Stefan Mittnik und sein Scalable-Team

Scalable Capital ( Zum Testbericht) ist ein digitaler Vermögensverwalter mit Sitz in München und London. Das Extra-Magazin sprach mit Prof. Dr. Stefan Mittnik, Prof. für Finanzökonometrie an LMU München sowie Mitbegründer von Scalable Capital ( Zum Testbericht) über die Hintergründe.

Herr Prof. Mittnik, Sie sind Inhaber des Lehrstuhls für Finanzökonometrie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit über 25 Jahren forschen Sie auf diesem Gebiet. Was versteht man unter dem Begriff Finanzökonometrie?

Mittnik: Die Ökonometrie, mit ihren knapp 100 Jahren eine aus wissenschaftlicher Sicht recht junge Disziplin, hat das Ziel, ökonomische Prozesses mittels Methoden und Verfahren der Mathematik, der Statistik und der ökonomischen Theorie zu modellieren. Die Finanzökonometrie ist eine spezielle Ausrichtung der Ökonometrie, die sich mit der Modellierung finanzwirtschaftlicher Fragestellungen befasst. Die betrachteten Themen können recht vielfältig sein. Sie umfassen Fragestellungen wie: Sind Märkte effizient; wie kann man Marktschwankungsrisiken modellieren und prognostizieren; wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Anleihen ausfallen oder dass die gesamte Finanzmarktstabilität in Gefahr ist; und vieles mehr. Es geht also um Hilfen für anlegerspezifische Fragen als auch um Fragen, die das gesamte Marktgeschehen berühren und zum Beispiel die Grundlage für regulatorische Maßnahmen bilden.

Sicherlich lassen sich über dieses Wissenschaftsfeld größere Vorlesungsreihen veranstalten. Was ist aber die Quintessenz aus all der Forschung in nur wenigen Sätzen für den Anleger?

Mittnik: Auf Fragen seitens noch unentschlossener Studenten, worum es in der Finanzökonometrie überhaupt ginge, antworte ich mit drei Worten: „Money and Models“. Diese Antwort macht zwar Studenten neugierig, sie macht aber nicht klar, warum eine eigenständige Ökonometrie-Ausrichtung nötig ist, um Anlageprozesse zu modellieren. Der wahre Grund ist, dass die konventionelle Ökonometrie sehr restriktive und unrealistische Annahmen bezüglich der Dateneigenschaften unterstellt, um so mit vorgefertigten Werkzeugen der Statistik arbeiten zu können. Zu diesen unrealistischen Annahmen gehört zum Beispiel die Vorstellung, dass Prozesse normalverteilt sind und über die Zeit konstante sowie unsystematische Unsicherheiten aufweisen. All dies mag zum Beispiel für klassische makroökonomische Anwendungen weitgehend zutreffen. Für Finanzmarktdaten gelten sind sie jedoch eindeutig nicht zutreffend, so dass zum Beispiel Anlagerisiken mit konventionellen ökonometrischen Verfahren nicht modellierbar sind. Die empirische Finanzmarktforschung hat jedoch eine Vielfalt an Lösungen entwickelt und mittlerweile einen äußerst nützlichen finanzökonometrischen Werkzeugkasten bestückt. Der Anleger profitiert, indem er bessere Einsichten in Rendite-Risiko-Strukturen erhält und letztlich fundiertere Anlageentscheidungen treffen kann.

Zusammen mit einigen ehemaligen Mitarbeitern von Goldman Sachs gründeten Sie nun das in München beheimatete Unternehmen Scalable Capital. Was veranlasste Sie dazu und welche Erfahrungen bringen Sie aus Ihrer langjährigen Forschung mit ein?

Mittnik: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Finanzmarktrisiken. Dabei war mir die empirische Relevanz immer wichtiger als reine finanzmathematische Eleganz. Deshalb habe ich meine wissenschaftlichen Erkenntnisse stets auch praktisch eingebracht und angewendet. Genau das tue ich jetzt auch bei Scalable Capital. Gemeinsam mit meinen Mitgründern und unserem Team haben wir eine Risikomanagement-Technologie entwickelt, mit der wir die Geldanlage für Privatanleger revolutionieren. Erstmalig geben wir ihnen Zugang zu einer Portfoliosteuerung, die die Schwachstellen konventioneller Portfoliotheorien vermeidet.

