ETF-Dachfonds-Pionier im Gespräch mit dem EXtra-Magazin.

Markus Kaiser gilt als Pionier der ETF-Dachfonds. Vor rund 10 Jahren entwickelte er noch bei der Veritas Investment den ersten ETF-Dachfonds. Das EXtra-Magazin sprach mit ihm zum Thema ETF-Anlagelösungen und ETFs allgemein als deren Basisinstrumente.

Vor gut 10 Jahren, im April 2007, legten Sie den ersten ETF-Dachfonds noch für die Veritas Investment in Deutschland auf. Inwieweit hat diese neue Anlagemöglichkeit aus heutiger Sicht die Finanzbranche verändert, wie ist Ihre Bilanz nach 10 Jahren?

Markus Kaiser: ETFs und ETF-Dachfonds haben die Finanzbranche nicht grundsätzlich verändert, sondern um vielfältige Anlagemöglichkeiten bereichert. Dass ich mit der Entwicklung der ersten ETF-basierten Anlagelösung zu dieser Entwicklung beitragen konnte, erfüllt mich mit Stolz.  In den letzten Jahren hat sich jedoch auch der Wettbewerb zwischen aktiven und passiven Anlagelösungen verschärft. Die passive Geldanlage ist heute in aller Munde und selbst Verbraucherzentralen werben inzwischen für die börsennotierten Indexfonds. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld stehen Kosten und Effizienz der Geldanlage im Fokus. So hat sich auch an meiner Überzeugung nichts geändert, im Gegenteil, ich halte ETFs heute mehr denn je für die idealen Instrumente bei der aktiven Steuerung der Vermögensallokation.

Für den neuesten von Ihnen und Ihrem Team entwickelten ETF-Dachfonds „STARS Multi-Faktor“, bei dem Sie verschiedenste Smart-Beta ETFs nutzen, wurden Sie mit dem „Goldenen Bullen“ als Fondsinnovation 2017 ausgezeichnet. Was macht diesen ETF-Fonds so innovativ, wie ist das Konzept, wie ist der Auswahlprozess dabei?

Markus Kaiser: Es ist schon etwas Besonderes, innerhalb von 10 Jahren zum zweiten Mal mit dem Goldenen Bullen für die Fondsinnovation des Jahres ausgezeichnet zu werden. Die Freude ist entsprechend groß. Inzwischen werden Smart-Beta ETFs ja immer beliebter und die Nachfrage steigt. Doch viele Investoren fragen sich zu Recht, wie sie die alternativen Indexkonzepte gewinnbringend in ihrem Portfolio einsetzen können. Zwar belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, dass sich die Anlageergebnisse über den Einsatz von Faktoren langfristig verbessern lassen, doch die einzelnen Faktorprämien entwickeln sich im Zeitverlauf alles andere als stabil.  Bestes Beispiel dafür ist der Faktor Value. Langfristig lässt sich über systematische Investitionen in unterbewertete Titel eine Outperformance gegenüber dem breiten Markt erzielen. Temporär müssen Value-Investoren allerdings viel Geduld mitbringen, so konnte sich seit 2007 keine signifikante Value-Prämie mehr entwickeln. Stattdessen punkteten in den letzten Jahren Anlagestile, die auf Qualitäts- und Low Volatility-Aktien setzen. Die Idee hinter dem STARS Multi-Faktor ist daher nicht einfach nur statisch an der Allokation ausgewählter Faktoren festzuhalten, sondern diese im Zeitverlauf aktiv zu rotieren. Wir richten unser Portfolio dazu monatlich an den Faktoren mit der höchsten Trendstäke aus.

Welche Faktoren sind gemäß diesem Auswahlprozess aktuell als besonders erfolgversprechend ausgewählt worden. Und ist dabei eine wesentliche Änderung zu den vergangenen Monaten feststellbar und warum?

