Start Interview „Mit Goldinvestments konnten Anleger die Finanzkrise gut überstehen“

„Mit Goldinvestments konnten Anleger die Finanzkrise gut überstehen“

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Marcus Grubb World Gold Council klein

Seit den jüngsten Unsicherheiten um Griechenland und dem sich zwischenzeitlich verschärfenden Ukraine-Russlandkonflikt steigt wieder de Goldnachfrage, der Preis legt wieder zu. Am Rande der diesjährigen Investment-Konferenz von ETF Securities sprach EXtra-Magazin-Redakteur Uwe Görler mit Marcus Grubb, Managing Director des World Gold Council über die Hintergründe von Goldpreisbewegungen.

Gold gilt als der sichere Hafen für Krisenzeiten. Doch trotz zahlreicher weltweiter Konflikte und Unsicherheiten büßte der Goldpreis seit dem August 2011 rund 35 Prozent an Wert ein. Ist Gold doch nicht so sicher, was war die Ursache für den Goldpreisverfall?

2013 ist der Goldpreis gefallen, da Investoren, insbesondere in den USA und Europa in risikoreichere Anlagen umgeschichtet haben. Für viele dieser professionellen Investoren, die sich damals von ihren Gold-Positionen getrennt haben, gilt allerdings: Das Edelmetall hat die Rolle als sicherer Hafen für sie ziemlich gut erfüllt. Denn mit Goldinvestments konnten sie die Finanzkrise gut überstehen, während andere Anlageformen deutliche Kursverluste verbucht haben. Mittlerweile empfinden die Anleger das wirtschaftliche Umfeld jedoch nicht mehr als so gefährlich wie vor ein paar Jahren.

Diese Umschichtungen sind Ausdruck von zyklischen Trends und taktischen Reaktionen auf den Märkten. Sie sind aber nicht die primären, langfristigen Treiber der Goldnachfrage.

Man sollte das Potenzial von Gold als sicherer Hafen daher über einen längeren Zeitraum betrachten – Gold dient eher zur Absicherung des Portfolios gegen Marktrisiken als zu einem kurzfristigen, taktischen Einsatz beim Auftreten eines plötzlichen Risikos. Theoretisch könnte eine solche Verwendung trotzdem funktionieren. Dies hängt jedoch vom spezifischen Wesen des Risikos ab. So ist eine der zentralen Erkenntnisse aus der Finanzkrise, dass bisher unvorhergesehene Ereignisse wahrscheinlicher geworden sind und Investoren gut daran tun, darauf vorbereitet zu sein.

Die fehlende Korrelation von Gold zu den meisten bedeutenden Anlageformen hilft, die Gesamtvolatilität des Portfolios langfristig zu senken. Dies macht das Edelmetall zu einer wertvollen Position in einem ausgewogenen Portfolio, da es die risikobereinigte Rendite eines Investors erhöht. Das fehlende Kreditrisiko und der beständige Werterhalt von Gold bieten Investoren zusätzliche Sicherheit, vor allem bei steigender Inflation, einer abwertenden Währung und dem Risiko eines Zahlungsausfalls von Banken.

Zuletzt erlebte Gold wieder einen leichten Aufwärtstrend. Ist die Talsohle nun endlich erreicht. Wie ist die Einschätzung des World Gold Council für den Goldpreis bis Ende des Jahres und darüber hinaus auf mittlerer Sicht?

Die Finanzmärkte sind bekanntermaßen in einer ständigen Auf- und Abwärtsbewegung. Der World Gold Council äußert sich nicht zu bestimmten kurzzeitigen Kursbewegungen auf dem Goldmarkt. Aus unserer Sicht werden die langfristigen Trends für Gold von den Fundamentaldaten auf der Angebots- und Nachfrageseite bestimmt: Die Nachfrage ist stark, mit einem erheblichen Potenzial für weiteres Wachstum im Osten, während das Angebot begrenzt bleibt und sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren verringern wird.

Was könnte den Goldpreis treiben?

Langfristige Fundamentaldaten sind die entscheidenden Faktoren für die Bewegung des Marktes: Die Nachfrage in Asien wird durch den soziodemographischen Wandel unterstützt, der in den nächsten 10 Jahren dem Markt Millionen von neuen Konsumenten zuführt. Der Goldmarkt in China, Indien und Südostasien wird sich zudem weiterentwickeln, indem neue Produkte und Absatzkanäle entstehen.