Selbst hochkarätige Vertreter der Fondsindustrie arbeiten noch heute mit einer Portfoliooptimierung, die auf Basis der „Modernen Portfoliotheorie“ aus den 1950er Jahren beruht, obgleich deren Schwächen bereits von ihrem Gründer Harry M. Markowitz offen diskutiert wurden. So muss man zum Beispiel nicht mehr die – empirisch nicht haltbare – Annahme der Normalverteilung treffen, um Anlagerisiken in irgendeiner Weise zu approximieren. Dank der wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte der letzten Jahre kann das Verhalten von Finanzanlagen inzwischen wesentlich zuverlässiger modelliert werden.

Anders als andere Robo-Advisor verfügt Scalable Capital über eine Vermögensverwalterlizenz der BaFin. Welchen Vorteil bietet dies für Sie selbst gegenüber Mitbewerbern, aber vor allem aber auch für Ihre Kunden?

Mittnik: Wir stellen Privatanlegern eine Form der Geldanlage zur Verfügung, die bisher nur sehr vermögenden Kunden offen stand: eine hoch-professionelle, kosteneffiziente und komfortable Vermögensverwaltung. Um dies zu leisten, ist eine Erlaubnis der BaFin gemäß §32 Kreditwesengesetz unabdingbar, denn ohne sie dürften wir die Portfolios unserer Klienten nicht eigenständig zusammenstellen und umschichten. Wären wir nur ein Finanzanlagenvermittler gemäß § 34f Gewerbeordnung, könnten wir diesen umfassenden Service nicht erbringen, sondern nur Fondsprodukte empfehlen und vermitteln. Damit ist der Privatanleger letztlich aber bei dem Problem des effektiven Vermögenaufbaus auf sich allein gestellt.

Als regulierter Finanzdienstleister haben wir zudem den Vorteil, dass wir ein international skalierbares Geschäftsmodell haben. Da wir sowohl von der BaFin als auch der britischen FCA reguliert sind, können wir jederzeit im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum tätig werden. Nicht regulierte Anlagevermittler arbeiten auf Basis einer für Deutschland aufrecht erhaltenen gesetzlichen Ausnahmereglung, die es in anderen EWR-Staaten in dieser Form nicht gibt.

Wie erfolgen bei Scalable Capital die Auswahl und die Gewichtung der jeweiligen Assetklassen, und geschieht die Abbildung dabei allein über ETFs oder auch über Direktinvestments?

Mittnik: Wir arbeiten ausschließlich mit ETFs. Die sind kosteneffizient, transparent und ermöglichen eine breite Diversifikation. Dabei treffen wir die Auswahl vollkommen unabhängig von irgendwelchen ETF-Anbietern, denn nur so können wir stets die besten und kosteneffizientesten ETFs für unsere Klienten auswählen.

Die Gewichtung der Assetklassen überwachen wir rund um die Uhr mit unserer Risikomanagement-Technologie und beurteilen die Risikosituation jedes einzelnen Kundenportfolios. Sobald unsere Risikoprojektion eine drohende Verletzung der vom Klienten individuell festgelegten Risikokategorie signalisiert, führen wir automatisch Umschichtungen durch. Dabei fließen in die Risikoprojektionen nicht nur die Risikoänderungen der jeweiligen Anlageklassen ein, sondern auch Änderungen in deren Zusammenwirkung hinsichtlich ihrer Risikostreuung, wobei gerade Wirkungen in Extrem-Szenarien Berücksichtigung finden. Ziel ist es, das vom Anleger individuell festgelegte Risiko im Zeitablauf stets einzuhalten, so dass sein Anlagerisiko nicht einfach mit dem Risiko des Marktes schwankt. Dies vermeidet ein gravierendes Problem herkömmlicher Ansätze, nämlich dass aus einem Portfolio mit vermeintlich „moderatem Risiko“ plötzlich ein Portfolio mit „hohem Risiko“ wird. Der gewöhnliche Bank- oder Fondsberater hat weder das Wissen noch die Technologie, um derartige Analysen anzustellen.

Hauptkriterium zur Risikobeurteilung ist bei Scalable Capital die Kennzahl Value-at-Risk? Könnten Sie uns diese Kennzahl an einem Beispiel kurz erklären, und was bedeutet diese praktisch für den Kunden, der bei Ihnen investiert?

