Florian Homm im Interview mit dem EXtra-Magazin.
Florian Homm im Interview mit dem EXtra-Magazin.

Der Lebenslauf des bekanntesten deutschen Hedgefonds-Managers Florian Homm liest sich spektakulär: Basketball-Junioren-Nationalspieler, Harvard-Absolvent, Bankdirektor, Vorstand, Unternehmer, Wagniskapital-Experte, zuweilen einer der reichsten Deutschen laut Manager Magazin, Diplomat, Charity-Millionenspender in Liberia, sechssprachig und zuletzt Bestsellerautor. Damit aber nicht genug: Homm wurde Opfer eines Attentats in Venezuela mit einer Kugel, die immer noch in seinem Rückgrat steckt. Die entsprechenden Lifestyle-Exzesse passen nicht in das klassische Bild eines arrivierten Hochfinanziers aus der Neckermann-Dynastie. Und auch der Fussballverein Borussia Dortmund würde ohne Homm heute wohl nicht mehr in der Bundesliga spielen. Knapp ein Jahr wird er von Kopfgeldjägern und Detektiven weltweit verfolgt. 2013 und 2014 verbringt er nach eigenen Aussagen größtenteils unter lebensbedrohenden und menschenunwürdigsten Bedingungen, in italienischen Gefängnissen. Er stand zeitweise auf der Most-Wanted-Liste des FBI, auf der er allerdings heute nicht mehr steht. 2007 wendet er sich ab von der Welt der Schönen und Reichen, dem Luxus, dem Geld, der Macht. Selbst seiner Familie kehrt er den Rücken, um einen Sinn für sein Dasein zu finden, wie auf seiner Website zu lesen ist. Heute bezeichnet er sich als gläubiger Christ und schreibt für einen Börsenbrief.

Genug der Einleitung, wir haben mit Florian Homm über die Unsicherheiten für ETF-Anleger, mögliche Strategien und die Aussichten von Gold sowie Bitcoin gesprochen.

Herr Homm, nicht nur beim Dax scheint die Luft raus zu sein. Dennoch zeigen sich viele Volkswirte und Kommentatoren gar nicht so negativ. Wie erklären Sie sich also die aktuelle Schwäche an den Börsen?

Die Gründe sind offensichtlich. In den nächsten fünf Jahren gibt es einen Refinanzierungsbedarf und Neufinanzierungsbedarf allein in harten Währungen von circa 17 Billionen US-Dollar gegenüber einer Weltwirtschaftsleistung von circa 87 Billionen Dollar. In diesen Zahlen haben wir nicht einmal die steigenden Verbindlichkeiten durch Übernahmen, Aktienrückkäufe, Studentenkredite usw. beinhaltet. Etwas vergleichbar bedrohliches gab es noch nie in der Weltwirtschaftsgeschichte.

Dazu kommen noch notleidende Kredite, Target 2 Salden, globale Zombie-Kredite und Zombie-Banken mit einer Größenordnung zwischen fünf und acht Billionen US-Dollar. Und in diesem Umfeld reduziert die FED ihr Anleihe-Portfolio, die EZB verlängert ihre Bilanz vorerst nicht mehr.

Das heißt, das Angebot von Anleihen geht durch die Decke. Die Nachfrage fällt oder stagniert. Somit besteht ein Zinsschock Risiko, dass erst langsam vom Markt verstanden wird.

Diese Angebot- und Nachfrage-Verhältnis haben wir in den Emerging Markets, den Schwellenländern, China, Europa und Nordamerika kalkuliert; jeweils für die Unternehmen und die wichtigsten Regionen. So etwas hat, soweit wir wissen, kein anderer Börsenbrief, irgendeine Finanzzeitung oder Broker veröffentlicht.

Die Volkswirte fokussieren sich auf andere Daten, die wir größtenteils als irrelevant erachten. Viele Volkswirte orientieren sich an kurzfristigen Wirtschaftsdaten, realisieren aber nicht, dass Crashs Rezessionen einleiten und nicht anders herum.

Wir halten sehr viel von einer gründlichen, mittelfristigen Analyse von Angebot und Nachfrage, um eine Tendenz zu erkennen. Seit der Lancierung unseres Börsenbriefs vor elf Monaten liegt die Performance bei circa 20,4 Prozent. Vergleichen Sie das mit der Performance des Dax, Euro Stoxx, Mischfonds, Dow World, Long Short Global, den selbst ernannten Börsengurus, Marktkommentatoren und deren Fonds.

Sie mahnen immer wieder vor den gegenwärtigen Gefahren. Wie massiv könnte ein Abschwung an den Börsen aussehen und warum? Kann es sogar in Regionen von 2008 / 2009 gehen?

Die Fallhöhe ist größer als 2008 / 2009 oder 2000 / 2002. Warum sollten Quant, KI, Momentum, ETF Druck, Rotation und Algo-Faktoren nicht wie beim VIX Crash Anfang des Jahres konvergieren und nicht einen Wertverlust von mehr als 60 Prozent an den wesentlichen Börsen einleiten? Seit 2009 wurde 73 mal der „Dip“ gekauft. Was ist wenn 73 mal, in jede noch so winzige Rallye, verkauft oder leerverkauft wird?

