Bruno Poulin, Gründer und Geschäftsführer des französischen ETF-Anbieters Ossiam

Das EXtra-Magazin sprach mit Bruno Poulin, Gründer und Geschäftsführer des französischen ETF-Anbieters Ossiam, über das Geschäftsmodell und die Produktpalette seines Hauses sowie die Vorteile innovativer, streng regelbasierter Strategien und die Kunst der Risikoreduktion

Was hat Sie und Ihre Partner 2009 veranlasst, Ossiam zu gründen?

Poulin: Bereits seit der Jahrtausendwende ist die Nachfrage nach passiven Investments Jahr für Jahr deutlich gestiegen. Immer mehr Investoren interessierten sich dafür, bestimmte Kapitalmärkte über einfache, transparente und liquide Vehikel abzubilden, und so stieg die Zahl der ETFs und der von ihnen abgebildeten Märkte rasant. Beispielsweise habe ich das Team geleitet, das 2001 den ersten ETF auf den französischen Leitindex CAC 40 aufgelegt hat. In den darauf folgenden zehn Jahren ist das ETF-Volumen in Europa auf mehr als 400 Milliarden Dollar angewachsen. Ein Grund ist, dass gerade im Zuge der Finanzkrise viele aktive Manager sehr enttäuscht haben. Vor allem in Bezug auf die Absicherung der Investments und das Management von Risiken, das sie häufig anführen, um ihre Gebühren zu rechtfertigen, haben sie vielfach vollständig versagt. Daher wollten wir diesem Mangel an verlässlichem Risikomanagement entgegentreten – mit einem andersartigen, innovativen Ansatz. Schließlich hatte der Großteil der Investoren genug davon zu sehen, dass jeder Anbieter als einfachste Alternative einen eigenen ETF auf den Eurostoxx 50 und andere Mainstream-Indizes auflegt. Echter Bedarf herrschte dagegen an robusten Strategien mit Mehrwert im bewährten, transparenten und kosteneffizienten ETF-Format, wie die Entwicklungen der vorangegangenen Jahre in den USA bestätigten. Heute sind derartige Ansätze als Smart Beta bekannt und verbreitet.

Ossiam gilt als Pionier im Bereich Minimum-Variance-ETFs. Was können diese und was ist der Vorteil beziehungsweise Unterschied dieser gegenüber den bekannteren Low-Volatility-ETFs?

Poulin: Mit der Auflegung einer Reihe von ETFs auf unsere Minimum-Varianz-Strategie im Jahr 2011 waren wir in der Tat weltweit der erste Anbieter derartiger Produkte, genau wie 2013 beim Start eines risikogewichteten Rohstoff-ETF. Und gerade erst haben wir unsere Palette um den Ossiam iSTOXX Europe Minimum Variance High Dividend ETF erweitert, der eine Dividendenstrategie mit reduzierter Volatilität kombiniert. Insgesamt bieten wir in Deutschland derzeit elf verschiedene Minimum-Varianz- ETFs an. Ziel dieser Strategien ist es, Schwankungen des Portfolios, insbesondere aber auch Verluste in Abschwungphasen zu begrenzen, ohne das Renditepotenzial deutlich zu beschneiden. Dabei unterscheiden sich Minimum-Varianz-Produkte in wesentlichen Punkten von Low-Volatility-ETFs, die ebenfalls geringere Schwankungen anstreben. Reine Low-Volatility-Strategien zielen darauf ab, den sogenannten Low Volatility Effekt auszunutzen, der auf der Beobachtung beruht, dass Aktien mit geringeren Schwankungen historisch höhere Erträge einbringen. Daher betrachten sie die individuellen Volatilitäten einzelner Aktien und investieren in diejenigen mit den geringsten Schwankungen. Dieser Ansatz kann allerdings dazu führen, dass einzelne Sektoren wie Versorger und Verbrauchsgüter übermäßig hoch gewichtet werden. Bei einem Low-Volatility-Ansatz wird es daher immer einen gewissen Zielkonflikt zwischen der Reduktion der Schwankungen und der Vermeidung unerwünschter einseitiger Ausrichtung des Portfolios geben. Minimum-Varianz-Ansätze dagegen basieren auf der Beobachtung, dass erhöhte Volatilität an den Aktienmärkten häufig mit Verlustphasen einhergeht. Sie sind darauf ausgerichtet, die Verluste des Portfolios zu begrenzen, indem sie die Volatilität des Gesamtportfolios reduzieren. Bei der Konstruktion eines Minimum-Varianz-Index werden daher neben den historischen Volatilitäten einzelner Aktien auch die Korrelationen der Aktien zueinander betrachtet. Unter Berücksichtigung dieser Daten werden dann über einen Optimierungsprozess diejenigen Aktien ausgewählt und entsprechend gewichtet, die zum Portfolio mit der geringsten erwarteten Volatilität führen. Dabei werden gleichzeitig Bedingungen formuliert und berücksichtigt, die sicherstellen, dass das Portfolio diversifiziert bleibt und nicht einseitig auf Sektoren, Länder oder einzelne Aktien ausgerichtet ist. Auch weitere Risiken wie etwa das Liquiditätsrisiko werden systematisch umgangen. Während sich also Low-Volatility-Ansätze eher für Investoren eignen, die gezielt vom Volatilitätseffekt profitieren wollen und also in erster Linie eine Outperformance gegenüber der Benchmark anstreben, werden risikobewusste Investoren, die möglichen scharfen Korrekturen begegnen, aber gleichzeitig breit gestreut und balanciert in den jeweiligen Markt investieren wollen,  einen Minimum-Varianz-Ansatz vorteilhaft finden. Genau an diese Investoren richtet sich Ossiams Minimum-Varianz-Ansatz.

