Start Interview BNP Paribas: Quantitatives Research ist die DNA unseres Hauses

BNP Paribas: Quantitatives Research ist die DNA unseres Hauses

85
Claus Hecher, Head of Business Development ETF & Index Solutions – Deutschland, Österreich, Schweiz von BNP Paribas.

BNP Paribas setzt verstärkt auf Smart Beta-ETFs. Über die Hintergründe, das Auswahlverfahren und das Pricing sprach das EXtra-Magazin mit Claus Hecher, Head of Business Development ETF & Index Solutions – Deutschland, Österreich, Schweiz von BNP Paribas.

Vor einigen Wochen hat BNP Paribas Easy drei weitere Smart Beta-ETFs auf XETRA in den Handel eingeführt, darunter zwei Produkte auf europäische und US-amerikanische Dividendenaktien. Was ist das Besondere an den Produkten?

Die Indizes, die innerhalb von BNP Paribas entwickelt wurden, stellen klare Anforderungen an die Liqidität der Aktien. Beispielsweise ommen nur europäische Titel mit einem durchschnittlichen täglichen Börsenumsatz von 10 Millionen Euro in Frage. In einem dreistufigen Selektionsprozess geht es um folgende Fragen: Zahlt die Gesellschaft eine hohe Dividende? Ist die gezahlte Dividende nachhaltig? Sind die finanziellen Mittel vorhanden, um eine hohe Dividende zu zahlen? Die Besonderheit liegt in der Unterteilung der Aktien in 12 Subportfolios, von denen jeden Monat eines ausgewählt und neu zusammengesetzt wird, aber auch in der Festlegung der Unternehmenskennzahlen, anhand derer die Rangliste für die Indexmitglieder  festgelegt wird.  Dieser ausgeklügelte Mechanismus hat während der letzten 10 Jahre für beide Regionen eine höhere Rendite als andere marktübliche Dividendenstrategieindizes ermöglicht. 1)

Eine Erweiterung der ETF-Palette im Bereich Smart Beta wurde bereits angekündigt. Warum setzt BNP Paribas Easy verstärkt auf solche Strategien?

ETFs auf Standardindizes, die die Wertpapiere mit ihrer Free Float Marktkapitalisierung gewichten, unterscheiden  sich im Wesentlichen durch ihre Tracking-Differenz als Maß für die Abbildungsgenauigkeit bzw. durch ihre Performance nach Kosten. Bei Smart Beta Indizes können wir schon auf Basis des Index einen Mehrwert für unsere Investoren generieren, in dem wir auf unsere Researchkapazitäten im Konzern zurückgreifen. Quantitatives Research ist die DNA unseres Hauses. Schließlich geht es darum, sich erfolgreich von anderen Konzepten zu unterscheiden.

Was unterscheidet Smart Beta Produkte von Faktor ETFs?

Die erste Dekade der ETF-Evolution hat eine sehr weitreichende Abdeckung von regionalen und themenbezogenen Indizes hervorgebracht, deren Wertpapiere mit ihrer Free Float Marktkapitlisierung gewichtet werden. Im Lauf der letzten fünf Jahre ergänzen zunehmend Smart Beta ETF die Landschaft, bei denen es grundsätzlich um alternative Indexgewichtungen geht. Dabei liegt der Fokus auf dem Faktor Investing, das auf Renditequellen basiert, die von der Kapitalmarktforschung empirisch nachgewiesen wurden. Bei der Indexzusammenstellung ist gezieltes Stockpicking Trumpf, allerdings regelbasiert und nicht diskretionär wie beim aktiven Management. Beispielsweise setzt der Faktor Value auf die Identifizierung von günstig bewerteten Aktien und der vermutlich bekannteste Faktor Low Risk auf risikoärmere Aktien. All diese Strategien sind über ETF investierbar.

Was unterscheidet den Auswahlprozess bei BNP Paribas Easy Faktor ETFs von anderen Mitbewerbern?

