Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences

Der renommierte Professor Christian Rieck von der Frankfurt University of Applied Sciences im Gespräch mit Uwe Görler über das Megatrend-Thema Cyber Security.

Die Digitalisierung und Vernetzung schreiten immer weiter voran. Was sind bereits schon jetzt die wichtigsten Gefahren und welche Schäden werden durch Internetangriffe bereits schon jetzt verursacht?

Wir haben eine Datenbank mit über tausend bekannt gewordenen Cyberattacken aus den Jahren 2013 bis 2018 angelegt. Die weitaus größte Zahl an Fällen geht von zufällig gestreuter Malware einerseits und von gezielten Angriffen andererseits aus (beide Gruppen sind ähnlich groß). Die gezielten Angriffe führen allerdings zu einem deutlich größeren Schaden. Von der Schadenshöhe her ist es am Schlimmsten im Bereich der Finanzunternehmen, zahlenmäßig dagegen trifft es viel eher den Kommunikationsbereich, den aber mit deutlich kleineren Einzelschäden. Innerhalb des Finanzbereichs konnten wir zeigen, dass Fintechs um ein Vielfaches höhere Schäden haben als traditionelle Banken.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten künftigen Gefahren, die mit diesem Prozess verbunden sind?

Im Moment empfinden wir Cybercrime als etwas, das in einer eigenen Sphäre existiert und nichts mit unserem realen Leben zu tun hat. Das wird sich zunehmend ändern, weil sich unser reales Leben immer mehr mit unseren digitalen Welten verzahnt. Unsere digitale Identität wird immer weniger von unserer physischen Identität zu trennen sein. Unsere Maschinen im Alltag und sogar unser Körper werden direkt mit dem Netz verbunden sein –  und sind damit hackbar. Es wird kein schönes Gefühl, wenn die eigene Kontaktlinse oder der Herzschrittmacher einen Computervirus hat.

Wie können sich Unternehmen, aber auch Privathaushalte gegen solche Gefahren schützen?

Die Angriffe werden immer stärker automatisiert und richten sich daher auch verstärkt gegen vermeintlich ungefährliche Bereiche, in denen die Angreifer nur kleine Summen erbeuten können. Damit sind die Angriffe aber allgegenwärtig. Die Abwehr kann nur funktionieren, indem auch diese automatisiert ist. Aber der gute alte Virenscanner schafft das nicht. Er hinkt immer hinterher und bietet sogar selbst neue Angriffsflächen. Daher befinden wir uns in einer Phase, in der qualitativ neue Abwehrmechanismen entstehen. Eine dieser Abwehrrichtungen ist künstliche Intelligenz.

Eines der Verfahren ist „Adversery Image“. Wie funktioniert dieses Verfahren?

Adversarial images sind Bilder, die speziell so konstruiert wurden, dass sie KI-Bilderkennung auf vorhersehbare Weise stören. Durch ein scheinbares Zufallsmuster kann man ein KI-System dazu bringen, Rotkehlchen, Tausendfüßler oder Bomben zu sehen, wo in Wahrheit gar nichts ist. Das Prinzip lässt sich auch auf andere durch KI gelernte Zusammenhänge anwenden. Da wir immer mehr auf solche Systeme vertrauen, ist das eine völlig neue und gefährliche Form des Angriffs. Stellen Sie sich ein Börsen-Handelssystem vor, das man durch bestimmte Preisbewegungen zu Panikverkäufen bringen kann oder ein medizinisches System, das man durch vermeintlich unbedeutende Daten zu gefährlichen Fehldiagnosen bringt. Das Gemeine daran ist, dass man mitunter gar nicht erkennt, angegriffen worden zu sein.

Handelt es sich bei diesem Wettstreit aus Cyberhacks und Cyber Security nicht um ein „Hase und Igel-Wettrennen“, was niemals gewonnen werden kann?

Bisher wurde dieses Rennen noch nie gewonnen und es sieht nicht danach aus, dass sich das jemals ändern wird. Das sind offene evolutionäre Systeme, die ständig mit Neuerungen aufwarten können. Auf beiden Seiten.

Welche Länder, aber auch welche Unternehmen sind besonders führend in der Technologie Cyber Security?

Aus dieser Diskussion halte ich mich lieber heraus. Aber ich würde empfehlen, den Begriff des Cybercrimes nicht zu eng zu fassen und deshalb auch auf Unternehmen zu sehen, die sich im Augenblick nicht mit Cybersecurity im engen Sinn befassen.

Inwieweit sehen Sie in der Cyber-Securities-Branche eine interessante Anlagemöglichkeit. Würden Sie in sie investieren, worin sehen Sie Chancen und Risiken für den Investor?

Das Gebiet wird unerfreulich stark wachsen, weil die Vernetzung und die Leistungsfähigkeit unserer Computer so stark wachsen. Daher ist hier ein enormes Wachstumspotential vorhanden. Die Hauptgefahr liegt daran, die wirklich erfolgreichen Unternehmen frühzeitig zu erkennen und dem Gebiet der Cybersecurity zuzuordnen. Ein weiteres Risiko liegt darin, dass möglicherweise die bisherigen Internetgiganten sich des Themas bemächtigen und dann spezialisierte Unternehmen keine große Rolle mehr spielen.

Sie beschäftigen sich auch schwerpunktmäßig mit dem Thema Zukunft der digitalen Finanzberatung. Werden Robo-Advisors künftig die Investmentbranche beherrschen?

Diese Frage wäre eigentlich ein ganzes Interview wert. Ich bin überzeugt, dass Roboberatung in wenigen Jahren völlig normal und allgegenwärtig sein wird. Der Markzugang für die Endkunden wird durch die Roboberater so viel einfacher, dass dies wahrscheinlich große Kreise an den Kapitalmarkt heranführt, die bisher nie im Traum an derartige Investitionen gedacht hätten. Auf lange Sicht können Roboberater menschliche Berater fast vollständig ersetzen, aber in einer längeren Übergangsphase wird es wahrscheinlich ein Nebeneinander geben. Wir haben dazu eine Untersuchung gemacht und konnten zeigen, dass für unerfahrene Teilnehmer die „Übersetzung“ durch einen Menschen ein wertvolles Gut ist. Mehr steht in meinem Buch „Können Roboter mit Geld umgehen?“

Zur Person: Christian Rieck ist Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences und durch zahlreiche Veröffentlichungen zu Spieltheorie und Finanzpsychologie bekannt. Der leidenschaftliche Motorradfahrer hinterfragt gängige Denkmuster und präsentiert gern ungewöhnliche Fragen und Lösungen. Er ist Vordenker im Bereich der digitalen Transformation und untersucht, wie sich die Gewohnheiten der Generation Y, soziale Medien und künstliche Intelligenz auf die Zukunft der Gesellschaft und der Unternehmen auswirken.

Weiterführende Infos und wie Sie in diesen Megatrend „Cyber Security“ über ETFs investieren können, erfahren Sie im EXtra-Magazin Dezember 2018/Januar 2019.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.