Markus Kaiser: Seit Mitte 2016 steht Value auf der Einkaufsliste wieder ganz oben. Zuletzt gab es allerdings vornehmlich regionale Änderungen in unserer Portfoliostruktur. Nachdem zuvor Nordamerika das Portfolio dominierte, hat sich der Schwerpunkt im April 2017 nach Europa verlagert. Hier kommen neben Value nun noch die Faktoren Size, Growth, Buyback und Low Volatility zum Einsatz. Hinsichtlich der Faktoren ist das Portfolio derzeit also breit gestreut. Neben 70% in Europa sind schließlich noch 20% in den Schwellenländern und 10% in Nordamerika investiert. Die Grundlage für unsere Investmententscheidungen ergibt sich dabei aus der Auswertung der historischen Kurszeitreihen der einzelnen Faktor-Indizes. Qualifizieren sich Faktoren im relativen Vergleich über ein hohes Kursmomentum für das Portfolio, wird in die passenden ETFs dazu investiert.

Durch das tägliche Handling mit Smart-Beta-ETFs haben Sie sich mit der Materie von Faktor- bzw. Strategie-ETFs intensiv beschäftigt. Gibt es noch ETF-Strategien, welche Sie für Ihren Einsatz vermissen. Und in welchen Bereichen sehen Sie bei Smart-Beta-ETFs noch Nachholbedarf?

Markus Kaiser: Das Angebot ist mit über 100 Smart-Beta ETFs völlig ausreichend, um eine aktive Faktorenrotation zu betreiben, wie wir sie bereits umsetzen. Dennoch wünschen wir uns noch mehr Vielfalt insbesondere in den Schwellenländern, die ein wichtiger Bestandteil in unserer regionalen Allokation sind. Hier gibt es noch Nachholbedarf, die Entwicklung der aufstrebenden asiatischen Region mit Ländern wie China, Indien und Korea über verschiedene Faktoren wie Value, Quality und Momentum abzubilden.

Darüber hinaus haben die Anleger bei StarCapital eine breite Auswahl an anderen ETF-Anlagelösungen. Welche davon ist derzeit besonders beliebt bei ETFs und warum?

Markus Kaiser: Mit den vermögensverwaltenden Fonds STARS Defensiv, Flexibel und Offensiv bieten wir drei ETF-Anlagelösungen mit verschiedenen Rendite-/Risikoprofilen an. Die bereits während der Finanzmarktkrise 2008 bewährte Anlagestrategie des ersten ETF-Dachfonds wird dabei nach einer Optimierung des Investmentprozesses seit September 2013 erfolgreich im STARS Flexibel fortgeführt. Besonderes Kennzeichen ist die aktive Steuerung der Aktienquote zwischen 0 und 100%, die den Fonds als Basisinvestment prädestiniert. Die Leistungsfähigkeit der flexiblen Anlagestrategie haben sowohl private als auch institutionelle Anleger erkannt, daher ist der STARS Flexibel auch am stärksten nachgefragt. Unsere Empfehlung lautet, die ETF-Strategien miteinander zu kombinieren, so wie wir es auch für uns selbst umsetzen. Die Vorteile der Diversifikation lassen sich so in Verbindung mit kurz-, mittel- und langfristigen Anlagezielen noch geschickter ausspielen.

Als Verkaufsargument bei ETFs wird oft die Tatsache angeführt, dass viele Fondsmanager nicht nachhaltig den Markt schlagen, dass Market Timing oft nicht funktioniert. Nun tun Sie genau das, durch Stock Picking bestimmte ETFs herauszusuchen. Warum funktioniert aus Ihrer Sicht dieses Konzept, was bei der Mehrzahl von aktiv gemanagten Investmentfonds nicht funktionieren soll?