Zudem ist die Verschuldung höher. Die Bewertungen sind höher. Die Insider-Verkäufe sind höher. Die Gewinnmargen der Unternehmen sollten wegen höherer Lohn, Energie und Zinskosten fallen. Der Anteil der „quant trades“ am Börsenumsatz ist wesentlich höher als noch vor zehn Jahren. Das Gleiche gilt für die ETFs. Zudem wird es deutlich teurer Aktienrückkäufe und Übernahmen zu finanzieren. Des weiteren nimmt die Risikobereitschaft der Anleger deutlich ab. (Siehe einjähriger Shenzen Index, Russell 2000, Emerging Market Indizes, Türkische Lira, Argentinischer Peso usw).

Kommt da das voraussichtliche Auslaufen des EZB-Anleihenkaufprogramms zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt?

Ihre Frage ist zutreffend. Meine simple Antwort ist „Ja“. Zu dieser abstrusen Verzerrung (Die EZB Bilanz hat sich seit 2006 um circa 600 Prozent auf 4,5 Billionen Euro erhöht und dies bei keiner nennenswerten Wirtschaftsexpansion seit der letzten Börsenhausse) hätte es aber niemals kommen dürfen.

Das QE-Programm hat zu einer krassen Hartwährungsverschuldung in vielen Schwellenländern und in China geführt. Diese entstand, weil Renditejäger, die im Euro, Dollar und Yen keine nennenswerte Renditen mehr bekamen in Ländern wie Argentinien, der Türkei, Pakistan, Kolumbien, Indonesien, China, Indien und so weiter in Hartwährung-Anleihen (primär US Dollar) investiert haben. Das rächt sich gerade.

Die Konsequenz der Nullzinspolitik sind Zombie-Länder, Zombie-Banken, Zombie-Unternehmen, Zombie-Anleihen, Zombie-Kredite und eine massiv aufklaffende Vermögensschere auf der ganzen Welt. Dies führt wiederum zu einer erhöhten politischen Instabilität.

Welche Branchen und Länder gilt es jetzt besonders zu meiden?

Alle, mehr oder weniger. Denn selbst der beste Performer unter den 210 größten westlichen Aktiengesellschaften hat 2008 / 2009 20 Prozent an Wert verloren. Der Mittelwert lag bei minus 59 Prozent. Der Durchschnitt bei minus 60 Prozent. Kursverluste von 80 Prozent waren keine Seltenheit. Warum sollte das diesmal anders sein?

Welche Sektoren und Länder bieten dagegen Chancen? Bieten sich vielleicht auch aus strategischer Sicht Smart-Beta-ETFs mit defensiven Faktoren oder sogar Short-ETFs an?

Keine, mehr oder weniger. In einem Crash geht es fürn die Long-Only-Investoren nur darum, wo man am wenigsten verliert. Aber von einer relativen guten negativen Performance kann ich mir kein Sandwich kaufen.

Einige inverse ETFs (Hinweis: So funktionieren Short-ETFs), wenige Smart-Beta-ETFs machen Sinn. Wir kennen die schlechtesten und besten Branchen, die Wertschöpfer und Wertzerstörer. Dieses Wissen geht an unsere Börsenbrief Abonnenten. Deswegen geben wir nur zwei kleine Hinweise: Vorsicht bei Finanzaktien jeglicher Couleur. Selbst bei einigen „FAANG…“ Werten wie Amazon, Shopify und Netflix wären wir aufgrund der hohen Bewertungen vorsichtig. Hier besteht wie bei den Nifty-Fifty-Aktien der 60er Jahre und den ehemaligen Dotcom-Lieblingen der Jahrtausendwende ein erhebliches „Derating“ (Abwertung) Risiko. Für uns ist der Russell 2000 Aktienindex der teuerste Börsenindex der Welt. Wer meint, man sollte jetzt noch in Immobilien oder Immobilienaktien flüchten, wird in einigen Jahren eine fette Rechnung serviert bekommen.

Die komplette Strategie über Bord werfen ist wahrscheinlich auch schwierig – zumindest für Anleger, die sich bewusst für ein Risikoprofil entschieden haben. So würde doch ein Anleger sein Chance-Risiko-Profil aufgeben und möglicherweise in der Boom-Phase nicht mehr gleichermaßen dabei sein. Was meinen Sie?

Warum? Sonst hätte man Anfang des 20. Jahrhunderts weiterhin Pferdekutschen gekauft, obwohl sich Autos zunehmend durchgesetzt haben. Von den ursprünglichen Dow 30 Werten, gibt es heute noch einen (Exxon).

Long-Only geht vielleicht mit einem fetten Bargeldbestand. Der sollte gutmöglich nicht in Euro sein. Warren Buffett hat einen Cash Bestand von circa 41 Prozent. So tief war dieser noch nie. Nassim Taleb sagt, dass Long-Only-Portfolio-Management ohne Absicherung derzeitig verantwortungslos ist. Das Verhältnis von Insider-Aktienverkäufen zu Insider-Aktienkäufen lag vor kurzem bei 33:1, ein historischer Höchststand. Wollen Sie gegen diese skeptischen, smarten Insider und brillanten Investoren mit einer „Long only, fully invested“ Anlagestrategie weben?

