Prof. Dr. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH, sieht Gefahren für die Geldwertstabilität
Prof. Dr. Thorsten Polleit - Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH

Auf der 37. Hauck & Aufhäuser Vermögensverwalter-Veranstaltung in München referierte Prof. Dr. Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH, zum Thema „Geld, Gold und das Vermögen des Scheins“. Das EXtra-Magazin sprach am Rande der Veranstaltung mit ihm über dieses Thema.

In den USA wurde Ende 2015 die Zinserhöhung eingeleitet, im Euroraum geht es mit den Zinsen weiter bergab bis zu Negativzinsen. Was bedeutet dies aus Ihrer Sicht für die Anleger?

Mit traditionellen verzinslichen Sparinstrumenten – Bankeinlagen und Schuldpapieren – wird man die Altersvorsorge nicht mehr ansparen können. Anleger, die auf Verzinsliches setzen, werden Verluste erleiden. Anleger sollten nicht untätig sein, sondern sich nach alternativen Spar- und Investitionsformen umschauen.

„Nur Bares ist Wahres“, heißt ein deutsches Sprichwort. Hat das heutige Bargeld in Papierform angesichts der weltweiten Verschuldung zahlreicher Staaten und einer expansiven Geldpolitik heute überhaupt noch seinen wahren Wert?

Das heutige Geld ist ein sogenanntes ungedecktes Geld. Es hat die Form von Buchgeld und Bargeld, letzteres gibt es in Form von Münzen und Banknoten. Zwar schwindet im Zeitablauf die Kaufkraft, also der Wert, des ungedeckten Geldes. Es wird aber, soweit ich das beobachten kann, derzeit problemlos zu Zahlungszwecken akzeptiert. Ob das jedoch künftig auch weiter so bleiben wird, steht auf einem anderen Blatt.

Wie groß sehen Sie die Chancen, dass die Staaten sich wieder auf den Goldstandard ihrer Währung besinnen?

Derzeit gibt es keine Bestrebungen, das ungedeckte Geldsystem wieder im Gold zu verankern, weder bei Regierungen noch bei meinungsführenden Ökonomen. Ich fürchte jedoch, die Probleme im internationalen Kredit- und Geldsystem werden noch derart groß werden, dass man gar nicht umhinkommen wird, zum Goldgeld zurückzukehren.

Immer öfter wird unter dem Stichwort Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung die Abschaffung des Bargeldes gefordert. Sind das aus Ihrer Sicht die wirklichen Gründe und was bedeutet dies für jeden Einzelnen von uns und speziell für die Anleger?

Die Motive, mit denen die Begrenzung oder Abschaffung des Bargeldes erreicht werden sollen, sind unterschiedlich. Das Bestreben, einen Negativzins einzuführen, dürfte jedoch die Diskussion maßgeblich antreiben. Denn um einen Negativzins einführen zu können, muss die Bargeldverwendung erschwert beziehungsweise unmöglich gemacht werden. Für die Gesellschaft insgesamt, nicht nur für Anleger, würde die Bargeldlosigkeit rasch zum ernsten Problem: Der Bürger würde vollends gläsern, erzwungenermaßen.

Welche Rolle spielen künftig alternative Zahlungssysteme wie Regionalwährungen (Chiemgauer, Roland, Bethel-Euro) oder Bitcoins?

Ein Geld wird umso produktiver, je größer seine Verbreitung ist. Regionalwährungen sind, wie der Name besagt, auf eine Region beschränkt und sind so gesehen suboptimal. Cryptoeinheiten wie zum Beispiel der Bitcoin haben durchaus die Chance, zum Geld aufzusteigen. Der Aufstieg des Bitcoin steht für einen Währungswettbewerb, einer sehr wünschenswerten Entwicklung, wie ich meine: Menschen sollen frei wählen können, was sie als Geld akzeptieren wollen.

Sie erwähnten, dass es Überlegungen zu einer digitalen Währung mit Golddeckung gibt. Wie kann diese aussehen?

In der Diskussion sind sogenannte „gefärbte Bitcoins“ (englisch: Colored Bitcoins). Sie sind quasi ein digitaler Lagerschein, der das Eigentum an einer Sache wie zum Beispiel physischem Gold verbrieft. Mit Colored Bitcoins könnte – wenn die technische Entwicklung weiter Fortschritte macht – vielleicht irgendwann einmal ganz problemlos im Internet bezahlt werden.

Herr Prof. Dr. Thorsten Polleit, inwieweit wird dadurch die Attraktivität von Gold erhöht?

Ein digitalisiertes Goldgeld würde, wenn es sich ungehindert entfalten könnte, aus Sicht vieler Menschen vermutlich ein geradezu perfektes Geld sein. Aber schon heute steigt die Attraktivität des Goldes: Es dient wieder zusehends zur Wertaufbewahrung, die man den ungedeckten Währungen immer weniger zutraut. Dieser Trend wird sich vermutlich künftig noch weiter verstärken.

Wie bewerten Sie aus Ihrer Sicht das Kurspotenzial von Gold und wie hoch sollte der Goldanteil in einem Anlegerdepot sein?

Wenn die Zentralbanken immer mehr ungedecktes Geld in Umlauf bringen, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Goldpreis weiter ansteigt – zumal er derzeit vergleichsweise günstig zu sein scheint. Wer sich entscheidet, einen Teil seines Vermögens in liquiden Mitteln zu halten, der sollte natürlich vor allem auch die Währung Gold halten.

Welchen Tipp geben Sie Anlegern allgemein, die angesichts angesprochener Risiken ihr Vermögen sichern möchten?

Meine Empfehlung lautet: Setzen Sie auf die produktiven Kräfte des Unternehmertums. Investieren sie in Aktien von Unternehmen, die auch bei Inflation und in Wirtschaftskrisen weiter erfolgreich wirtschaften können. Und halten sie einen Teil ihrer liquiden Mittel in der Währung Gold. Und zwar in physischem Gold. Das auch vor dem Hintergrund, dass Gold nicht nur eine Versicherung gegen Inflation ist, sondern auch eine gegen Zahlungsausfälle.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.