Start Interview „Hohe Liquidität und konsistentes Regelwerk sind entscheidende Vorteile“

„Hohe Liquidität und konsistentes Regelwerk sind entscheidende Vorteile“

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sippel

STOXX hat im Februar eine neue globale Indexfamilie mit mehr als 1.200 Einzelindizes berechnet. EXtra Funds spricht mit Konrad Sippel, Executive Director Product Development bei dem Indexanbieter, darüber, wie sich die einzelnen Indexkonzepte unterscheiden und was Anleger von der neuen Indexfamilie erwarten können.

Herr Sippel, 1.200 neue Indizes auf einen Schlag – braucht der Markt diese Vielzahl unterschiedlicher Indizes?

Ja, eindeutig ja! Mit der neuen Indexfamilie schließen wir mehrere Lücken im Markt. Beispielsweise konnten Emittenten und Anleger bislang für die weltweite Abbildung von Regionen und Einzelländern nicht auf ein konsistentes Regelwerk für sogenannte Blue-Chip-Indizes zurückgreifen. Dabei belegen erfolgreiche Indizes wie der EURO STOXX 50 Index, wie sehr beispielsweise ETF-Investoren Blue-Chip-Indizes schätzen. So vereinen allein ETFs auf den europäischen Standardindex ein verwaltetes Vermögen von mehr als 18 Milliarden Euro in Europa. Dieses Erfolgskonzept haben wir jetzt auf die wichtigsten Anlageregionen, einzelne Länder, Regionen und auch den weltweiten Markt übertragen.

Warum ist der EURO STOXX 50 Index so beliebt?

Grundsätzlich vereint der Index zwei entscheidende Eigenschaften: Er repräsentiert den Aktienmarkt der Eurozone sehr gut und der Index weist außerordentliche Investmenteigenschaften auf, da die einzelnen Titel und damit der Index insgesamt äußerst liquide und einfach handelbar sind. Mit den Futures und Optionen an der Eurex auf den Index, die zu den Top-3-Derivatekontrakten weltweit zählen, entsteht zusätzliche Liquidität. Emittenten von ETFs und Zertifikaten können den Index daher bei geringen Transaktionskosten nachbilden. Hinzu kommt: Der Index hat sich über Jahre am Markt etabliert und gehörte vor mehr als zehn Jahren zu den ersten Indizes in Europa, die von ETFs abgebildet wurden.

Eine solche Reputation werden die neuen Indizes nicht über Nacht aufbauen können. Warum brauchen Investoren und Emittenten sie dennoch?

Die hohe Liquidität, aber auch Konsistenz im Regelwerk sind entscheidende Vorteile von Blue-Chip-Indizes. So weisen beispielsweise die Einzeltitel im STOXX Global 200 ein zwölfmal so hohes durchschnittliches Handelsvolumen pro Tag auf wie die Unternehmen im sehr breiten Total Market Index. Für Nordamerika, Europa und Asien beträgt dieser Faktor jeweils mindestens sieben. In den Emerging Markets werden die Unternehmen in den Blue-Chip-Indizes immerhin noch viermal so viel gehandelt wie im marktbreiten Index. Gerade in diesen weniger entwickelten Märkten ist der Liquiditätsvorteil ein wichtiges Plus für Anleger und Emittenten. Kaum zu handelnde Titel werden so ausgeschlossen und erschweren nicht die Indexabbildung, wodurch auch in diesen Märkten eine kosteneffiziente Replikation möglich ist. Zusätzlich bieten die neuen Indizes eine wirklich konsistente Methodik in allen Märkten an. Ein Blue-Chip-Index für Brasilien wird nach exakt denselben Regeln zusammengestellt wie der Index für die Region Nordamerika. Lediglich die Anzahl der Titel variiert basierend auf der jeweiligen Größe und Struktur des Marktes, wobei auch hier klare und konsistente Regeln die Anzahl bestimmen.

Geht diese Auswahl nicht zulasten der Repräsentativität des Marktes?

