Start Interview “Der Marktstart stand unter keinem günstigen Stern”

“Der Marktstart stand unter keinem günstigen Stern”

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Am 10. April 2015 feierte die ETF-Branche das 15-jährige Bestehen von ETFs in Europa. Die Deutsche Börse AG hat den ETF-Markt von Anfang an begleitet. Das Extra-Magazin sprach mit Stephan Kraus, Senior Vice President Market Development, über die Erfolgsgeschichte.

Am 11. April 2000, also vor 15 Jahren, legte Merrill Lynch auf Xetra die ersten beiden europäischen ETFs auf den Euro Stoxx 50 und STOXX Europe 50 auf. Vor welchen Herausforderungen standen damals die Akteure?

Nach der Auflage der ersten europäischen ETFs galt es vor allem, das Konzept eines fortlaufend an der Börse handelbaren Indexfonds möglichst einfach zu vermitteln. Man muss sich vor Augen halten, dass damals kaum ein Anleger in Europa ETFs kannte. Ihre Funktionsweise und Vorteile waren nicht einfach in Fachzeitschriften oder im Internet nachzulesen. Deshalb bedienten sich Emittenten und Börsen zweier bekannter Wertpapiertypen, dem Fonds und der Aktie, um die wesentlichen Produkteigenschaften zu transportieren: die einfache Handelbarkeit der Aktie kombiniert mit der Diversifikation eines Fondsinvestments.

Bereits sieben Jahre zuvor wurde von State Street der erste ETF in den USA aufgelegt. Welche Erfahrungen konnten Sie dabei nutzen?

Anhand der Entwicklung von ETFs in den USA konnten wir erkennen, dass die Produkte von Investoren angenommen und zunehmend nachgefragt wurden. Das machte es einfacher, weitere ETF-Emittenten für Europa zu gewinnen und das Angebot auszubauen. Es wurde aber auch schnell klar, dass in Europa der klassische Vertriebsweg über Banken und Fondsvermittler durch die fehlende Vertriebsmarge schwierig ist. Es blieb somit Emittenten, Börsen und Medien überlassen, ETFs als neues Finanzinstrument bekannt zu machen und Vorteile sowie Einsatzmöglichkeiten zu erklären. Auch hier war der weiter entwickelte US-Markt als Ideengeber hilfreich.

War damals bereits ein solch großer Erfolg dieses neuen Anlageinstrumentes voraussehbar?

Zwar gab es im Jahr 2000 schon seit einigen Jahren ETFs in den USA, allerdings war damals nicht absehbar, dass sie einmal zu den erfolgreichsten Finanzinstrumenten der letzten beiden Jahrzehnte zählen würden. Hinzu kommt, dass ihr Marktstart in Europa unter keinem günstigen Stern stand – man denke nur an das Platzen der Dotcom-Blase und die darauf folgende Entwicklung am Aktienmarkt. Wir haben dennoch an das Potenzial von ETFs geglaubt, auch wenn wir nicht damit gerechnet haben, dass sich aus den zunächst wenigen ETFs ein Markt mit dem heutigen Volumen entwickeln würde.

Weltweit sind in ETPs inzwischen 2,8 Billionen US-Dollar in über 5.000 ETPs investiert. Allein an der Deutschen Börse sind aktuell 1.061 ETFs gelistet. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Kriterien für diesen Erfolg?

Das lässt sich aus den drei Anfangsbuchstaben herleiten: ETFs sind einfach, transparent und flexibel. ETFs ermöglichen jedem Anleger auf einfache Art und Weise, ein breit diversifiziertes Investment in eine Region, Branche oder Anlageklasse einzugehen oder durch Kombination mehrerer ETFs ganz unterschiedliche Strategien umzusetzen. Und das zu äußerst geringen Kosten. ETFs haben zu einer Demokratisierung der Anlagemöglichkeiten über alle Anlegergruppen hinweg beigetragen. Gerade Privatanleger hatten in der Vergangenheit keine Möglichkeit, ihr Vermögen zu solch günstigen Konditionen anzulegen. Darüber hinaus bietet der fortlaufende Börsenhandel die Möglichkeit, jederzeit neue Positionen einzugehen oder bestehende zu veräußern. Über unseren Handelsplatz Börse Frankfurt sogar von 8.00 bis 20.00 Uhr.

