Start Interview Qualitativ hochwertige Staaten mit höherem Anteil im Index

Qualitativ hochwertige Staaten mit höherem Anteil im Index

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Martin Weithofer, Head of Strategic Beta, Deutsche AWM
Martin Weithofer, Head of Strategic Beta, Deutsche AWM

Die Deutsche AWM emittierte vor vor einigen Tagen ihren ersten qualitätsgewichteten ETF für Euroraum-Staatsanleihen. Das EXtra-Magazin sprach dazu mit Martin Weithofer, Head of Strategic Beta bei der Deutschen AWM.

Was ist der Hintergrund zur Auflage des iBoxx Eurozone Sovereigns Quality Weighted UCITS ETF (DR) 1D ETFs?

Nahezu alle verfügbaren Renten-ETFs basieren auf Indizes, bei denen die entsprechenden Anleihen nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet werden, also Anleihen mit hohem Emissionsvolumen erhalten einen hohen Indexanteil. Daraus folgert zwangsläufig, dass insgesamt Schuldner mit einem hohen ausstehenden Anleihevolumen den größten Anteil besitzen. Dieser Effekt, dass der Anleger damit am stärksten in die größten Schuldner investiert, ist in der Wissenschaft breit anerkannt. Der neue Quality-Weighted-ETF dagegen passt die übliche Indexgewichtung nach der Qualität der Emittenten an, dadurch wird dieser Effekt deutlich entschärft, da qualitativ hochwertige Staaten einen höheren Anteil im Index bekommen. Das Ergebnis ist eine deutliche Verbesserung des Risikoprofils für Anleger.

Es gibt doch schon seit langer Zeit ETFs auf Investmentgrade-Anleihen, welche doch aus Sicht der Ratingagenturen die fundamental bestbewerteten Staatsanleihen sind. Was ist der Unterschied dieses Ansatzes zu denen von Ratingagenturen?

Das ist richtig, die Ratings geben einen deutlichen Hinweis auf die finanzielle Qualität eines Schuldnerstaates. Allerdings wurden in der Vergangenheit Ratingveränderungen teilweise deutlich zeitverzögert vorgenommen. Ein weiteres Problem: Die Ratings werden als „Schwarz-Weiß“-Entscheidungen wahrgenommen, ein Land besitzt ein Investmentgrade-Rating oder eben nicht. Verliert ein Land mit hohem Indexgewicht diesen Status, kann dies zu Volatilität führen, da nun viele Investoren handeln müssen, wenn sie entsprechenden Investmentrestriktionen unterliegen. Bei einem qualitätsgewichteten Index wäre der Anteil dieses Landes sehr wahrscheinlich schon frühzeitig stark reduziert worden.

Wie erfolgt genau die Auswahl und wie oft wird der Index angepasst?

In den Index werden zunächst einmal auf Euro lautende handelbare Anleihen von Staaten der Eurozone aufgenommen. Sie müssen außerdem ein „Investment-Grade“-Rating der führenden Rating-Agenturen aufweisen. Der wichtige Unterschied zu Indizes, die nach der Marktkapitalisierung gewichtet werden: Anleihen, die von Ländern mit günstigen fundamentalen Wirtschaftsindikatoren begeben werden, sind stärker im Index vertreten als Anleihen von Ländern, die schwächere fundamentale Wirtschaftsindikatoren aufweisen. Alle Länder der Eurozone werden anhand von makroökonomischen Wirtschaftsindikatoren eingestuft, hierzu zählen: Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), Inflationsrate, Arbeitslosenquote, Staatsverschuldung als prozentualer Anteil des BIP, Zahlungsausfallhistorie und globale Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Anhand der Einstufung wird dann festgelegt, wie stark die von den einzelnen Ländern begebenen Anleihen im Index gewichtet werden. Der Index wird monatlich neu gewichtet und die Ländergewichte werden zweimal pro Jahr neu festgelegt.

Gibt es auch eine außerordentliche Anpassung, sollten sich die Fundamentaldaten deutlich verändern?

Der Index verlässt sich ausschließlich auf anerkannte Quellen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds für die qualitative Einschätzung. Diese Institutionen veröffentlichen ihre offiziellen Länderdaten zu festen Zeitpunkten, beispielsweise Ende Oktober für den Währungsfonds. Kurz daraufhin werden im qualitätsgewichteten Index die Länderanteile neu festgelegt. Andere Veröffentlichungen außerhalb der festen Berichttage werden vom Index nicht berücksichtigt. Dies hilft auch, die Umschlagshäufigkeit im Index niedrig zu halten.

Mit fundamental hoch bewerteten Anleihen lassen sich derzeit kaum Renditen erzielen. Wie sieht dies bei diesen Produkten aus, erzielen sie eine höhere Performance als Staatsanleihen mit Triple A-Bewertung?

Der Ansatzpunkt unseres qualitätsgewichteten Renten-Index ist ein anderer. Wir bieten einen Index mit einem höheren Gewicht für Länder mit geringerem Kreditrisiko, damit werden die tatsächlichen Ausfallrisiken unserer Meinung nach besser und fairer abgebildet als bei klassischen Market-Cap-Indizes. Unsere langfristigen Analysen zeigen, dass dieses verbesserte Risikoprofil nicht zu einer geringeren Performance führt. Hinzu kommt: Ausschließlich in die bestbewerteten (AAA) Staatsanleihen zu investieren ergibt nicht nur wesentlich weniger Rendite als ein Quality Weighted Index, sondern auch mehr Risiken (gemessen an der Volatilität) durch erhöhte Konzentration und historisch mehr Zinsduration.

Mit dem Produkt hat die Deutsche AWM nun das erste Smart-Beta-Produkt im Anleihebereich aufgelegt. Sehen Sie in den kommenden Jahren einen verstärkten Trend zu solchen Produkten in Anleihebereich?

Diesen Trend sehen wir auf jeden Fall. Vor allem in Folge der Euro-Staatsschuldenkrise haben Investoren stärker den Wunsch geäußert, dass Renten-Indizes nicht nur nach der Marktkapitalisierung der Anleihen gewichtet werden. Die zunehmende Verschuldung in Industrie- wie auch in Schwellenländern in den letzten Jahren hat Investoren verstärkt zunehmend dafür sensibilisiert, dass die daraus entstehenden langfristigen Risiken auch adäquat in Indizes beachtet werden sollten.

Das Jahr neigt sich dem Ende. Wie ist die Deutsche AWM mit 2015 zufrieden und welche Trends und Entwicklungen erwarten Sie im kommenden Jahr?h?

Wir haben bei der Entwicklung unserer Strategic-Beta-Produktpalette 2015 einen großen Schritt nach vorne gemacht. Die vier Aktienfaktoren-ETFs wurden von Anlegern gut aufgenommen, die qualitätsgewichteten Renten-ETFs sind die logische Fortsetzung auf der Anleihen-Seite. Als nächstes planen wir einen qualitäts-gewichteten Renten-ETF für Schwellenländer in Hartwährung. Allerdings steht der Einsatz von Strategic-Beta-ETFs in gestreuten Portfolios insgesamt in Europa noch ganz am Anfang. Hier erwarten wir 2016 ein deutliches Wachstum bei den investierten Anlagen.

Lesen Sie dazu auch die News zum neu aufgelegten ETF.

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