Bei allen Faktoren wird im Indexkonzept angestrebt, Kriterien für die Auswahl von Aktien eines Faktors zu identifizieren, die Überschneidungen weitgehend vermeiden und den Faktor möglichst präzise abbilden. Alle Indizes werden monatlich einem Rebalancing unterzogen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu anderen marktüblichen Konzepten ist die Berücksichtigung der Sektorausgewogenheit, um Verzerrungen gegenüber dem Investmentuniversum zu vermeiden. Es wird angestrebt, die Schwankung des Alphas bei Werten unter 4% zu kontrollieren. Die Ergebnisse überzeugen. Alle europäischen Faktorindizes weisen in einem langjährigen Zeitablauf eine höhere Wertentwicklung gegenüber dem mit Marktkapitalisierung gewichteten Index als Investmentuniversum auf.

Welche Auswirkung hat dies für den Anleger?

Neben einer Chance auf höhere Wertentwicklung  lässt sich das Zinsänderungsrisiko weitgehend ausschalten, insbesondere beim Faktor Low Volatility im Vergleich zu einer Minimum Varianz Strategie. Low Volatility  Faktorstrategien zielen in einem „Long Only“-Portfolio ohne Leverage darauf ab, die Low Risk Faktorprämie zu extrahieren und selektieren dabei Aktien mit einem defensiven Risiko-Ertrags-Profil. Als Risikomaß dient die historische Volatilität, eine Kennzahl, die ausschließlich aus historischen Kursrenditen berechnet wird. Die Umsetzung einer Minimum Volatility Strategie resultiert in einem Portfolio, das von Aktien mit niedriger Volatilität dominiert wird und gewisse Vorteile des Low Volatility Faktors als Nebeneffekt beinhaltet. Die beiden Ansätze werden gern verwechselt. Im Rahmen der Modern Portfolio Theorie von Markowitz liegt ein Minimum Varianz Portfolio auf der Effizienzkurve und weist die niedrigste Portfoliovolatilität auf. Um dieses Portfolio ermitteln zu können, ist es erforderlich die entsprechende Kovarianzmatrix im Optimierungsprozess zu verarbeiten. Eine typische Low Volatility Strategie baut hingegen nicht auf eine Optimierung auf, sondern wählt die Aktien mit der niedrigsten historischen Volatilität aus und berücksichtigt bei der Indexgewichtung die Volatilitätswerte für die individuellen Aktien.  Minimum Varianz-Indizes wie etwa der MSCI World Minimum Volatility Index haben eine hohe Konzentration von Telekom-Aktien und Versorgern und weisen deshalb ein niedriges Beta sowie ein hohes Zinsänderungsrisiko auf. Dieser Umstand führte im Zeitraum 1. Juli bis 30. November 2016 zu Wertverlusten in Höhe von 5,7%, während der MSCI World Index im selben Zeitraum um 4,3% gestiegen ist. Der Grund liegt im Wesentlichen im Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen in diesem Zeitraum.

Wie konkurrenzfähig ist BNP Paribas Easy hinsichtlich des Pricings?

Wir bieten Jahrgangs-Champagner zum Preis von Glühwein. Für unsere Smart Beta ETFs bedeutet dies durchgängig 0,3% Gesamtkostenquote, ganz  am unteren  Ende der Preisskala für vergleichbare Angebote.

Bei welchen der Faktoren, auf den Anleger setzen können, wurde tatsächlich ein wissenschaftlicher Nachweis erbracht, dass mit ihnen eine Überrendite erzielt werden kann?