Natürlich sind Blue-Chip-Indizes weniger umfassend als die breiten Benchmark-Indizes. Aber ihr Auswahlprozess stellt sicher, dass die jeweiligen Märkte dennoch exakt repräsentiert werden. Die Anzahl der Titel wird so gewählt, dass rund 65 Prozent der Marktkapitalisierung des Gesamtmarktes abgedeckt werden – also deutlich mehr als die Hälfte. So weisen die Blue-Chip-Indizes für die einzelnen Anlageregionen eine Korrelation von rund 95 Prozent zum jeweiligen Gesamtmarkt, wie ihn die Total Market Indizes darstellen, auf. Die meisten Total Market Indizes setzen sich aus mehreren tausend Einzeltiteln zusammen und lassen sich daher nur bei einer Optimierung durch den Emittenten, also einer Auswahl der Einzeltitel, sinnvoll abbilden.

Bislang sind allerdings noch nicht viele ETFs auf die neuen Indizes aufgelegt worden, warum nicht?

Zum einen ist nur ein Teil der Indizes als Underlying für Finanzprodukte konzipiert. Die Total Market Indizes und breiten Auswahlindizes wie der STOXX Global 3000 sind angelegt, um das jeweilige Indexuniversum zu bestimmen und Anlegern als Benchmark zu dienen. Allein die Blue-Chip- und Strategie- Indizes sind für eine Abbildung über ETFs entwickelt worden. Bei ihnen braucht es einfach noch etwas Zeit. Denn bislang bauen die Emittenten ihr Produktangebot für die weltweiten Aktienmärkte vornehmlich modular auf, d. h. auf Basis einer weltweiten Benchmark, um Anlegern die Steuerung ihrer einzelnen Positionen zu erleichtern. Viele sehen daher in einem Umstieg auf unsere neuen Blue-Chip-Indizes eine Grundsatzentscheidung. So schwer sollten es sich die Emittenten jedoch nicht machen: Das mit Abstand erfolgreichste Underlying für die Eurozone ist der EURO STOXX 50 Index und dies, obwohl er sich bis Anfang dieses Jahres nicht modular in eine weltweite Indexfamilie gefügt hat. Wir sind daher fest überzeugt, dass Anleger dieses Indexkonzept schnell annehmen werden.

Sie haben die Strategie-Indizes angesprochen. Welche neuen Indizes stehen hier zur Verfügung?

Wir haben das Angebot an gehebelten und Short-Indizes erheblich erweitert. Der intensive Handel beispielsweise in Produkten auf den Short-DAX belegt, wie sehr Anleger diese Produkte nutzen, um ihr Portfolio taktisch an Marktbewegungen anpassen zu können. Mit den neuen Short- und Leveraged- Indizes für den globalen Aktienmarkt, den wichtigsten Investmentregionen und zahlreichen Einzelländern erweitern wir die Möglichkeiten der Anleger, ihr Portfolio über Short- und Leveraged-Produkte effektiv zu steuern, erheblich. Zudem haben wir auch das Angebot an Risk-Control-Indizes, die Märkte mit einem fixierten Risikolevel von 5, 10, 15 oder 20 Prozent abbilden, weltweit und regional erweitert. In der neuen Familie sind aber auch völlig neue, innovative Konzepte wie zum Beispiel die Optimal Leverage Indizes enthalten, die basierend auf der aktuellen Marksituation den statistisch optimalen Hebelfaktor selektieren.

Wie funktionieren die Risk-Control-Indizes?

Sie steuern das Anlagerisiko anhand einer Zielvolatilität von 5, 10, 15 oder 20 Prozent und gewichten entsprechend diesem Risikoziel Positionen im jeweiligen Aktien- und im Geldmarkt. Das Risikobudget, das Anleger für eine bestimmte Anlageregion festlegen, wird somit stets eingehalten, was das Risikomanagement erheblich erleichtert.

Welche neuen Impulse erwarten Sie von den neuen Strategie- und Blue-Chip-Indizes für den ETFMarkt?

Um das hohe Wachstumstempo auch in Zukunft beizubehalten, braucht der ETF-Markt eine breite Basis neuer Indizes. Sonst decken zu viele neue Produkte dieselben Indizes wie bereits existierende Produkte ab. Ich erwarte zudem, dass sich die Anbieter von ETFs zukünftig stärker über unterschiedliche Indexkonzepte differenzieren werden. Hier liegt mehr Potenzial als in der Diskussion über die Abbildungsmethodik. Denn die Wahl des zugrundeliegenden Index kann sich unmittelbar und spürbar auf die Performance auswirken.

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Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.