Start Interview „Renten-ETFs werden der nächste Wachstumstreiber“

„Renten-ETFs werden der nächste Wachstumstreiber“

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SvenWuerttenberger

ETFs auf Anleihen gelten als das Zukunftssegment im ETF-Markt. Allein im ersten Halbjahr 2012 wurden weltweit 42 Mrd. US-Dollar in Renten-ETFs investiert. Sven Württemberger, Head of Wealth Sales von iShares, über aktuelle Entwicklungen im ETF-Markt und den Run auf Renten-ETFs.

Herr Württemberger, ETFs gelten als die große Erfolgsgeschichte am Fondsmarkt. Das verwaltete Vermögen hat sich in den vergangenen Jahren verzwölffacht. Geht das so weiter?

Die ETF-Branche wird als Ganzes weiter stark wachsen – vor allem in Europa, wo wir einen starken Trend in Richtung Indexierung sehen. Der ETF wird sich als transparentes und einfaches Instrument weiter durchsetzen. Die Zahlen sprechen für sich: Die Industrie ist so gut wie nie zuvor in das Jahr gestartet und verzeichnete in den ersten sechs Monaten 2012 weltweit Mittelzuflüsse von über 100 Milliarden US-Dollar. Allerdings erwarten wir moderatere Steigerungsraten als in den vergangenen zehn Jahren, als der europäische Markt durchschnittlich um fast 50 Prozent gewachsen ist.

Was sind aus ihrer Sicht die Hauptgründe, dass ETFs bei Privatanlegern auch immer beliebter werden?

ETFs bieten Privatanlegern die Möglichkeit, mit nur einem Trade ganze Märkte für sich zu erschließen – und das zu höchst attraktiven Konditionen. Das war bis vor einigen Jahren noch institutionellen Anlegern vorbehalten. Wir freuen uns, dass ETFs auch zunehmend für den langfristigen Kapitalaufbau für die Altersvorsorge zum Einsatz kommen.

Welche Trends sehen Sie derzeit am ETF-Markt?

Wir glauben, dass Renten-ETFs der nächste große Wachstumstreiber für die Branche sein werden. Die Produkte machen erst einen geringen Teil des Gesamtmarktes für Anleihen aus, wachsen aber überdurchschnittlich stark: 2011 sind den festverzinslichen ETFs global rund 50 Mrd. Dollar zugeflossen. Im ersten Halbjahr 2012 waren es erneut 42 Mrd. Dollar. Ein zweiter Trend könnte in alternativen Indexgewichtungen liegen. Klassische marktkapitalisierungsgewichtete Benchmarks werden ohne Frage dominierend bleiben. Allerdings fragen Investoren zunehmend nach Varianten wie beispielsweise Minimum-Varianz-Ansätzen oder Indizes, die auf den Bruttoinlandsprodukten der abgebildeten Länder basieren. Drittens halten ETFs zusehends in der Retail-Welt Einzug. Immer mehr Vermögensverwalter und Direktkunden investieren in ETFs, aber auch Großbanken nutzen sie als Bausteine, um ihre Anlageempfehlungen umzusetzen.

Woher kommt die starke Nachfrage nach Renten-ETFs?

In der Finanzkrise war mit Aktien in der Breite wenig zu verdienen. Das hat die allgemeine Annahme infrage gestellt, dass Aktien langfristig am besten abschneiden. Tatsächlich waren Anleihen während der Krise und in unruhigen Marktphasen die Anlageklasse, die die beste Wertentwicklung abgeliefert hat. Anleger sehen Renten-ETFs zunehmend als gutes Instrument, ihre Portfolios gerade in solchen Marktphasen schnell und flexibel anzupassen. Wichtig ist dabei, dass die Anbieter den Anlegern die entsprechenden Bausteine zur Verfügung stellen. Im Rentensegment etwa liegt der Angebotsschwerpunkt noch immer auf breit streuenden ETFs auf europäische Staatsanleihen. Mit Produkten, die den Anleihenmarkt eines einzelnen Landes abdecken, können Anleger jedoch deutlich gezielter und präziser allokieren.

Worin sehen Sie persönlich die Stärken von Renten-ETFs?

In erster Linie die Möglichkeit, kostengünstig und flexibel Zugang zum Anleihemarkt zu haben, und natürlich auch die regelmäßigen Erträge, die einen wesentlichen Beitrag zum langfristigen Kapitalaufbau leisten können.

Welchen Anteil an Renten- gegenüber Aktientiteln halten Sie in einem Portfolio für sinnvoll?

Das kommt ganz auf die individuelle Anlagestrategie an. Jeder Investor sollte sein Chance-Risiko-Profil kennen und entscheiden, wie diversifiziert er innerhalb der jeweiligen Anlageklasse investieren möchte. Spannend ist allerdings, dass Investoren erst seit kurzem überhaupt die Möglichkeiten haben, sich breiter über Renten-ETFs zu positionieren. Aus Ertrags- und Renditegesichtspunkten im gegenwärtigen Marktumfeld sicherlich eine interessante Alternative.

Die ETF-Landschaft ist für viele unüberschaubar geworden. Auf welche Auswahlkriterien sollten Anleger achten?

iShares hat im vergangenen Herbst seine Due-Diligence-Initiative entwickelt, um bei der Analyse des breiten Angebots an ETFs zu unterstützen. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes stehen sechs Kernkriterien, die vor jedem Investment in einen ETF berücksichtigt werden sollten: Struktur, Steuern, Performance, Handel und Preisfeststellung sowie die Gesamtkosten (Total Cost of Ownership) und die Wertpapierleihe.

Gibt es trotz des starken Wachstums noch Themen, die noch nicht ausreichend über ETFs abgedeckt sind?

Mit über 2.000 ETFs in Europa gibt es zweifellos schon ein ausreichend breites und gut diversifiziertes Angebot. Echte Innovationsmöglichkeiten sehen wir im Anleihen-Segment, etwa bei High-Yield-Produkten, Anleihen aus Schwellenländern oder aus einzelnen Staaten. Nachfrage sehen wir außerdem im Bereich vermögensverwaltende ETFs.

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