Das Phänomen der Low Volatility Anomaly wurde bereits im Jahr 1972 von Robert Haugen erforscht. Die Feststellung, dass risikoärmere Aktien langfristig eine mindestens äquivalente Wertentwicklung zeigen wie risikoreichere Aktien, widerspricht dem gesunden Menschenverstand, ist nicht intuitiv oder gar inakzeptabel. „Anleger rechnen nicht mit unterdurchschnittlichen Erträgen risikoreicher Aktien und sind deshalb oft überrascht“, meint Haugen. Die Value Anomaly basiert auf Basu’s Veröffentlichung im Journal of Finance im Jahr 1977. Wenngleich Eugene Fama und Kenneth French dem Faktor Value seit den Neunzigerjahren zu seiner Bekanntheit verholfen haben, kamen während der Internetblase Zweifel an der Strategie auf. Value Aktien können über mehrere Jahre gegenüber ihrem Investmentuniversum eine niedrigere Performance aufweisen. Trotzdem wäre es risikoreich, diesen intuitiv einleuchtenden Faktor als Investor zu ignorieren. Die Momentum Anomaly wurde 1993 insbesondere von Jagadeesh & Titman wissenschaftlich behandelt und die Quality Anomaly von Novy-Marx in 2013.

Nicht jede Strategie funktioniert in jeder Marktphase. Was sollten Anleger dabei beachten, gibt es vielleicht Anregungen, wann welche Strategie Sinn macht?

Während Low Volatility und Quality eher als defensive Faktoren gelten, eignen sich Value und Momentum als „Risk On“-Faktoren. Die Schwierigkeit liegt jedoch im Timing, da die Rangliste der Faktoren im Hinblick auf ihre Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt jährlich wechselt. Wer Ansätzen wie Low Volatility, Value oder Quality strikt gefolgt ist, konnte in den letzten 15 Jahren die meisten Stockpicking-Ansätze schlagen – diskretionäre genauso wie quantitative.

Das Jahresende naht sich, wie sieht die Bilanz für 2017 aus?

Mit Chris Hofmann als Senior Sales Manager und Esther Reithmann als Sales Assistant haben wir das ETF-Team für den deutschsprachigen Raum verstärkt, um unsere Wachstumspläne umsetzen zu können. Chris bringt langjährige Erfahrung im ETF-Geschäft mit, sowohl von der Emittentenseite durch ihre frühere Tätigkeit für Lyxor ETF als auch im ETF-Brokerage bei Unicredit Group.Wir haben in 2017 die Anzahl  der Börsenlistings in Deutschland systematisch ergänzt. Wir bieten inzwischen Anleihen-ETFs an. Neben den Faktor ETFs haben wir seit einigen Wochen ETFs auf Dividendenstrategieindizes im Angebot. Wir haben den ersten Low Volatility für deutsche Aktien an die Börse gebracht sowie für unsere ETFs auf US-amerikanische und japanische Aktien sowie den rolloptimierten Rohstoffindex-ETF währungsgesicherte Anteilsklassen in Euro gelistet. Die Nettomittelzuflüsse sind im Einklang mit unserem langjährigen Wachstumsplan.

Was sind die Ziele der BNP Paribas Easy für das kommende Jahr, in welchen Bereichen möchte sie besonders wachsen?

Es ist das Ziel unseres Teams, wesentlich dazu beizutragen, BNP Paribas Easy ETF möglichst bald unter den zehn grössten ETF-Anbietern in Europa zu sehen. Bis 2020 wollen wir insgesamt mindestens 12 Mrd. Euro in ETFs verwalten. Dazu müssen wir unsere Kundenbasis erweitern, in dem wir sie von der Qualität unserer ETF-Palette überzeugen. Im Rahmen der Produktentwicklung wollen wir unsere ETF-Palette systematisch um attraktive thematische und Smart-Beta-Indizes erweitern. Als Vorbild dient unser bisheriges Angebot an ETFs, die Faktorindizes oder Indizes mit Nachhaltigkeitskriterien im Regelwerk abbilden

Weitere Informationen zu den vergangenen drei Smart Beta-ETFs des französischen Emittenten finden Sie unter „Drei neue Smart-Beta-ETFs auf Dividenden- und Value-Titel“.

 

TEILEN
Vorheriger ArtikelUSA-ETF: US-Unternehmen trotz Trump erfolgreich
Nächster ArtikelUwe Zimmer: Sehnsucht nach dem Sparadies
Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.