In der näheren Zukunft werden noch Bedenken vorherrschen, ob der Aufschwung der Weltwirtschaft nachhaltig ist, insbesondere in der Eurozone. Es wird häufig vergessen, dass europäische Privatanleger Gold zuletzt sehr stark nachgefragt haben. In den letzten fünf Jahren haben sie jedes Jahr durchschnittlich über 280 Tonnen Goldbarren und -Münzen gekauft. Nur indische Privatanleger haben im gleichen Zeitraum stärker in Gold investiert.

In Ihrem Vortrag auf der Investment-Konferenz von ETF Securities in Frankfurt schilderten Sie eine Verlagerung der Goldnachfrage von West nach Ost. Was sind die Ursachen dafür und welche Konsequenz hat dies für den Goldmarkt insgesamt?

Über die vergangenen fünf Jahre hinweg ist der Anteil von Asien an der globalen Konsumnachfrage von 47 auf 60 Prozent gestiegen. Die deutliche Verschiebung der Goldnachfrage von Westen nach Osten wird durch das Wirtschaftswachstum in Indien und China sowie die soziodemographische Entwicklung mit einer wachsenden, kaufkräftigen Mittelschicht dort unterstützt.

Die Ausweitung der potenziellen Käuferbasis spiegelt sich nun auch in einer sich verändernden Infrastruktur auf dem weltweiten Goldmarkt wider. In der Türkei, in Indien, China und Südostasien werden innovative, neue Goldprodukte, Dienstleistungen und Plattformen entlang der gesamten Versorgungskette entwickelt.

Die Weiterentwicklung der Infrastruktur und Verbreitung neuer Produkte wird die Nachfrage auf dem Markt in Zukunft weiter unterstützen. Der Goldbesitz in China ist beispielsweise immer noch relativ klein. Laut Untersuchungen des World Gold Council ist der Goldbesitz pro Kopf in China wesentlich geringer als in benachbarten Märkten wie Singapur, Taiwan und Hong Kong. Außerdem bestätigte die Untersuchung die Bedeutung der Urbanisierung im Zusammenhang mit dem Erwerb von Gold. Unsere Studie „China: progess and prospects“ von 2014 prognostiziert, dass die chinesische Mittelschicht innerhalb der nächsten fünf Jahre von 300 auf 500 Millionen Menschen steigen wird. Dies bedeutet, dass die Entwicklung der Infrastruktur auf dem Goldmarkt, die gerade im Osten stattfindet, zur richtigen Zeit kommt, da die Urbanisierung in China voranschreitet und die Mittelschicht wächst.

China spielt durch sein erhebliches Potenzial eine tragende Rolle bei der Verschiebung der Goldnachfrage nach Osten. Dies weckt auch das Interesse von anderen Ländern in der Region, um ein neues Gold-Zentrum in Asien zu etablieren. Die Entwicklung Singapurs zum regionalen Knotenpunkt wird den Handel zwischen den einzelnen Märkten in der Region fördern. Die zunehmende Urbanisierung und die hohe kulturelle Affinität zu Gold werden den Goldmarkt auf dem gesamten asiatischen Kontinent unterstützen.

Wie bewerten Sie die aktuelle und künftige Situation der Goldminenbetreiber, die Sie vertreten?

Der World Gold Council kommentiert individuelle Aktivitäten von Goldminenunternehmen oder seiner Mitglieder nicht. Wir beobachten allerdings, dass die Herausforderungen für Goldminenunternehmen zunehmen. Die Aussichten für ein weiteres Wachstum in der Goldproduktion sind unserer Ansicht nach begrenzt. Vielmehr könnte das Förderniveau im Verlauf des nächsten Jahres abnehmen. Denn die Unternehmen werden ihre Disziplin beim Kapitalersatz erhöhen und ihren Betrieb an ein schwierigeres Umfeld anpassen. Dies wird die Produktionszahlen in den kommenden Quartalen beeinträchtigen.

Sollten Anleger nun besser in physisches Gold oder eher in ETFs auf Goldminenbetreiber investieren und was sind dabei die Entscheidungskriterien?