Mittnik: Nach einer ausführlichen Befragung empfehlen wir dem Kunden eine angemessene Risikokategorie. Jede unserer Risikokategorien entspricht einem spezifischen Verlustrisiko, das anhand des sogenannten Value-at-Risk (VaR) gemessen wird. Der VaR gibt den prozentualen Verlust auf Jahresbasis an, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% nicht überschritten werden soll. Ein VaR von z.B. 12% bedeutet also, dass davon auszugehen ist, dass das Portfolio auf Jahressicht mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% nicht mehr als 12% an Wert verliert.

Aber lassen Sie mich eine Sache klarstellen. Der VaR ist lediglich eine Maßzahl für das Verlustrisiko, wie beispielsweise Grad Celsius für die Temperatur. Der VaR ist kein “Modell“ für die Messung von Risiko, er impliziert also zunächst einmal keine bestimmten Annahmen zum Verhalten verschiedener Assetklassen. Entscheidend für die Risikobeurteilung ist letztlich das Verfahren, mit dem der VaR berechnet wird. Bei unserer Risikobestimmung berücksichtigen wir auch sogenannte “Fat Tails”, also eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit für hohe Kurseinbrüche, da dies die Realität an den Kapitalmärkten besser abbildet. Mit Hilfe von Monte-Carlo-Simulationen können wir auch Extremsituationen bei der Risikoprojektion abbilden, die wir bei der Portfoliogewichtung explizit berücksichtigen.

Während bei einigen anderen Robo-Advisors bereits kleine Anfangsinvestitionen möglich sind, beträgt bei Scalable Capital die Mindestanlagesumme 10.000 EUR. Was ist der Grund dafür?

Mittnik: Wir stellen unseren Kunden ein global diversifiziertes ETF-Portfolio zusammen und wollen keine Abstriche in puncto Risikostreuung und granularer Risikoeinstufung machen. In Deutschland können wir z. Zt. nur ganze ETF-Anteile für unsere Klienten handeln. Daher können wir für Portfolios unter 10.000 Euro die optimale Gewichtung und Einhaltung der fein abgestuften Risikolimits der Kunden schlichtweg nicht verlässlich abbilden. Der Mindestanlagebetrag soll also keine Eintrittsbarriere sein, sondern ist zur Qualitätssicherung der Portfolios momentan noch erforderlich.

Allerdings vertrauen uns unsere Klienten durchschnittlich ohnehin wesentlich höhere Summen an. Aber natürlich werden wir die Mindestanlagesumme reduzieren, sobald wir auch in Deutschland in der Lage sind nicht-ganzteilige ETF-Anteil für unsere Klienten zu handeln. Letztlich macht es für uns aufgrund der Skalierbarkeit unseres Geschäftsmodells kaum einen Unterschied, ob ein Anleger 100 oder 100 Millionen Euro anlegt.

Wie sollte der Kunde vorgehen, der an Ihrem Angebot interessiert ist. Worauf sollte er dabei im Vorfeld achten?

Mittnik: Im Grunde genommen braucht er sich nur durch unsere Online-Fragen klicken, die beim Anmeldeprozess gestellt werden. Dabei befragen wir interessierte Anleger zu ihrer Einkommens- und Vermögenssituation, ihrem Anlagehorizont, ihren Erfahrungen mit unterschiedlichen Kapitalmarktinstrumenten und insbesondere ihrer Risikoneigung. Sollte es der Fall sein, sagen wir ihnen ganz offen und ehrlich, dass sie in unseren Augen nicht für eine Anlage am Kapitalmarkt in Frage kommen. Wenn jemand beispielweise einen Anlagehorizont von unter einem Jahr hat, dann lehnen wir ihn ab, da die Marktrisiken im Verhältnis zur erwarteten Rendite einfach zu hoch sind. Das Gleiche gilt für Anleger, deren liquide Mittel nicht ausreichen, um mindestens drei Monate überbrücken zu können.

Darüber hinaus bieten wir interessierten Anlegern auf unserer Website jede Menge hilfreicher Informationen und gehen mit dem Thema Risiko sehr transparent um. Schließlich sollte sich jeder Anleger ganz genau überlegen, ob eine Anlage am Kapitalmarkt zu seiner spezifischen Lebenssituation passt.

Sie bieten ihre digitale Vermögensverwaltung auch in London an. Wie sind Sie mit dem Start dort zufrieden, und denken Sie an eine weitere internationale Expansion Ihres noch jungen Unternehmens?