In diesem Jahr legte Ossiam gleich zwei ETFs auf japanische Aktien auf. Warum gerade Japan, sehen Analysten Ihres Hauses in dieser Region ein besonders großes Potenzial für Anleger?

Poulin: Der Ossiam Japan Minimum Variance ETF bietet Investoren ein breit diversifiziertes Portfolio japanische Aktien, das wie die übrigen Minimum-Varianz-ETFs auf einem streng systematischen Prozess basiert und die Volatilität gegenüber den traditionellen Indizes signifikant reduzieren soll, ohne die Ertragsaussichten notwendigerweise zu beschneiden. Schon seit geraumer Zeit zeigen Investoren ein großes Interesse am japanischen Markt, und der ETF verbindet die Abbildung dieses Markts mit dem Zusatznutzen einer spürbaren Risikoreduktion. Die kürzlich aufgelegte in Euro währungsgesicherte Tranche ist dabei eine direkte Antwort auf das Bedürfnis von Investoren nach der genannten risikoreduzierenden Strategie bei gleichzeitiger Absicherung unerwünschter Währungsschwankungen.

Als Nischenanbieter offerierten Sie auch als erster ETF-Anbieter Value-ETFs, welche auf dem vom Nobelpreisträger Robert Shiller entwickelten „Cape Ratio“ basieren. Was ist der Vorteil zu anderen ETFs dieser Art, die zum Beispiel das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis zur Bewertung heranziehen?

Poulin: Der Ossiam Shiller Barclays CAPE® Europe Sector Value TR UCITS ETF and Ossiam Shiller Barclays CAPE® US Sector Value TR UCITS ETF basieren auf den Shiller Barclays CAPE® Sector Indizes. Diese Indizes haben zum Ziel, die aus einer langfristigen Bewertungsperspektive jeweils attraktivsten Sektoren des europäischen beziehungsweise US-amerikanischen Aktienmarkts zu identifizieren. Zwei Aspekte zeichnen den Ansatz aus: Durch den Value-Fokus strebt die Strategie langfristig eine konsistene Outperformance an. Außerdem beinhaltet sie über die regelmäßige Auswahl der attraktivsten Sektoren eine Timing-Komponente. Die Idee dahinter ist einfach: Jedes Jahr gibt es große Unterschiede in der Performance des besten und des schlechtesten Sektors an den jeweiligen Aktienmärkten, insbesondere in schwankungsreichen Zeiten. Lassen sich die besten Sektoren im Voraus bestimmen, kann konsequent in diese investiert werden, während schwache Sektoren unberücksichtigt bleiben.

Grundlage ist die bereits 1988 vom US-Ökonomen Robert Shiller entwickelte CAPE®-Ratio. CAPE® steht dabei für Cyclically Adjusted Price Earnings, also ein bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Das KGV, das die Gewinne eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinem Aktienkurs setzt, ist eine der am weitesten verbreiteten Kennzahlen für die Bewertung von Aktien. In den Augen Shillers hat es aber gerade für langfristig orientierte Investoren Nachteile, weil kurzfristige Gewinnschwankungen das langfristige Bild verzerren können. Die CAPE® Ratio basiert daher anders als das klassische KGV nicht nur auf dem Gewinn eines Jahres, sondern auf dem Durchschnitt der Gewinne der vorangegangenen zehn Jahre. Damit blendet Shiller kurzfristige Schwankungen der Gewinne aus und erhält ein geglättetes KGV, das die Erträge unabhängig vom jeweiligen Punkt im Konjunkturzyklus berücksichtigt. Anders als das klassische KGV liefert CAPE® daher keine kurzfristigen Signale, auf die sich aktive Trader stützen könnten, sondern Anhaltspunkte für langfristig orientierte Investoren.