Markus Kaiser: Eine sehr gute Frage, die ich Ihnen gerne ausführlich beantworte. Während aktiv gemanagte Fonds i.d.R. spezialisiert in eine einzelne Anlageklasse wie Aktien oder Anleihen investieren und dabei eine Outperformance gegenüber dem Vergleichsindex anstreben, investieren wir über ETFs weltweit vermögensverwaltend in verschiedene Anlageklassen. Unser primäres Ziel ist es dabei nicht einen Markt oder Vergleichsindex zu schlagen, sondern eine dem Risikoprofil der Anleger entsprechende, angemessene Rendite zu erwirtschaften und die Schwankungen im Verlauf zu reduzieren. Dabei kommt der Verlustbegrenzung eine zentrale Rolle zu. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Während die Aktienmärkte in der Finanzmarktkrise 2008 um mehr als 50% an Wert verloren, konnte das Vermögen der Anleger über die flexible ETF-Strategie nicht nur erhalten, sondern sogar um 0,7% an Wert gesteigert werden. Der Vorteil für die Anleger liegt auf der Hand. Während passive Anleger ihre Kursverluste erst langwierig wieder aufholen mussten, konnte das erhaltene Kapital der flexiblen ETF-Strategie von den anschließenden Kurssteigerungen vollumfänglich profitieren. Doch nicht immer wird die Vorsicht im Fondsmanagement belohnt, denn erholen sich die Märkte nach einer Kurskorrektur sehr schnell wieder, kann eine Verlustbegrenzung auch zu Renditeverzicht führen. Diesen nehmen wir als eine Art Versicherungsprämie allerdings bewusst in Kauf.

Immer mehr Online-Vermögensverwalter, sogenannte Robo Advisor, bieten inzwischen eigene digitalisierte ETF-Anlagelösungen an. Wie sehen Sie sich da in diesem Umfeld aufgestellt?

Markus Kaiser: Gut, denn in gewisser Weise sind wir ja der erfahrenste Robo-Advisor im Markt. Die Leistungsfähigkeit unserer regelbasierten Anlagestrategien haben wir über verschiedene Marktzyklen bereits unter Beweis stellen können. Diese Leistungsnachweise werden die jüngst so hochgejubelten neuen Robo-Advisor erst noch erbringen müssen. Anleger sollten sich daher genau informieren und vergleichen, bevor sie investieren. Über die Online-Plattform „truevest ( Zum Testbericht).de“ der Patriarch Multi-Manager GmbH können Anleger übrigens auch in die von uns konzipierte ETF-Vermögensverwaltung investieren. Hier erhalten Sie ein leistungsfähiges Aktienportfolio bei der Augsburger Aktienbank, das weltweit über ETFs in die Industrie- und Schwellenländer investiert. Jedoch nicht ohne Risikosteuerung, denn auch hier gilt unsere Investmentphilosophie, Kursrückgänge soweit wie möglich zu begrenzen. Löst der Algorithmus erst einmal Verkaufssignale aus, wird das Portfolio automatisch auf Geldmarkt-ETFs umgestellt.

Mancher Kritiker sieht inzwischen in ETFs eine Gefahr für den globalen Finanzmarkt. Zudem könnten ETFs nicht liquider als ihre Basiswerte sein, bei einem Crash sei es schwer, aus dem ETF herauszukommen. Wie stehen Sie zu diesen Argumenten mancher Kritiker?

Markus Kaiser: Mit der Kritik gehe ich gelassen um, denn trotz des starken Wachstums macht das ETF-Volumen heute nur einen Bruchteil des weltweiten Kapitalmarktes aus. Im Gegenteil, mit zunehmendem ETF-Volumen haben sich die Handelsbedingungen und Kostensituationen für Anleger sogar noch deutlich verbessert. In einzelnen Marktsegmenten sind ETFs heute schon liquider als ihre Underlyings und aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen der Marktteilnehmer finden Käufer und Verkäufer jederzeit zusammen. Dennoch müssen sich Anleger immer bewusst machen, in welches Marktsegment und welchen Index sie über einen ETF investieren. In turbulenten Marktphasen können sich die Spreads bei weniger liquiden Indizes bzw. ETFs deutlich ausweiten und es kann temporär zu erheblichen Abweichungen zum NAV (Net Asset Value) kommen. Da gilt es mit Bedacht zu handeln. Das ist bei den Einzelwerten allerdings genauso und ETFs bieten i.d.R. sogar noch geringere Risiken aufgrund der Streuung über mehrere Titel. Generell sollten sich unerfahrene Privatanleger von Experten beraten lassen, welche ETFs geeignet sind oder besser noch in gemanagte Anlagelösungen investieren, wie wir sie anbieten, um ihre langfristigen Anlageziele zu erreichen.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.