Mittnik: Wir sind bereits seit unserer Gründung mit den zwei Standorten München und London international aufgestellt. Doch die BaFin war etwas schneller in der Bearbeitung unseres Antrags als die FCA, daher gehen wir in Großbritannien gerade erst jetzt offiziell an den Start. Auch vom britischen Markt versprechen wir uns sehr viel, denn angelsächsische Anleger sind traditionell affiner in Sachen Kapitalmarkt und Finanztechnologien. Briten müssen zudem sehr viel stärker aus eigenen Mitteln für ihre finanzielle Altersabsicherung vorsorgen. Hinzu kommt, dass seit April 2015 alle Briten ab dem 56. Lebensjahr vorzeitig auf ihr Geld in privaten Pensionstöpfen zugreifen können. Sie suchen daher gerade jetztvermehrt nach sinnvollen Anlagemöglichkeiten.

Natürlich denken wir bereits über weitere Expansionsschritte nach, denn wir zielen darauf ab, der führende automatisierte Vermögensverwalter in Europa zu werden. Als nächstes steht aber erst einmal der Markteintritt in Österreich an.

In den vergangenen Monaten hat sich das Angebot an digitalen Vermögensverwaltern in Deutschland deutlich ausgeweitet. Wie sehen Sie die Chancen für Robo-Advising allgemein und speziell für Ihr eigenes Unternehmen für die kommenden fünf Jahre?

Mittnik: Es ist in meinen Augen zu früh, über die Erfolgsaussichten einzelner Unternehmen zu spekulieren. Auch im Bereich „Robo-Advising“ wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Anlagevermittler ohne echten Mehrwert für den Kunden werden es meines Erachtens mittelfristig sehr schwer haben.

Was sich heute schon abzeichnet ist, dass ein Großteil der Privatanleger – besonders der wohlhabenden Anleger – in einigen Jahren automatisierte Investmentservices nutzen wird. Citi hat kürzlich die Prognose gewagt, dass in einem Jahrzehnt 4,7 Billionen US-Dollar über digitale Vermögensverwalter angelegt sein werden. Die Vorteile sind ja auch einfach bestechend: Die große Masse der Privatanleger braucht keine teuren Filialen, als “Berater” firmierende Vertriebsleute oder Banktürme, die durch versteckte Gebühren finanziert werden. Denn gerade in einem Niedrigzinsumfeld sind das massive Renditefresser. Sie wollen auch keine zeitaufwändigen Besprechungstermine in einer Bankfiliale vereinbaren, wenn man den gleichen Service stattdessen flexibel zu jeder Uhrzeit online zuhause oder am Mobiltelefon nutzen kann – und ohne sich dabei mehr oder weniger „lästigen“ Verkaufsgesprächen aussetzen zu müssen.

All diese Probleme lösen automatisierte Vermögensverwalter wie Scalable Capital. Bei uns zahlen Anleger nur den Service, der für eine professionelle Geldanlage wirklich notwendig ist. Sie können von der Kontoeröffnung über die Einrichtung eines monatlichen Sparplans bis hin zu Auszahlungen alles komplett online erledigen. Außerdem schaffen wir absolute Transparenz, z.B. hinsichtlich der Portfolioumschichtungen, der Wertpapiere, in die wir investieren, und der anfallenden Gebühren. Hinzu kommt, dass bei Scalable Capital Anleger ihre Verlusttoleranz konkret vorgeben können, ohne auf schwammige Marketing-Begriffe vertrauen zu müssen. Im Anschluss sorgen wir mit unserer Risikomanagement-Technologie dafür, dass das Portfolio dauerhaft dieser Risikokategorie entspricht. Damit gewinnen wir nicht nur Anleger, die sich nicht permanent mit der Verwaltung ihres Wertpapierportfolios beschäftigen wollen oder können, sondern gerade auch die risikoscheuen Anleger, die es bisher nicht gewagt haben, am Kapitalmarkt aktiv zu sein und lediglich Sparbuch oder Tagesgeldkonto in Betracht gezogen haben.

Scalable Capital Testbericht

Scalable Capital ist in fast allen Kategorien hervorragend. Das Angebot ist mit 23 Anlagestrategien extrem umfangreich. Zusätzlich werden Sparpläne angeboten und es findet ein regelmäßiges Rebalancing statt. Die zahlreichen Kontaktkanäle und das Angebot von kostenlosen Apps zeichnen den Bereich Service aus. Als Finanzportfolioverwalter bietet Scalable Capital eine hohe Sicherheit. Die Kosten könnten etwas geringer ausfallen.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.