Welche Bedeutung hat der ETF-Handel für die Deutsche Börse?

ETFs haben sich als fester Bestandteil des Angebots der Deutschen Börse etabliert. Mittlerweile tragen sie rund zwölf Prozent zum gesamten Kassamarkthandelsvolumen auf Xetra bei. Absolut entspricht das einem durchschnittlichen monatlichen Handelsvolumen von über elf Milliarden Euro. Das XTF-Segment der Deutschen Börse nimmt damit den Spitzenplatz unter allen europäischen Börsen ein. Anleger auf Xetra profitieren somit nicht nur von der größten Auswahl an börsengelisteten ETFs in Europa, sondern auch von der höchsten Liquidität – und damit einer sehr engen Geld-Brief-Spanne im Handel.

Sehen Sie inzwischen auch bei Privatanlegern ein erhöhtes Interesse an ETFs?

ETFs stehen inzwischen ganz klar auch im Fokus von Privatanlegern. Insbesondere Selbstentscheider nutzen ETFs regelmäßig als Baustein einer ausgewogenen und kosteneffizienten Vermögensanlage. Abgesehen von den reinen Transaktionsdaten lässt sich das große Interesse dieser Kundengruppe auch an den hohen Zugriffszahlen auf unser Internetangebot und der starken Nachfrage nach redaktionellen Inhalten zum Thema ETFs ablesen. Natürlich ist es noch ein weiter Weg, bis ETFs alle Gruppen von Privatanlegern gleichermaßen erreichen. Die Berichterstattung in den Medien und die langfristigen Performance- und Kostenvorteile gegenüber alternativen Anlageprodukten werden aber sicher dazu beitragen, dass sich der bestehende Trend auch in Zukunft fortsetzt.

Was muss sich aus Ihrer Sicht noch ändern, um ETFs noch bekannter und interessanter zu machen, gerade auch in Hinsicht auf die Altersvorsorge?

ETFs bieten Anlegern mittlerweile die Möglichkeit, in nahezu jede erdenkliche Region, Branche oder Assetklasse zu investieren. Viele Anbieter haben in den vergangenen Monaten die Verwaltungsgebühren für ETFs auf populäre Indizes weiter gesenkt und dadurch die Attraktivität nochmals gesteigert. Dieser Kostenvorteil macht sich vor allem in der Rendite einer langfristig ausgerichteten Vermögensanlage bemerkbar. So gesehen bringen ETFs eigentlich schon heute alle Eigenschaften mit, um sie auch zielgerichtet für die Altersvorsorge einzusetzen. Allerdings gibt es aus unserer Sicht noch Nachholbedarf bei der Beratung rund um den Einsatz von ETFs. Denn für Anleger ist es nicht nur entscheidend, mit welchen Produkten sie ihr Kapital anlegen oder für den späteren Ruhestand vorsorgen, sondern auch, wie sie diese unter Berücksichtigung ihrer individuellen Renditevorstellungen und Risikobereitschaft einsetzen sollten. Hier gilt es das noch in den Kinderschuhen steckende Beratungsangebot weiter zu fördern und auszubauen. Deshalb hat die Deutsche Börse vergangenes Jahr ein zweitägiges Seminarprogramm ins Leben gerufen, in dem Mitarbeiter von Banken und Vermögensverwaltern den Abschluss „Zertifizierter ETF-Spezialist“ erwerben und ihre Qualifikation verbessern können.

Stephan Kraus ist Senior Vice President Market Development bei der Deutsche Börse AG und in dieser Funktion für das ETF- & ETP-Segment verantwortlich. Er hat in den vergangenen Jahren an der Entwicklung des europäischen ETF-Marktes mitgewirkt und das ETF-Segment der Deutschen Börse zu Europas führender ETF-Handelsplattform aufgebaut. Innerhalb des Bereichs Market Development ist er zudem für die Weiterentwicklung des elektronischen Handelssystems Xetra zuständig. Kraus besitzt einen Abschluss als Diplom-Kaufmann der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist ein CFA Charterholder.

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.
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