Start Interview James Butterfill: „Russland und Brasilien bleiben attraktiv“

James Butterfill: „Russland und Brasilien bleiben attraktiv“

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James Butterfill, Head of Research & Investment Strategy von ETF Securities

In Frankfurt/Main sprach James Butterfill,  Head of Research & Investment Strategy von ETF Securities, Ende Januar vor Branchen- und Medienvertretern über Chancen und Risiken an den Märkten im laufenden Jahr und die Prognosen von ETF Securities an den Aktien-, Rohstoff- und Devisenmärkten. Das EXtra-Magazin nahm dies zum Anlass und sprach mit ihm darüber.

Sie sprechen von fünf primären Herausforderungen, welche 2017 auf Investoren warten. Können Sie diese Punkte etwas detaillierter erklären?

James Butterfill: Ja, es gibt einige entscheidende Risiken und Möglichkeiten für Investoren im Jahr 2017:

Die Inflation

Es besteht eine 84-prozentige Korrelation zwischen dem US-Consumer Price Index und dem Ölpreis. Die jüngsten Bewegungen am Ölmarkt deuten darauf hin, dass die Inflation im ersten Quartal drei Prozent erreichen könnte. Des Weiteren zeigte sich letzten Freitag, dass Löhne ansteigen und dadurch der Wettkampf um Arbeitskräfte zunimmt, während auch die Gesundheitskosten weiterhin ansteigen. Die Stärke des US-Dollars importiert im Moment Disinflation und wird dies auch nur geringfügig kompensieren. Die Märkte preisen die Aufwärtsrisiken der Inflation aktuell nicht ganz ein. Dies wird möglicherweise den Sachwerten zugutekommen, da Investoren zu realisieren beginnen werden, dass die Inflation aus dem niedrigen Niveau der vergangenen Jahre ausbrechen wird.

Die Zinsraten und Anleihenrendite

Geringes Wachstum trotz hoher Inflation wird zu einer gemäßigten FED führen. Die Märkte werden womöglich mehr als drei Zinsanhebungen im Jahr 2017 einpreisen, wobei die FED die Märkte wohl mit ihren Zinsankündigungen enttäuschen wird, was zu einer Volatilität des US-Dollars führen wird. Die FED bleibt dabei in einer „Liquiditätsfalle“, da sie mit dem Risiko konfrontiert wird, den überkauften Anleihenmarkt zu destabilisieren, wenn die Zinsen zu aggressiv angehoben werden. Daher ist es unwahrscheinlich, dass die „3 x Standardabweichsungsmarke“ von drei Prozent durchbrochen wird, was gleichzeitig das Ende des 30-jährigen Anleihen-Bullenmarktes darstellen würde. Sollte dies wirklich passieren, wo würden Anleger ihr Bargeld parken?

Präsident Trump

Unsicherheit bezüglich der globalen politischen Landschaft und Tendenzen hin zu populistischen Führern in den Industriestaaten werden 2017 eine Schlüsselrolle bezüglich der Volatilität der Finanzmärkte darstellen. Wir erwarten, dass Präsident Trumps Wahlversprechen abgeschwächt werden und dass es potenziell zu einer Deflation des „Trumpmoon“ kommen wird. Es kann jedoch eine Weile dauern, bis dies tatsächlich eintreffen wird. Die meisten Strategien, die er angekündigt hat und die auf Wachstum ausgelegt sind, scheinen bereits in den Märkten eingepreist zu sein. Seine Fiskalpolitik wird wahrscheinlich problematisch sein und wir sehen bereits erste Risse, die sich durch öffentliche Unstimmigkeiten zwischen Präsident Trump und seinem Kabinett auftun.

Brexit und die Zukunft der EU

Nachdem die US-Wahlen vorüber sind, wird sich der Fokus der Investoren wahrscheinlich auf Europa verlagern. In Großbritannien hat das oberste Gericht das Urteil des “High Court” aufrechterhalten, wonach das britische Parlament abstimmen muss, um Artikel 50 einzuleiten, der den Beginn des zweijährigen Prozess der Verhandlungen zum Verlassen der EU auslöst. Wie es aussieht wird der Artikel 50 unterschrieben werden, wonach die Märkte ihren Fokus auf Artikel 127 lenken werden, der die Mechanismen definiert, mit welchen Großbritannien die EU verlassen wird. Jetzt ist Europa mit Populismus an der Reihe, da potenziell 70 Prozent des Kontinents (gemessen am BIP) in diesem Jahr wählen wird, sollte dies auch in Italien der Fall sein. In vielen Ländern führen Populisten entweder oder sie legen in den Umfragen zu. Kritisch ist dabei Frankreich, wo ein Sieg von LePen zur Auflösung der Eurozone führen könnte, obwohl Umfragen davon ausgehen, dass sie in der zweiten Runde wahrscheinlich nicht gewinnen wird.