Wir geben keine Anlageberatung. Es gibt inzwischen jedoch eine breite Auswahl an Investmentprodukten auf Gold, die Investoren verschiedene Möglichkeiten geben, um ihre Strategien umzusetzen. Goldbarren und -münzen, physisch hinterlegte ETFs als liquide Alternative dazu und Aktien von Goldminenunternehmen können Anleger aus unterschiedlichen Investmentformen mit unterschiedlichen Risiko-Rendite-Profilen auswählen. Mit physischem Gold hinterlegte ETFs sind liquide Investmentinstrumente, die einfacher und kosteneffizienter handelbar sind als Barren und Münzen. Die Produkte haben die Goldnachfrage unterstützt, da so mehr Anleger Zugang zu Goldinvestments erhalten haben. Gold-ETFs sind mittlerweile in den meisten Märkten verfügbar. Aufgrund ihrer Sicherheit und des fehlenden Kredit- und Ausfallrisikos werden Barren und Münzen von anderen Investoren präferiert. Die Entwicklung von Goldminenaktien ist nur teilweise und nicht direkt von der Entwicklung des Goldpreises abhängig. Hinzu kommt, dass die Bewertungen Goldminenaktien stark variieren. Bei riskanteren Titeln besteht allerdings die Möglichkeit auf eine höhere Rendite als beim Goldpreis selbst.

Wichtig für alle Investoren ist, dass sich über ihre Risiko- und Renditeerwartungen sowie ihren zeitlichen Anlagehorizont im Klaren sind. So lässt sich sicherstellen, dass das Portfolio ausgewogen zusammengestellt ist. Einige Investoren greifen dazu auf Goldbarren, Gold-ETFs sowie Goldminenaktien als Einzelpositionen und/oder in Form eines Fonds zurück.

Wie hoch sollte der Anteil an Gold in einem ausgewogenen Portfolio Ihrer Meinung betragen und welche Kriterien gibt es für Anleger bei der jeweiligen Gewichtung zu beachten?

Wir haben eine Reihe von Studien zur optimalen Asset Allocation über unterschiedliche Zeiträume und in unterschiedlichen Währungen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die optimale Allokation von Gold, in physischer Form oder über einen ETF, in einem Portfolio bei zwei bis zehn Prozent liegt. Diese Bandbreite basiert auf konservativen Erwartungen für die Rendite von Gold und hängt zudem von den anderen Positionen im Portfolio und der generellen Risikobereitschaft des Anlegers ab. Auch eine geringe Allokation kann eine positive Auswirkung auf Portfolios haben. Einfach gesagt profitieren Investoren von einem langfristigen Goldinvestment, das in Reaktion auf bestimmte Faktoren in der Gewichtung angepasst werden kann – beispielsweise das makroökonomische Umfeld und spezifische taktische Risiken. Zudem schützt Gold vor „Tail-Risiken“, indem es einen zusätzlichen Puffer gegen einen unerwarteten Wertverlust bietet – ein weiter Grund für die Beimischung von Gold in ein breit diversifiziertes Portfolio.

Zur Person:

Marcus Grubb ist seit Juni 2008 Mitglied des World Gold Council. In seiner zentralen Rolle ist er für die Gold- Strategie des World Gold Council zuständig und damit für alle Aspekte des Goldmarktes und der Kommunikation mit Investoren aller Art, von den Private Wealth Kunden bis hin zu staatlichen Investoren weltweit. Grubb fungiert auch als globaler Sprecher, wo er unter anderem auf hochkarätigen Foren und Veranstaltungen weltweit auftritt. Er hat mehr als 20 Jahre Erfahrung im Investment Banking und an den Kapitalmärkten, wo er im Management, Vertrieb, Handel, sowie Research und Produktentwicklung gearbeitet hat. Grubb war Global Head of Equities und Vorstandsmitglied bei der Rabobank, wo er das globale Aktien und Aktienderivate-Geschäft aufgebaut hat. Er war Gründer und CEO von Swapstream, dem größten Inter-Bank-Austausch für Zinsswaps, der im Jahr 2006 an die Chicago Mercantile Exchange verkauft wurde. Grubb schloss sein Studium der modernen Geschichte und Wirtschaft im Jahr 1983 an der Universität Oxford mit Auszeichnung ab.

 

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.