Start Interview „Es gibt aus unserer Sicht mehrere Rohstoffe, die derzeit attraktiv sind“

„Es gibt aus unserer Sicht mehrere Rohstoffe, die derzeit attraktiv sind“

46
Robotik und Automatisierung ist ein äußerst dynamischer Wirtschaftszweig
Bernhard Wenger Vertriebsleiter Europa, ETF Securities

Rohstoff-Märkte haben sich seit Jahresbeginn nicht so positiv entwickelt, wie zunächst prognostiziert. Das EXtra-Magazin sprach mit Bernhard Wenger, Head of European Distribution bei ETF Securities über die aktuelle Marktlage bei Rohstoffen, die Chancen beim Handel mit Währungen, die Erweiterung der Produktpalette des ETF-Emittenten sowie seine neue Arbeit als europäischer Vertriebsleiter.

 

Bernhard Wenger
Vertriebsleiter für Europa bei
ETF Securities

Rohstoffe als Investments haben nicht das versprochen, was man sich zu Beginn des Jahres noch erhofft hatte. Woran lag dies aus Ihrer Sicht?

Ja, es stimmt. Rohstoffe haben sich bisher nicht ganz so entwickelt, wie viele zu Beginn des Jahres erwartet haben. Auch unser Research-Team ist in seinem Basisszenario von einem spürbaren Wirtschaftsaufschwung in den USA und in China sowie einer leichten Erholung in Europa ausgegangen und hat daher eine positive Entwicklung insbesondere bei industriell genutzten Metallen erwartet. Die US-Konjunktur konnte die Hoffnungen bestätigen, China hingegen hinkt den Erwartungen aktuell noch hinterher. Hinzu kommen erhebliche konjunkturelle Sorgen in Europa. Diese weltwirtschaftlichen Eintrübungen haben dazu geführt, dass nur wenige Rohstoffkurse zugelegt haben. Der Kupferpreis zum Beispiel hat verloren, da dieser eng an die chinesische Konjunktur gebunden ist.

Welche Rohstoffe haben in diesem Umfeld dennoch zulegen können?

Mit Nickel, Aluminium, Zink und Palladium haben vier wichtige Metalle bis September deutlich zulegen können und sind auch aktuell in der Gewinnzone. Denn der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland sowie das Exportverbot Indonesiens für unbehandelte Erze unterstützen die Kurse. Der Rohstoff mit dem höchsten Preisanstieg ist jedoch Kaffee. Bis Mitte Oktober hat sich der Kurs von Kaffee seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt.

Trotz zahlreicher Konflikte, sei es in Nahost oder der Ukraine, sinkt der Rohöl-Preis stetig. Warum?

Der Ölmarkt war im bisherigen Jahresverlauf von einem sehr stabilen und teilweise wachsenden Angebot geprägt. Der Boom bei Schiefer-Öl in den USA liefert dank der Fracking-Technologie eine zusätzliche Angebotsquelle. Durch den Ausbau der Energieinfrastruktur kommen die geförderten Energieträger reibungsloser an den Weiterverarbeitungsorten an. Ein zweiter wichtiger Faktor ist: Trotz der Konflikte im Nahen Osten ist die dortige Rohölförderung bisher nicht zurückgegangen. Denn die OPEC kann sich nicht darauf einigen, die Produktionsmengen zu kürzen. Dieses weiterhin hohe Angebot trifft auf eine nachlassende Nachfrage. Wegen der mäßigen weltwirtschaftlichen Entwicklung wird weniger Öl nachgefragt als erwartet.

Auch der Goldpreis kann sich nicht erholen. Was sind die Ursachen dafür, dass der Krisengewinnler anderer Tage derzeit nicht profitiert?

Auf dem Goldmarkt beobachten wir in diesem Jahr eine relativ stabile Entwicklung. Das Edelmetall wurde die meiste Zeit in einer Spanne zwischen 1.250 und 1.350 US-Dollar pro Feinunze gehandelt. Ein zunehmend stärkerer US-Dollar und die restriktivere Geldpolitik der Fed haben auf den Preis gedrückt. Auf der anderen Seite haben wir in diesem Jahr wieder verstärkt strategische Investments in Gold gesehen – auch wegen der Krisenherde. Angesichts des Startniveaus von 1.200 US-Dollar zu Jahresbeginn ist die Entwicklung aus unserer Sicht nicht so negativ wie teilweise dargestellt.

Sind die bisherigen Verlierer, Goldaktien, inzwischen Direktinvestments in Gold vorzuziehen?