Schwellenländer

Die Bewertungen der Schwellenländer bleiben, verglichen mit jenen der entwickelten Märkte, langfristig attraktiv, was auch die Bewertungsmethoden wie etwa Shiller PE bestätigen. Russland und Brasilien bleiben attraktiv, während wir bei China vorsichtig sind. Im letzten Quartal sahen wir weniger negative Reaktionen der Währungen von Schwellenländern im Vergleich zum US-Dollar, mit ein paar wenigen Ausnahmen (Türkei und Mexiko). Die aktuellen Leistungsbilanzen haben sich positiv für die Schwellenländer entwickelt, und vielleicht ist dies der Grund, warum ein starker US-Dollar wahrscheinlich in der Zukunft einen weniger negativen Einfluss haben wird.

Sie denken, dass der US-Dollar zu hoch bewertet ist. Wo denken Sie wird er am Ende des Jahres stehen (im Verhältnis zum Euro) und warum?

James Butterfill: Der US-Dollar hat sich „zu weit und zu schnell” bewegt und könnte in den kommenden Monaten einbrechen, falls die US Federal Reserve ihrer Rhetorik nicht entsprechende Taten folgen lässt. Die Inflation dürfte 2017 nach oben gehen, was von ansteigenden Löhnen und einem Ende der schwachen Ölpreise des letzten Jahres getrieben wird. Das Pricing der Futures Märkte bleibt fest, könnte aber schnell zurückgehen, so die Realerträge abnehmen, weil die Inflation 2017 den Anstieg der Leitzinsen überholt. Inzwischen nähert sich die EZB dem Limit ihrer QE Aktivitäten. Wenn das Anleihe-Kaufprogramm zum Jahresende zurückgefahren wird, sollte der Euro davon profitieren. Obwohl wir erwarten, dass der Euro in den kommenden Monaten auf 1,10 zulegen wird, wird die Volatilität weiterhin bestehen bleiben und wir erwarten, dass er bis zum Jahresende wieder auf ungefähr 1,05 zurückgehen wird.

Welche Währungen haben Ihrer Meinung nach aktuell das meiste Potenzial nach oben?

James Butterfill: Wir erwarten, dass das Pfund in der nahen Zukunft unterstützt bleiben wird, während die Verhandlungen beginnen und Investoren ein Verständnis für die grundlegenden Probleme sowie den Zeitrahmen des Exit-Prozesses erhalten. Ein „harter Brexit” ist dabei nicht unser Wunschszenario, aber das Sterling wird wahrscheinlich volatil und „range-bound“ bleiben, während Details der Verhandlungen der Regierung mit der EU an die Öffentlichkeit durchsickern. Nichtsdestotrotz werden Investoren genügend Möglichkeiten haben, auf das Pfund zu setzen, welches sich wahrscheinlich in einem breiten Spektrum bewegen wird – von 1,21 bis 1,27 im Vergleich zum US-Dollar im Jahr 2017.

Laut Ihrer Einschätzung werden Industriemetalle 2017 bessere Möglichkeiten für steigende Preise haben. Warum glauben Sie das?

James Butterfill: 2016 gab es eine starke Nachfrage nach Industriemetallen und wir glauben, dass dieser Trend auch 2017 anhalten wird. Jedoch haben die top 100 Minenunternehmen innerhalb der letzten vier Jahre ihren Investitionsaufwand um 52 Prozent gesenkt, was weiterhin zu Problemen für die Versorgung führen wird. Die Gewinnspannen der Minenunternehmen und das Angebot/Nachfrage-Defizit der letzten Jahre bei Industriemetallen stehen in einem engen Zusammenhang. Die Gewinnspannen der Minenunternehmen bleiben im Moment sehr niedrig und daher deuten diese Margen darauf hin, dass wir in den nächsten Jahren weiterhin ein Angebotsdefizit sehen werden, welches sich letztlich positiv auf die Preise von Industriemetallen auswirken wird.

Sie sehen auch Gold ansteigen. Was sind die wichtigsten Faktoren dafür? Glauben Sie nicht, dass steigende US-Zinsen zu fallenden Goldpreisen führen könnten?

