Quantitativ investieren
Thomas Metzger, Fondsmanager und Leiter Portfolio Management beim Bankhaus Bauer in Stuttgart.

Thomas Metzger, Fondsmanager und Leiter Portfolio Management beim Bankhaus Bauer in Stuttgart, über den Trugschluss, alle quantitativen Modelle in die Algo-Trading-Ecke zu schieben, die Frage, wieso schwankende Märkte besondere Chancen bieten und den Einsatz von ETFs im Rahmen quantitativer Handelsmodelle.

Was versteht man allgemein unter quantitativem Investieren?

Quantitativ bedeutet für uns: die Investmentstrategie wird über ein Modell gesteuert, dessen Vorgehensweise bzw. Vorgaben exakt definiert werden und grundsätzlich bindend sind. Wir erhalten von unserem quantitativen Modell beispielsweise vollautomatisch Handelssignale. Die subjektive Meinung oder Gefühlslage eines Portfolio-Managers spielt bei einer solchen Vorgehensweise keine Rolle mehr. Ist das Modell fertig entwickelt, greift der Mensch nur noch in extremen Situationen ein.

Ist quantitatives Investieren gleichzusetzen mit Hochfrequenzhandel?

Quantitativ investieren bedeutet nicht zwangsläufig, dass hohe Risiken eingegangen oder Positionen nur Sekunden gehalten werden! Wir nutzen zum Beispiel kurzfristige Zyklen und gehen in der Regel Positionen von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen ein. Auf Gesamtportfolioebene arbeiten wir dabei ohne Hebel. Das bedeutet: Wir sind im jeweiligen Markt entweder zu 100 Prozent investiert, neutral, oder zu 100 Prozent Short. Obwohl wir rein quantitativ vorgehen, hat dies in unserem Fall rein gar nichts mit High-Frequency-Trading zu tun.

Vielleicht können Sie am Beispiel Ihrer Vorgehensweise etwas auf die Funktion von quantitativen Modellen eingehen.

Gerne. Grundlage unserer Strategie ist ein technisch-quantitatives Absolute-Return-Modell das auf historischen Daten basiert. Wir bewegen uns also im rein technischen Universum, verwenden z.B. technische Indikatoren. Fundamentale Daten spielen keine Rolle. Am ehesten sind wir vielleicht mit Managed-Futures-Trendfolgern zu vergleichen. Die Trendfolge ist aber nur eine von vier Komponenten unseres Modells. Die weiteren drei beschäftigen sich mit Momentum, zyklischer Analyse und Charttechnik. Diese Multi-Strategy-Aufstellung stellt eine breitere Diversifikation dar und macht weniger abhängig von einer einzelnen Strategie-Komponente.

Wie sehen diese Vorteile aus? Können Sie das an konkreten Beispielen festmachen?

2011 liefen Trendfolgestrategien allgemein nicht so gut. Viele dieser Strategien erwirtschafteten in diesem Jahr Verluste.  Nutzt man hier weitere Strategien, welche über die Trendfolge hinausgehen, übersteht man solche Phasen oft besser.

Oft lassen sich im quantitativen Bereich unterschiedliche Märkte mit einem Modell handeln. Wie geht das?

Lassen Sie mich dazu kurz die Entstehungsgeschichte unserer Strategie skizzieren. Zunächst entwickelten wir die erwähnten Einzelstrategien bzw. oben erwähnte Komponenten. Diese waren bereits einzeln betrachtet sehr interessant. Wir waren aber auf der Suche nach einer diversifizierten Lösung und wollten unsere Strategien kombinieren.

Zunächst testeten wir unsere Strategie ausschließlich am S&P500-Aktienindex. Da wir ausschließlich technische Indikatoren nutzen, die universell Gültigkeit besitzen, haben wir unser System im Anschluss mit weiteren Basiswerten analysiert, um zum einen die am S&P-500 erzielten Ergebnisse einem Stresstest zu unterziehen und weiter Märkte zu finden, welche interessante Ergebnisse liefern.

Wie reagieren Sie auf wechselhafte Märkte? Wird Ihr System angepasst?

Natürlich gibt es Trades oder Signale, bei denen auch quantitative Modelle falsch liegen. Wenn Indizes z.B. nicht besonders breit gefächert sind, können Einzeltitel Ausreißer nach unten verursachen.  Unser Modell benötigt zudem eine gewisse Volatilität, um Performance erzielen zu können. So sind für uns nach wie vor die Aktien- und Rohstoffmärkte interessant, bei denen wir davon ausgehen, dass sie weiterhin stark schwanken. Auch bei den Währungsmärkten sehen wir Perspektiven.  Abgesehen von einer möglicherweise ganz interessanten absoluten Performance lasse sich durch Chancen, die sich rein aus der Schwankung eines Marktes ergeben, auch von traditionellen Anlagekategorien unabhängige Ergebnisse erzielen.

Das System wurde nach der Fertigstellung vor mehr als 6 Jahren nicht mehr verändert. Ich halte das für richtig. Es wäre meines Erachtens nicht konsequent, ständig ein System zu verändern, wenn eine Schwächephase zu beobachten ist.

Welche Rolle spielen ETFs bei dieser Form des Investments?

ETFs stellen eine interessante Instrumentengruppe dar, um z.B. unser Modell umzusetzen. Bei großen Volumina  nutzen wir hier Futures. Sollte sich ein Anleger allerdings mit ETFs wohler fühlen, so lassen sich die Handelssignale für viele Märkte aber auch ganz einfach im Rahmen eines persönlichen Vermögensverwaltungsmandates in unserem Haus über den jeweiligen ETF des zugrunde liegenden Index etc. umsetzen.

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Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber des EXtra-Magazins. Einer der führenden ETF-Informationsplattformen in Deutschland. Er hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Finanzen und Geldanlage mit Schwerpunkten auf Exchange Traded Funds, Robo-Advisors und digitale Bankdienstleistungen und ist ein gefragter Experte auf diesen Gebieten.