Didier Borowski, Leiter Makroökonomisches Research von Amundi Asset Management im Gespräch mit den EXtra-Magazin Redakteuren Uwe Görler (links) und Thomas Brummer (rechts)

Auch wenn sich aktuell wieder die Aktienmärkte erholen, belasten zahlreiche Unsicherheiten die Märkte. Wohin geht es aus volkswirtschaftlicher Sicht hin, was bietet die künftigen Monate die  besten Anlegerchancen, das fragten die EXtra-Magazin Redakteure Didier Borowski, den Leiter für makroökonomisches Research von Amundi Asset Management. Aktien aus dem „Value-Space“ bieten hierbei seiner Meinung nach beste Investitionsmöglichkeiten.

Herr Borowski, US-Präsident Donald Trump hat es nun wahrgemacht und Strafzölle für Stahl und Aluminium verhängt. Welche Auswirkungen sehen Sie für die europäische Industrie und die Weltwirtschaft?

Mit seiner Entscheidung am 1. Mai, die Einführung der Strafzölle für Stahl und Aluminium auf den 1. Juni zu verschieben, hat sich Donald Trump zunächst von einem möglichen Handelskrieg mit Europa zurückgezogen. Trotzdem sehen wir bereits Auswirkungen, insbesondere in Deutschland, dem am stärksten betroffenen Land der Eurozone. Hier schwindet das Vertrauen in die Belastbarkeit bestehender Geschäftsbeziehungen. Für die Eurozone kommen die aktuellen Diskussionen ebenfalls zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, da sie sich momentan in einer Schwächephase befindet und die Unsicherheit über protektionistische Maßnahmen das Wachstum im zweiten Quartal belasten könnten.

Die politischen Risiken für die Weltwirtschaft sind zuletzt nicht geringer geworden. Wie beurteilen Sie die Lage in Italien und welche Konsequenzen könnte dies für die Wirtschaft in der Eurozone haben?

Zunächst lassen Sie mich etwas zur Eurozone sagen. Tatsache ist, dass die öffentlichen Finanzen in den meisten europäischen Ländern begonnen haben, sich zu verbessern. Nichts desto trotz, wird es Zeit brauchen, bis die Regierungen die Verschuldung abbauen. Die Eurozone ist somit weiterhin mit einer erheblichen finanziellen Instabilität und einer begrenzten institutionellen Kapazität zur Bewältigung einer neuen Krise ausgestattet. Um auf Italien zu sprechen zu kommen, die politische Lage in Italien bleibt unklar und Neuwahlen können nicht ausgeschlossen werden. Dennoch, die lokalen Spannungen reichen unserer Meinung nach nicht aus, um die Stärkung der Eurozone zu gefährden, über die die französische und die deutsche Regierung im Vorfeld der Tagung des Europäischen Rates Ende Juni verhandeln. Zudem stellen wir fest, dass die meisten Italiener ihr Vertrauen in den Euro aufrechterhalten haben. Die lokale politische Instabilität sollte unserer Meinung nach also nicht als große Bedrohung für die Eurozone angesehen werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die bestimmenden Entwicklungen für den Aktienmarkt im Jahr 2018?

Wir sind der Ansicht, dass die Investitionsmöglichkeiten im relativen Value-Space liegen werden, und zwar aufgrund der Entkoppelung zwischen der Fed auf der einen Seite und der EZB und der BoJ auf der anderen Seite, der unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus für verschiedene Länder und der Empfindlichkeit gegenüber externen Faktoren. Zudem denken wir, dass die Unternehmensergebnisse auch 2018 der eigentliche Renditetreiber sein werden. Daher sind unsere Aussichten für Aktien noch konstruktiv. Die tendenziell höhere Volatilität bei Aktien, könnte 2018 jedoch zu einem defensiveren Vorgehen führen. Aber es ist wahrscheinlich noch zu früh, um eine massive Rotation in Richtung defensiver Sektoren zu sehen. Alles in allem glauben wir, dass es wichtig ist, einen aktiven Investmentansatz beizubehalten, mit einem starken Fokus auf Aktienauswahl und Sektorallokation liegt. Und ein letzter Gedanke. Da das Risiko einer neuen Marktkorrektur nach wie vor besteht, bleiben Absicherungsstrategien vorrangig.

In den USA und Großbritannien steigen bereits die Zinsen, auch in Europa wächst der Druck auf ein Ende der ultralockeren Geldpolitik. Wie sind Ihre Prognosen für das Zinsniveau in den kommenden 12 Monaten und sehen Sie mittelfristig Inflationsgefahren, auf die sich Anleger einstellen sollten?

Unserer Ansicht nach werden die Europäischen Zentralbanken vorsichtig bleiben. Erstens, weil jede Beschleunigung der Inflation wahrscheinlich nur von kurzer Dauer ist. Zweitens, weil die Inflationsraten seit der Großen Finanzkrise im Durchschnitt weit unter ihren Zielen geblieben sind, was bedeutet, dass die Zentralbanken die Preisstabilität zum Teil nicht aufrechterhalten haben. Die Zentralbanken sollten daher unserer Meinung nach im Falle einer Inflationsüberraschung nicht überreagieren. In der Eurozone, wo die Kerninflation nach wie vor gedämpft ist, sehen wir keine Gefahr eines Inflationssprungs. Bezogen auf unsere Prognosen für das Zinsniveau. Hier bleiben wir bei der Einschätzung, dass die 10-jährige Rendite in den USA am Jahresende unter 3 Prozent liegen wird, während sie in Deutschland unter 1 Prozent bleiben würde. Dennoch wäre es sinnvoll, sich mittelfristig vor Inflation zu schützen, zum Beispiel durch ein Engagement in inflationsgeschützten Anleihen (TIPS).

