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Gewichtsverschiebung hin zu ETFs

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Dr. Dirk Klee von iShares

Das EXtra-Magazin im Gespräch mit Dirk Klee: Der promovierte Jurist ist Vorstandsvorsitzender der Barclays Global Investors (Deutschland) AG. Unter deren Dach werden ETFs der Marke iShares vertrieben.

Trotz Finanzmarktkrise konnte Barclays Global Investors (BGI) bis Ende November den Absatz in Europa um rund zehn Milliarden Euro steigern. Warum profitieren gerade ETFs in diesem schwierigen Marktumfeld?

Investoren haben in den vergangenen Monaten vor allem ETFs genutzt, um ihre Portfolios belastungsfähig zu machen. Die Finanzkrise hat die Vorteile von ETFs – Transparenz, Flexibilität und Liquidität – noch einmal unterstrichen. Wie wichtig etwa eine hohe Transparenz ist, zeigt sich, wenn man sich die Ursachen der Krise ansieht. Ein Teil der Kreditverbriefungen war offenbar so komplex und damit intransparent, dass die Risikoabteilungen der Banken die Risiken nicht mehr sauber bemessen konnten. Für ETFs gilt das Gegenteil. Sie sind vollständig transparent. Zudem lassen sich damit marktfremde Risiken ausklammern. Denn als Sondervermögen sind ETFs besonders geschützt.

Ihr Haus ist als ETF-Anbieter bekannt, der Indizes möglichst eins zu eins nachbildet – Fachbegriff: Full Replication. Einige Ihrer ETFs werden aber auch durch Swap nachgebildet. Welche Art bevorzugen Investoren und wie steht es um die Transparenz?

In Gesprächen mit institutionellen Kunden zeigt sich, dass die Tatsache ob ein ETF Swaps verwendet oder nicht, häufig nicht bekannt ist. Das liegt auch daran, dass viele ETFs, die Swaps nutzen, nicht explizit darauf hinweisen. Unsere Swap-basierten ETFs kennzeichnen wir dagegen bereits im Fondsnamen als solche. Noch weniger bekannt sind die unterschiedlichen Auswirkungen auf das Portfolio oder die Steuerposition des Portfolios. Dort kann es durch den Einsatz von Swaps im Einzelfall zu schlechteren Nachsteuerrenditen kommen. Sind der Aufbau und die Wirkungsweisen der Swap-basierten ETFs bekannt, reagieren viele Investoren eher zurückhaltend. Nach der jüngsten ETF-Studie der französischen Wirtschaftsuniversität EDHEC bevorzugt gut die Hälfte der institutionellen Anleger ETFs auf Full-Replication-Basis, während nur 20 Prozent die synthetische Abbildung über Swaps für geeigneter halten. Dennoch ist es beispielsweise bei sehr illiquiden Märkten oft besser den Index synthetisch nachzubilden, da man dann die Beschaffung der Titel an eine Investmentbank auslagert, die unter Umständen einen besseren Marktzugang hat als der ETF-Anbieter. Auch bei unserem Commodity-ETF bedienen wir uns für den Handel der Futures der Expertise einer Investmentbank.

Sie sehen sich weniger als Produktlieferant wie Ihre Mitbewerber, sondern eher als Asset Manager. Können Sie das kurz erläutern?

Der Unterschied liegt in der Beratung. Bildlich gesprochen: Wir stellen unseren Anlegern nicht nur einen Baukasten zur Verfügung, sondern liefern auch die Bedienungsanleitung mit. Wir betreuen unsere Kunden in allen Phasen der Anlageentscheidung: von der Erstinformation über die Asset-Allocation-Beratung bis zum Handel und darüber hinaus.

Sie sprechen derzeit bevorzugt institutionelle Kunden an, sehen Sie kein Potential bei Privatanlegern?

Privatinvestoren in Europa beginnen erst, die Vorzüge der ETFs zu entdecken. Im ETF Mutterland USA machen Privatanleger heute schon über die Hälfte der ETF-Investments aus. Hierzulande haben wir noch ein etwas anderes Bild, weil in Amerika die ETFs durch die Honorarberater vorangetrieben werden. Im europäischen Markt sind Produkte, die keine Vertriebsgebühr zahlen, dagegen im Nachteil. Doch so langsam brechen diese Strukturen auf. Wir glauben, dass bei Privatkunden ein riesiger Nachholbedarf besteht und auch eine große Zukunft für die ETFs liegt.

Können Sie uns verraten, an welchen neuen Produkten Sie gerade arbeiten?

Das Interesse der Investoren an Renten-ETFs ist enorm. Wir wollen unsere Produktpalette insbesondere in diesem Segment in allen wichtigen Bereichen sukzessive ausbauen.

Wo sehen Sie im nächsten Jahr die größte Herausforderung?

Wir gehen davon aus, dass sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten noch weit ins nächste Jahr fortsetzen. Die Anleger müssen umdenken. Transparenz und die klare Trennung unterschiedlicher Risiken – etwa von Markt-, Management-, Emittentenoder Zinsrisiken – werden weiter an Bedeutung gewinnen. Die Krise bedeutet sicher nicht das Ende des Portfoliomanagements, wie wir es kennen. Allerdings werden sich die Gewichte verschieben. Und es spricht viel dafür, dass ETFs weiter profitieren werden.

Wie wird sich der deutsche ETF-Markt im nächsten Jahr entwickeln?

Wir erwarten ein weiter starkes Wachstum. Die Einbrüche auf den Aktienmärkten haben zwar zu einem geringeren verwalteten Vermögen in den Aktien-ETFs geführt. Mit einem Anziehen der Märkte wird aber auch das insgesamt in ETFs verwaltete Vermögen wieder ansteigen. Zudem haben ETFs über die in der Finanzkrise bewiesenen Produktvorteile viele Investoren langfristig für sich gewonnen. Wir gehen daher fest davon aus, dass wir im kommenden Jahr die Marke von 200 Milliarden Dollar an in Europa in ETFs verwaltetem Vermögen erreichen werden – unabhängig von der weiteren Marktentwicklung.

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Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.
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