Wir sehen Aktien von Goldminenunternehmen als gehebelte Investition auf den Goldpreis. Für Investoren, die auf einen steigenden Goldpreis setzen wollen, kommen daher Goldaktien in Frage. Investoren, die in Gold ein strategisches Investment und eine Absicherung ihres Portfolios sehen, greifen dagegen in der Regel eher zu einem Direktinvestment, etwa über einen physisch hinterlegten Gold-ETC.

Gibt es derzeit trotzdem aus Ihrer Sicht Rohstoffe, die vielleicht auch aufgrund höherer Rollgewinne lukrativ erscheinen?

Es gibt aus unserer Sicht mehrere Rohstoffe, die derzeit attraktiv sind. Die Kurse der Edelmetalle sind nach der Korrektur der letzten Wochen auf einem interessanten Niveau für einen langfristigen Einstieg. Platin wird aktuell rund 10 Prozent unterhalb seiner Grenzkosten gehandelt. Da die Minenbetreiber bei diesen Kursen ihre aktuelle Fördermenge nicht lange aufrechterhalten können, spricht viel für eine Aufwertung. Dies gilt auch für Gold und Silber, bei denen die Minen zu den derzeitigen Kursen zum Teil ebenfalls unter ihrer Gewinnschwelle liegen. Darüber hinaus lohnt sich im Herbst immer auch ein Blick auf den US-amerikanischen Erdgasmarkt. Saisonal bedingt kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu einem signifikant Preisanstieg während der Wintermonate.

Das Jahr nähert sich inzwischen bald dem Ende. Wie sieht die bisherige Bilanz von ETF Securities bei Rohstoff-ETPs in Deutschland als auch in Europa aus?

Wir sehen die Entwicklung insgesamt positiv. Denn derzeit sind viele strategische Investoren in Rohstoffen und damit auch in unseren ETCs investiert. Sie suchen ein langfristiges Engagement – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen. Trotz der schwächer als erwarteten Entwicklung hat sich das verwaltete Vermögen 2014 in Rohstoff-ETPs nahezu stabil gezeigt. Dies war 2013 noch anders, als sich viele taktisch orientierte Investoren aus Rohstoffen zurückgezogen haben. Wir sehen daher, dass Rohstoffe weiterhin als wichtige langfristige Beimischung des Portfolios gelten.

Und wie sieht es bei Währungsprodukten aus?

Auf den Währungsmärkten bestätigt sich der US-Dollar wieder als unumstrittene Leitwährung. Dies spiegeln auch die Mittelzuflüsse und das aktuell in unseren Währungs-ETCs verwaltete Vermögen wider. So vereinen die Produkte mit Long-Position US-Dollar und Short-Position Euro mehr als die Hälfte des gesamten in unseren Währungs-ETCs angelegten Vermögens.

Was ist in näherer Zukunft von ETF Securities zu erwarten?

Wir arbeiten intensiv daran, interessante Investmentbereiche zu identifizieren und für Anleger in Europa und Deutschland zugänglich zu machen. Im Rahmen dieser strategischen Ausrichtung haben wir in diesem Jahr beispielsweise einen ETF auf US-amerikanische Infrastruktur-MLPs sowie den ersten ETF, der den MSCI China A-Shares Index abbildet, herausgebracht. Zudem haben wir fünf taktische und strategische Währungskörbe auf ETC-Basis entwickelt. Diesem Weg bleiben wir treu. Wir werden weiter – schon in naher Zukunft – das Angebot an ETPs um innovative Produkte auf neue Märkte und Anlageklassen ergänzen. Dazu gehören Produkte auf Rohstoffe, Währungen, gehebelte Produkte und interessante Aktienmärkte.

Im Juli haben Sie die europaweite Verantwortung bei ETF Securities übernommen. Wie geht es Ihnen dabei, was waren die besonderen Herausforderungen in dieser neuen Aufgabe?

Wir haben ein starkes Vertriebsteam in Europa, das unsere Kunden und mich toll unterstützt. Daher macht die neue Aufgabe viel Spaß. Spannend ist, die neuen Märkte und ihre Besonderheiten kennenzulernen. Zudem schließt meine neue Aufgabe nahtlos an das an, was ich bisher gemacht habe. Denn ich kenne den ETP-Markt, ETF Securities und seine Produkte nun ja schon seit einigen Jahren. Hinzu kommt: Der deutsche Markt und meine Kunden hier sind nach wie vor ein wichtiger Teil meiner täglichen Arbeit – mein Arbeitsalltag hat sich also nicht grundlegend geändert.

 

TEILEN
Vorheriger ArtikelGold vor Richtungsentscheidung
Nächster Artikeleasyfolio auf dem “Honorarberater-Kongress 2015″
Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.