Start Interview Strategic Beta: Entscheidend ist, was hinten rauskommt

Strategic Beta: Entscheidend ist, was hinten rauskommt

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Ali Masarwah, Chefredakteur der deutschsprachigen Seiten von Morningstar.

Die Ratingagentur Morningstar untersuchte zuletzt den Smart-Beta-ETF-Markt (Strategic Beta). Zu den Ergebnissen dieser Studie sowie zu weiteren Entwicklungen in der Fondsindustrie ein Interview des EXtra-Magazins mit Ali Masarwah, Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar.

2016 wurden weltweit 92 Mrd. USD aus aktiven Fonds abgezogen, aber gut 625 Mrd. USD in passive Anlagen wie ETFs und Indexfonds gesteckt. 2017 drehte sich der Trend wieder. Kann die Fondsindustrie klassischer Investmentfonds also wieder aufatmen?

Ja und nein. Menschen neigen dazu, Entwicklungen fortzuschreiben, was erklärt, dass einige Beobachter nach dem extrem schlechten Jahr für aktive Manager 2016 das Totenglöckchen meinten läuten zu hören. In diesem Jahr hat sich dieser Trend zwar nicht ganz gedreht, aber doch modifiziert. Zwar verzeichnen Indexfonds noch immer ein stärkeres organisches Wachstum als aktiv verwaltete Fonds, aber absolut gesehen haben aktiv verwaltete Fonds weltweit mehr Zuflüsse in den ersten acht Monaten des Jahres auf sich vereint. Betrachtet man die Nachfrage nach Regionen, stellt man fest, dass das größte Wachstum von Indexfonds nach wie vor in den USA stattfindet. Gut 450 Milliarden Dollar sind 2017 in US-domizilierte Indexfonds geflossen, nur knapp 2,5 Milliarden Dollar haben dort aktiv verwaltete Fonds angesteuert. In Großbritannien und in der Schweiz haben Indexfonds auch mehr Geld eingesammelt als aktiv verwaltete Publikumsfonds, aber dort ist der Abstand doch sehr viel geringer. In allen anderen wichtigen Fondsmärkten in Europa haben aktiv verwaltete Fonds deutlich höhere Nettozuflüsse verbucht als Indexfonds. Im Übrigen sollte man sich davor hüten, vom überdurchschnittlichen Wachstum der Indexfondsbranche auf eine Krise der aktiven Häuser zu schließen. Da die Kapitalmärkte sich seit 2009 von ihrer freundlichen Seite zeigen, ist die Asset-Basis überall deutlich angestiegen, und an den Assets bemessen sich ja die Erträge der Fonds-Industrie. Aktive Häuser haben eventuelle Mittelabflüsse in der Regel also locker durch den Anstieg des verwalteten Vermögens kompensiert.

Erste Anbieter aus dem aktiven Fondsmanagement wie Franklin Templeton oder Invesco PowerShares suchen sich inzwischen ein zweites Standbein auf dem ETF-Markt. Inwieweit werden sie aus Ihrer Sicht den ETF-Markt verändern?

Die Häuser, die bisher auf aktives Management spezialisiert waren und jetzt mit so genannten Smart Beta ETFs, wir bei Morningstar sprechen lieber von Strategic Beta, auch die passive Seite des Marktes erschließen, werden den Markt um eine aktive Komponente ergänzen und somit zur Weiterentwicklung der Branche beitragen. Ob das aus Investorensicht gut oder schlecht ist, werden die Anlageergebnisse im Einzelnen zeigen. Altkanzler Helmut Kohl hat das Bonmot geprägt, wonach entscheidend sei, was hinten rauskommt; dem ist nichts hinzuzufügen.

Morningstar untersuchte vor einigen Wochen den Strategic Beta-Markt. Was waren dabei die wichtigsten Ergebnisse?

Der Markt wächst, aber er wächst nicht mehr so stark wie noch in den ersten Jahren, als diese Vehikel so eine Art Sturm und Drang-Phase hatten. Vor allem Investoren aus den USA haben zwischen 2016 und Mitte 2017 stärker auf klassische Indexprodukte gesetzt, so dass der Marktanteil von Strategic Beta ETFs dort zuletzt leicht rückläufig war. In Europa ist der Anteil der semi-aktiven Vehikel am ETF-Markt dagegen auf gut acht Prozent gestiegen. Im Einzelnen kann man den Trend weltweit beobachten, dass bei Strategic Beta immer mehr Multi-Faktor-Modelle auf den Markt kommen und auch ordentliche Mittelzuflüsse verbuchen. Die Vehikel werden also immer sophistizierter und damit auch immer komplexer.

Der europäische Strategic Beta-Markt hinkt noch deutlich dem US-Markt hinterher. Sehen Sie hier Nachholbedarf?

Nicht unbedingt. Ich weiß nicht, ob die USA in jeder Hinsicht nachahmenswert sind. Dort ist Strategic Beta viel stärker verankert, weil so genannte Style Investments, also Value- und Growth-Strategien, viel stärker verankert sind als bei uns in Europa. Wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren klassische Value-Indizes, die ja von ETFs typischerweise repliziert werden, deutlich hinter dem breiten Markt zurückgeblieben sind, dann dürften europäische Anleger, die en Gros viel stärker auf so genannte Plain-Vanilla-ETFs setzen, besser gefahren sein. Wenn Ihre Frage aber darauf abzielt, ob sich der europäische ETF-Markt dem reiferen amerikanischen Markt annähert, dann würde ich tendenziell mit „ja“ antworten. Aber es wird immer wieder Rückschläge geben: Low-Volatility Strategien hatten beispielsweise in den vergangenen 12 Monaten hohe Abflüsse, weil Anleger offenbar zu viel erwartet haben. Low Volatility Produkte sind keine Alleskönner: Sie liefern eben nicht zwangsläufig höhere Renditen mit tieferen Volatilitäten. Sie haben in der zweiten Jahreshälfte deutlich underperformt, und das hat offenbar einige Anleger erstaunt. Diese Erwartungshaltung ist das eigentlich Erstaunliche an der Sache.