James Butterfill: Auch wenn die US Federal Reserve (FED) die Zinsen dieses Jahr erhöhen wird, wird auch die Inflation hartnäckig hoch bleiben und dadurch ein niedriges Realzins-Umfeld bieten. Gold könnte im ersten Halbjahr auf 1.300 US-Dollar pro Unze (8 Prozent) steigen, wobei dabei auch ein schwächerer US-Dollar hilft. Jedoch wird der US-Dollar im zweiten Halbjahr stärker werden. Abnehmender Goldenthusiasmus an den Futures Märkten könnte zudem zu einem Ausverkauf führen, wodurch Gold das Jahr bei 1.230 Dollar pro Unze beenden könnte.

Vergangenes Jahr stiegen die Ölpreise signifikant, da es zu einer Einigung über eine Kürzung der Produktion kam. Wird die Preisrally 2017 andauern?

James Butterfill: Gegen den Trend der steigenden Preise haben die USA – dominiert von der Schiefer-Ölindustrie – mit einer Steigerung der Produktion reagiert. Die Förderung ist seit Juni 2016 kontinuierlich gestiegen und die Periode des „engeren Gürtels” hat gezeigt, dass die Betreiber auch bei Preisen unter 40 Dollar pro Barrel die Kosten decken konnten (2014 waren es noch über 70 US-Dollar pro Barrel). Wir erwarten eine starke Expansion der USA in diesem Umfeld der höheren Preise. Obwohl sich die OPEC selbst eine Quote gesetzt hat, was die Limits für einzelne Länder betrifft, gibt es eine Anzahl an OPEC-Ländern, die von dieser Vereinbarung ausgenommen ist und einige haben ein Limit, welches höher ist als die Menge, welche sie am Ende des letzten Jahres produziert haben. Es gibt das Potenzial für eine Enttäuschung des Marktes, falls das Kartell damit kämpfen sollte, die Quote einzuhalten. Außerdem hat der ursprüngliche Erfolg der Maßnahme dazu geführt, dass die Vereinbarung nicht über die ersten sechs Monate des Jahres hinaus verlängert werden wird. Öl wird nahe von 55 US-Dollar pro Barrel gehandelt und wird vermutlich weiterhin in dieser Region bleiben bis Nicht-OPEC, Nicht-US Länder eine Investitionsausgaben-Reduzierung vornehmen und somit einen bedeutenden Einschnitt des Angebots durchführen. Wir erwarten, dass dies im Laufe des Jahres eintreten wird. Wir denken jedoch, dass es bis dahin schwer für Öl sein wird, deutlich über 55 US-Dollar pro Barrel gehandelt zu werden.

Sie glauben, dass man die alte Weisheit „im Januar kaufen und im Mai verkaufen” bei Rohstoffen anwenden kann. Gibt es irgendwelche langfristigen Studien, welche diesen Trend untermauern?

James Butterfill: Unsere Untersuchungen ergaben, dass die Handels-Strategie „Kaufe im Januar, verkaufe im Mai“ bei einem Rohstoffkorb überzeugende Erträge über eine Periode von 24 Jahren brachte.  Entgegengesetzt ist der Zeitraum von August bis Ende November ein besonders schwacher für Rohstoffe. Unsere Untersuchungen bestätigen, dass „Im Januar kaufen und im Mai verkaufen” bei Aktien nicht stichhaltig ist. Jedoch bringt die Strategie, Rohstoffe im Januar zu kaufen und im Mai zu verkaufen statistisch höhere Erträge als die Strategie, Rohstoffe für nur einen Monat zu halten. Wir fanden heraus, dass breite Rohstoffkörbe, der Landwirtschaftssektor und der Sektor Industriemetalle die stärksten Anzeichen an Saisonalität vorweisen. Gold war resistent gegen saisonale Effekte und die Performance von Erdöl war zu volatil, um gut zu performen. Die Gründe sind komplex, aber wir glauben, dass das kühlere Wetter in der nördlichen Hemisphäre und Entscheidungen bezüglich der Lagerbestände zu Beginn des Jahres entscheidende Faktoren sind. Es ist faszinierend, dass diese nicht eingepreist sind.

Investoren müssen Rollerträge berücksichtigen, wenn sie in Rohstoffe investieren. Gibt es derzeit Rohstoffe, wo Investoren von positiven Rollerträgen profitieren können?

James Butterfill: Feeder Cattle (Kälber), Zucker, lebende Rinder, Kakao und Erdgas erwirtschaften derzeit positive Rollerträge.

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.