Was sind darüber hinaus die wichtigsten makroökonomischen Themen für 2018 und welche Auswirkungen haben diese auf die Aktien- und Anleihemärkte?

Aus makrofinanzieller Sicht ist die Normalisierung der Zentralbankpolitik eine große Herausforderung für 2018 und 2019. Wenn es zu allmählich ist, könnte das Niveau der monetären Akkommodation am Ursprung von Vermögenspreisblasen liegen. Umgekehrt könnte eine Überreaktion der Zentralbanken zu finanziellen Turbulenzen führen, insbesondere wenn die Anleiherenditen nach einer raschen Normalisierung der Geldpolitik steigen. Die Aufgabe der Zentralbanken ist daher im aktuellen Umfeld sehr anspruchsvoll. Aus makroökonomischer Sicht besteht unserer Meinung nach das größte Risiko für das globale Wachstum darin, dass die US-Regierung als Reaktion auf mögliche Maßnahmen der durch die Strafzölle betroffenen Länder weitere protektionistische Maßnahmen ergreift.

Welche Aktienmärkte (Anlageregionen und -sektoren) bieten aus Ihrer Sicht in den kommenden 12 Monaten die besten Anlegerchancen?

Geografisch betrachtet präferieren wir weiterhin Aktien aus der Eurozone und aus Japan. Aber wir haben kein starkes Übergewicht. Keine starke Richtungswette. Volatilität bleibt bestehen.  Zudem sind wir nach wie vor der Meinung, dass der US-Aktienmarkt aufgrund des starken BIP-Wachstums und der Gewinndynamik – aufgrund der fiskalischen Expansion – noch einige Wertsteigerungen aufweisen kann.

Deutschland war bisher die Konjunkturlokomotive. Wird dies weiterhin so anhalten oder ist es besser, nun eher in die EU-Peripheriestaaten zu investieren? Und wenn ja, welche Länder sollte man dabei favorisieren.

Es wird viel davon abhängen, wie Donald Trump entscheidet. Sollte er die Zollerhöhung umsetzen, dürfte die deutsche Wirtschaft stärker als andere Volkswirtschaften im Euroraum betroffen sein. Zudem denken wir, dass auch wenn Deutschland in den letzten Jahren ein wichtiger Wachstumsmotor für die Eurozone war, es unwahrscheinlich ist, dass Deutschland diese Rolle in den Jahren 2018 und 2019 wieder in dem Maße spielen wird. Aber lassen Sie mich hervorheben, dass unsere Aktienallokation innerhalb der Eurozone nicht von einer Länderallokation getrieben wird. Wir betrachten vielmehr Sektoren. Hier mögen wir weiterhin die Finanzwerte, weil sie tendenziell von einer Versteilung der Zinskurve profitieren. Zudem mögen wir Small- und Midcaps, die von Natur aus immuner gegen einen möglichen Handelskrieg sind.

Auch in den Schwellenländern sehen Sie große Anlegerchancen. Gilt das für alle Schwellenländer oder gibt es bestimmte Auswahlkriterien, nach denen man aussuchen sollte? Welche Schwellenländer sind danach zu favorisieren?

Das steigende Welthandelsvolumen überrascht weiterhin. Dennoch sehen wir einen reifen Zyklus. Eine solche Phase des Zyklus begünstigt den Aspekt Qualität. Asien, unser bevorzugtes Gebiet, weist gute Qualitätsmerkmale wie zum Beispiel stabile Rentabilität, geringe Anfälligkeit, gute Fundamentaldaten auf. Im Falle erhöhter Spannungen beim Protektionismus ist Global Emerging Markets (GEM) einer der größten potenziellen Verlierer, aber ein schwächerer Dollar könnte ein Ausgleich sein. In diesem Szenario bevorzugen wir Länder mit einer soliden Inlandsnachfrage und einem geringen Engagement der Unternehmen in den USA. In Bezug auf das russische Eigenkapital bleiben wir konstruktiv, da die Signale einer Deeskalation offensichtlich sind und in Bezug auf Emerging Markets moderat konstruktiv.

Was sind dabei die wichtigsten Risikofaktoren, die von Ihnen Wachstumsprognosen gefährden könnten?

Wir sehen derzeit zwei globale Risiken. Erstens besteht die Gefahr von Protektionismus, da die Zollerhöhungen von Trump entsprechende Maßnahmen seitens der EU und Chinas nach sich ziehen werden. Zweitens besteht ein geopolitisches Risiko im Nahen Osten mit seinen Auswirkungen auf den Ölpreis. Beide Fälle drohen die Inflation in den USA anzukurbeln, aber die Wirtschaft im Euroraum zu bremsen.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.