Bei den Long-Positionen setzen wir auf Wertschöpfer (Die Eigenkapitalrendite liegt deutlich über den Kapitalkosten) mit Wachstum, einer starken Marktposition, guten Bilanzen und unterdurchschnittlicher wirtschaftlicher Anfälligkeit. Diese Positionen wollen wir zu fairen oder guten Bewertungen erwerben. Das erfordert manchmal etwas Geduld.

Warum sollten wir dagegen nicht Zombie-Unternehmen oder Wertzerstörer shorten (leer verkaufen) oder als Absicherung gegen unsere Long-Positionen stellen? Langfristig liegt die Performance der Wertschöpfer weit über der Performance der Wertzerstörer. Von dieser Arbitrage kann man gut leben. Und wenn der Markt einbricht, kann man mit so einer Strategie Abends entspannt einschlafen. Denn in einem balancierten Long Short-Portfolio fallen die Schrottaktien in einer Baisse sowieso mehr im Kurs als die Qualitätsaktien. Die Wertschöpfer erholen sich auch schneller nach einem Crash.

Kommen wir noch zu ETF-Sparplänen. Sollte man diese einfach weiterlaufen lassen oder vielleicht sogar aufstocken, um günstig auf Einkaufstour gehen zu können?

Sehr, sehr langfristiges Ansparen lohnt sich fast immer, selbst bei langjährigen Bärenmärkten wie in Japan. Nur kann es dabei zu einem Return kommen, der ungefähr der Inflation entspricht. Sie bewegen sich dann im langjährigen, vermögenstechnischen Leerlauf.

Aber warum sollte ich mein Vermögen erst einmal halbieren, bevor der Zug in die richtige Richtung weiterfährt? Es gibt bereits attraktive vierjährige Euro- und US-Dollar-Anleihen, die zwischen vier und acht Prozent Prozent verzinst werden. Warum sollte man bei solchen Anlagealternativen hohe Risiken am Aktienmarkt eingehen?

Der DZM Fragilitäts-Indikator prognostiziert bestenfalls einen Return von 2,86 Prozent pro Jahr für die nächste Dekade. Hier kann man sich doch für einige Zeit positionieren bis der Sturm vorbei ist. Schliesslich liegt man bei solchen Returns deutlich über der Inflation.

Generell gilt: Ein sehr schlechtes Timing kann ihre Vermögensentwicklung um Jahre zurückwerfen. Es gibt auch hochinteressante inverse ETFs; mindestens 30.

Bei möglichen Krisen ist schnell von Gold die Rede. Wie stehen Sie dazu?

Gold wird noch massiv performen; selektierte Goldminen-Werte noch viel mehr. Silber finden wir mittelfristig auch sehr interessant. Die Super-Performance kommt, wenn die reale Verzinsung wieder signifikant fällt und nicht nur periphere Währungen und Regionen kollabieren. Das könnte noch einige Jahre dauern. Vergessen sollte man auch nicht, dass der Goldpreis zu Beginn des Crashs von 2008 / 2009 erst einmal um 30 Prozent einbrach. Ein Sparplan in Gold und Silber oder entsprechend smart ausgesuchte Minenaktien könnten Sinn ergeben. Aber auch in diesen Bereichen sollte man seine Anlagestrategie bestens kalibrieren, timen und intelligent umsetzen.

Und Bitcoin?

Wir haben diverse Kryptowährungen zweimal empfohlen. Einmal mit einem Return von über 1000 Prozent und einmal mit einem Return von circa 300 Prozent in acht Handelstagen. Seit Januar haben wir alle Positionen abgestossen. Mittlerweile sind wir nicht mehr so negativ und schauen uns nach guten Anlagemöglichkeiten um.

Bitcoin ist immer noch eine Pferdekutsche mit Mofamotor auch mit dem „Lightning Network“ als Beschleuniger. Es gibt aus unserer Sicht wesentlich bessere langfristige Alternativen im Kryptobereich. Dash, zum Beispiel, erweist sich im desolaten, hyperinflationären Venezuela als exzellente Zahlungsalternative. Hashgraph ist auf einem guten Weg sich neue Marktchancen zu öffnen. Ripple-Technolige wird zunehmend von Großbanken eingesetzt. EOS macht Fortschritte in diversen Anwendungen. Aber die wahre Krypto-Feuertaufe steht noch bevor, wenn die Weltbörsen weiter wackeln und dann sukzessive einbrechen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind wir bei Kryptowährungen und ICOs eher vorsichtig.

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Thomas Brummer war nach dem Betriebswirtschaftsstudium für das Anlegermagazin „Der Aktionär“ tätig. Im Anschluss schrieb er mehr als vier Jahre für das Verbraucherportal biallo.de und einige Tageszeitungen, wie Münchner Merkur, Rhein Main Presse, Frankfurter Neue Presse oder Donaukurier. Währenddessen hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 schreibt er für extra-funds.de und das EXtra Magazin.