Tatsächlich deuten hohe CAPE®-Werte nämlich regelmäßig auf eine schwache Wertentwicklung in den folgenden Jahren. Das gilt sowohl für den Gesamtmarkt als auch für einzelne Sektoren, wie Shiller zeigen konnte. Hierfür haben Professor Shiller und Barclays Bank die Relative CAPE® Ratio eingeführt, die es erlaubt, zwei Sektoren zu einem bestimmten Zeitpunkt zu vergleichen. Anhand dieser relativen CAPE® Ratio identifizieren die Shiller Barclays CAPE® Sector Value Indizes zunächst die fünf am stärksten unterbewerteten Sektoren. Um so genannte Value Traps zu vermeiden, wird in einem zweiten Schritt derjenige Sektor von aussortiert, der über die vorangegangenen zwölf Monate das schwächste Momentum aufweist. Berechnungen für die europäische Variante zeigen, dass sie den MSCI Europe bei vergleichbarer Volatilität zwischen September 2008 und Ende 2016 um jährlich 3,99 Prozentpunkte geschlagen hätte.  Die US-Version hätte den S&P 500 von September 2002 bis Ende 2016 bei geringerer Volatilität um im Schnitt jährlich 3,91 Prozent abgehängt.

Smart Beta-ETFs finden derzeit auch immer mehr Anklang bei Privatanlegern. Wie sehen Sie die Perspektiven in diesem Bereich und wie will sich Ossiam hierbei in diesem Segment für die Zukunft positionieren?

Poulin: Es gibt bislang große regionale Unterschiede. In Europa haben bislang vor allem institutionelle Investoren ihr Wissen über passive Strategien im Allgemeinen und Smart-Beta-Strategien im Speziellen erheblich erweitert, insbesondere in den vergangenen fünf Jahren. Während ETF-Kunden in Europa daher zu rund 80 Prozent institutionelle Investoren und nur zu etwa 20 Prozent Privatanleger sind, ist das Verhältnis in den USA deutlich ausgewogener. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. So investieren US-amerikanische Privatanleger traditionell deutlich stärker in Aktien – die bei weitem am stärksten von ETF abgebildete Anlageklasse; sie sind ferner erfahrener im Umgang mit passiven Strategien. Zudem spielen Vertriebskanäle eine Rolle. Wir können uns aber sehr wohl vorstellen, dass zunehmend auch Privatanleger von aktiven zu passiven Investments wechseln. Allerdings gibt es weiterhin Hindernisse durch die etablierten Vertriebskanäle wie Banken und unabhängige Finanzberater, die auf Rückvergütungen aus Managementgebühren ausgerichtet sind. Das benachteiligt Produkte mit geringeren Gebühren naturgemäß. Hier ist die Regulierung auf dem richtigen Weg, das Problem zu beenden, und die Entwicklungen rund um Robo-Advsiors, die teilweise auf passive Strategien setzen, könnten Anbietern wie Ossiam in den kommenden Jahren helfen. Allerdings verändert sich das Anlegerverhalten nicht von heute auf morgen, und so wird es noch einige Jahre dauern, bis Privatanleger massiv auf passive Investmentprodukte setzen.

Was sind Ihre ETF-Erwartungen für das kommende Jahr, welche Trends erwarten Sie, wo sehen Sie noch für Ossiam größere Lücken, die es zu füllen gilt?

Poulin: Wir sehen derzeit zwei entscheidende Trends, an denen Ossiam teilhat: zum einen den Wechsel von aktiven zu passiven Strategien und zum anderen einen innerhalb des passiven Investmentuniversums von klassischen marktkapitalisierungsgewichteten Indizes zu Smart-Beta-Lösungen. Beide Trends, zurückzuführen auf eine im Schnitt schwache Performance aktiver Manger, die beispielsweise über die S&P Indices versus Active Scorecard gut dokumentiert ist, sowie auf die mittlerweile bekannten Schwächen traditioneller Indizes, die sich besser als Benchmark für bestimmte Märkte denn als Blaupause für ein Portfolio eignen, werden sich fortsetzen und Ossiams Geschäft weiter beflügeln. Dabei sind wir überzeugt, dass es weitere Segmente für neue und systematische Investmentstrategien im Smart-Beta-Bereich gibt. Wir werden das Angebot daher um weitere Anlageklassen wie Anleihen und Multi Asset sowie um andere Risikoprofile erweitern und entsprechende Produkte auflegen. Dabei geht es stets darum, Investoren durch innovative, Research-getriebene Ansätze einen echten Mehrwert zu bieten. Nachahmerprodukte wird es von uns nicht geben. Daneben planen wir, unsere Produkte noch systematischer zu vermarkten, gerade in Deutschland, das ein wichtiger Markt für uns ist, in dem wir viel Potenzial sehen. Institutionelle Investoren hier sind sehr aufgeklärt und verstehen gut, welchen Mehrwert wir genau bieten. Kürzlich haben wir daher unser Vertriebsnetz für den deutschen Markt erweitert, um unsere Kunden hier künftig noch besser unterstützen zu können. Zu unserer Strategie zählt aber auch, geografisch weiter zu expandieren und unsere Produkte in den USA, Asien und dem Mittleren Osten zu vertreiben.

 

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.