Anders als in den USA spielen aktive ETFs in Europa kaum eine Rolle. Wird sich dies ändern?

Es hat in der Vergangenheit immer wieder Versuche gegeben, aktive Strategien in ETF-Form auf den Markt zu bringen, und es gibt sie immer noch vereinzelt, aber der Erfolg war insgesamt doch überschaubar. Das dürfte vor allem daran liegen, dass aktive Strategien typischerweise im Mantel klassischer Publikumsfonds vertrieben werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschäftsmodelle der Banken in Europa typischerweise auf der Vereinnahmung von Kickbacks basieren. Es fehlt schlicht die Motivation, aktive Strategien in ihrer günstigeren Variante als ETF anzubieten. Zudem darf man nicht übersehen, dass aktive Strategien in den vergangenen Jahren häufig nicht wirklich erfolgreich waren.

Was ist besser: Aktives oder passives Investieren – um diese Frage zu beantworten, wurde das Morningstar Active/Passive Barometer eingeführt. Dabei erzielten aktive Fonds kurzfristig bessere Ergebnisse, langfristig jedoch war die Bilanz weniger rosig. Was ist der Grund und was bedeutet dies für den Anleger?

Wir wollten Anlegern vor Augen führen, was eine realistische passive Anlagealternative gebracht hätte. Indizes kann man schließlich nicht kaufen, sondern die Produkte, die zwar überwiegend recht gut ihre Indizes abbilden, aber dennoch auch Kosten nach sich ziehen. Die Ergebnisse zeigen, dass Indexfonds fast überall und in den meisten Zeitperioden ihren aktiven Pendants deutlich überlegen waren. Unsere Untersuchung hat allerdings auch nach Kosten unterschieden, und hier kam heraus, dass günstige aktiv verwaltete Fonds sehr viel besser als der Durchschnitt der aktiv verwalteten Fonds der jeweiligen Kategorie und erst recht sehr viel besser als teure aktiv verwaltete Fonds abgeschnitten haben. Das ist meines Erachtens das wichtigste Fazit von unserem Aktiv-Passiv-Barometer. Es geht eben nicht um die Frage: „aktiv oder passiv?“, sondern um die Frage „günstig oder teuer?“ Je günstiger, desto besser. Das führt uns zwar wieder zu ETFs, welche die günstigsten Anlagevehikel sind, die Otto-Normal-Investor im Fondsmantel kaufen kann. Aber das heißt nicht, dass passiv zwangsläufig immer besser ist als aktiv. Anlegern wäre sehr geholfen, wenn Vertriebs- und Produktkosten getrennt würden. Sie könnten dann entscheiden, ob sie ihr Portfolio selbst zusammenstellen, oder einen Berater zu Rate ziehen. Dann müssten sie zwar zusätzliche Beratungskosten schultern, aber dann hätten sie eine viel bessere Transparenz über die Leistungsfähigkeit ihrer Fonds. Ich bin sicher, dass auch der Newsflow für Fonds viel besser wäre, wenn man die Fondskosten um die Vertriebskosten entschlackt. Deshalb verstehe ich die Vehemenz nicht, mit der sich manche der Verantwortlichen der Fondsindustrie sich gegen die Honorarberatung sperren.

Auf dem Executive Forum in Zürich Ende September wurde auch über die zunehmende Konkurrenz für die Fondsindustrie durch Robo Advisors gesprochen. Wie wurde von den Teilnehmern diese Entwicklung gesehen. Was bedeutet dies einerseits für die Anleger und die Fondsindustrie. Und wie beurteilen Sie die künftige Entwicklung auf diesem Markt?

Robo Advisor machen der Industrie der aktiv verwalteten Fonds im Einzelnen zwar schon Konkurrenz, weil sie auf günstige ETFs setzen, aber die Branche steckt meines Erachtens noch in den Kinderschuhen und hat auch erhebliche Zahnungsschwierigkeiten. Die meisten Robo Advisor sind ziemlich teuer, wenn man bedenkt, dass es sich hier nur um Musterportfolios handelt, die einmal im Jahr auf ihre Ausgangslage zurückversetzt werden. Mit Verlaub, das ist nicht 80, 90 Basispunkte oder mehr pro Jahr wert, die häufig fällig werden. Und die Fondsindustrie schläft nicht. Sie wird die Technologie von Robo Advisor für sich nutzen. Das gilt übrigens auch für Banken und Wealth Manager. Ja, die digitalen Neulinge machen zwar gerade mächtig viel Wind und tragen auch dazu bei, dass die Kosten im Wealth Management sinken. Aber vermutlich trägt das Niedrigzinsumfeld viel stärker dazu bei, die üppigen Gebühren der Vermögensverwalter unter Druck zu setzen. Und auch die klassischen Wealth Manager haben gelernt, dass man seinen Marktauftritt digitalisieren kann, und deshalb sieht man nicht nur Konkurrenz, sondern immer mehr auch Kooperation zwischen den klassischen Vertriebsstellen und Robo Advisor, die häufig ihre Technologie als White Label-Dienstleistung den Banken anbieten.

Mehr über ETF-Dachfonds und Portfolio-ETFs finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.