die wichtigsten Kriterien, dass sich der Index gegenüber dieser Konkurrenz durchsetzt?

Die hohe Anzahl an Indizes – gerade im Aktienbereich – lässt sich einfach durch die Kombinierbarkeit standardisierter Parameter erklären. Nehmen wir beispielsweise alle Aktien in Deutschland: Dieses Startuniversum lässt sich unkompliziert in verschiedene Marktsegmente oder beliebig granulare Sektoren unterteilen. Außerdem lässt sich jeder Index in verschiedenen Währungen, unter Ausschluss oder Einbeziehung von Dividenden und Steuern, und mit oder ohne Smart Beta Optimierung berechnen. Berücksichtigt man alle möglichen Kombinationen dieser und aller weiteren Einflussfaktoren, ergibt sich daraus diese hohe Anzahl an Indizes.

Dieses Beispiel zeigt allerdings auch gut, dass es am Ende nicht so sehr auf die Anzahl an Indizes ankommt, die man als Indexanbieter berechnet, sondern auf die Anzahl an Kunden, die die eigenen Indizes verwenden, und das Anlagevolumen, das von der Kursentwicklung des Indizes abhängt. Aus diesem Grund hat sich Solactive auf flexible Indexlösungen spezialisiert, die anders als die umfangreichen und teuren Standardlösungen anderer Anbieter, genau auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden zugeschnitten sind.

Anleger erwarten von dem jeweiligen Index, dass er möglichst exakt den jeweiligen Markt abbildet und dabei möglichst die höchste Rendite unter den Indizes erzielt. Welche Stellschrauben hat der Indexprovider, dies zu erreichen?

Da sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt, lässt sich leider auch nicht vorhersagen, mit welcher Strategie in Zukunft am Markt erfolgreich eine hohe Rendite erwirtschaftet werden kann. Für die Indexkonstruktion ist es deshalb umso wichtiger, die Plausibilität einer Strategie im Vornherein zu überprüfen und daraufhin die Indexregeln so zu gestalten, dass sie die validierte Strategie exakt abbilden. Als zusätzlicher Indikator für den möglichen Erfolg einer Strategie wird im Regelfall die Robustheit einer Strategie durch einen Backtest bestätigt.

Mit klassischen Indizes lässt sich nicht mehr viel Geld verdienen. Ist dies der Grund dafür, dass verstärkt Faktor- und Smart-Beta-Indizes auf den Markt kommen?

Während klassische Indizes – abgesehen von den wenigen Marktbekannten – immer weniger für tatsächliche Produkte nachgefragt werden, finden sie vor allem bei Vermögensverwaltern weiterhin eine vielseitige Verwendung als Benchmarks. Tatsächlich erleben wir jedoch bei unseren Kunden einen starken Trend zu Smart-Beta-Strategien, thematischen Ansätzen, und in den letzten Jahren verstärkt auch zu Lösungen im Bereich Nachhaltigkeit und Environmental, Social and Governance (ESG).

Sehen Sie die Indizes als Treiber des ETF-Geschäfts oder ist es eher umgedreht?

Das Indexgeschäft ist größtenteils kundengetrieben – Solactive profitiert also sehr stark vom globalen Anstieg des von ETFs und anderen passiven Investments verwalteten Vermögens.

Wieviel der von Ihnen berechneten Indizes werden inzwischen als Basiswert für ETFs, Indexfonds oder auch Zertifikate genutzt und welche konkreten Kriterien entscheiden, inwieweit sie dabei zum Einsatz kommen?

Derzeit werden von uns berechnete Indizes in rund 350 ETFs als Basiswert verwendet. Der Großteil unserer Indizes dient jedoch als Berechnungsgrundlage für unterschiedliche derivative Strukturen wie Zertifikate oder Swaps. Nicht immer werden diese Strukturen dabei börslich gehandelt oder der Verwendungszweck eines Index öffentlich gemacht.

Einige der großen Indexprovider erheben sehr hohe Lizenzgebühren, wenn man darauf entsprechende Produkte auflegt. Profitieren Sie als kleinerer Anbieter davon, dass dann mancher Emittent lieber auf Ihre Indizes zurückgreift?

Die geringe Flexibilität und die hohen Lizenzgebühren der großen Anbieter waren für mich die entscheidenden Faktoren, die damals vor über 10 Jahren zur Gründung von Solactive geführt haben. Zweifellos zeigt der Erfolg, den wir seitdem hatten, dass unser Konzept von kostengünstigen und auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnittenen Indizes funktioniert.

Was sind die aktuellen Trends im Indexgeschäft und was sind die unternehmerischen Ziele in den kommenden Jahren?

Ein bedeutender Trend der in Zukunft nicht nur das Indexgeschäft, sondern die Finanzwelt im Allgemeinen zunehmend prägen wird, ist die steigende Bedeutung nachhaltiger Kapitalanlagen. Wir werden diese Entwicklung – auch im Hinblick auf regulatorische Änderungen – daher weiterhin genau beobachten und uns selbst noch stärker im Bereich Nachhaltigkeit positionieren. Des Weiteren wollen wir natürlich in den kommenden Jahren weiterwachsen und unseren Marktanteil im Indexgeschäft weiter ausbauen.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.