Bruno Taillardat, verantwortlich für das weltweite Smart Beta- & Factor-Geschäft von Amundi Asset Management.

Am Rande einer Amundi-Investorenkonferenz trafen sich Thomas Brummer und Uwe Görler vom EXtra-Magazin mit Bruno Taillardat, der für das weltweite Smart Beta & Factor Geschäft von Amundi Asset Management verantwortlich ist. Beantwortet wurden wichtige Fragen um strategisches Investieren mit Smart Beta- und Faktor-ETFs.

Sie sind Leiter der Abteilung Smart Beta und Factor-Investing. In der Regel werden beide Begriffe als ein und dasselbe betrachtet. Gibt es hierbei einen Unterschied?

Bei Smart Beta und Factor Investments dreht sich alles um das richtige Risikomanagement für eine langfristig konsistentere Performance. Intelligente Beta-Lösungen helfen Anlegern, ihre Risiken besser zu managen (entweder durch Reduzierung oder bessere Diversifizierung), während Factor-Investments darauf abzielen, Risikoprämien systematisch zu erfassen, indem sie Größe, Wert, Momentum, geringe Volatilität usw. berücksichtigen. Bei Amundi bieten wir intelligente Beta- und Faktor-Investitionsstrategien im aktiven und passiven Management an, um das gesamte Spektrum der Anlegerbedürfnisse abzudecken.

Der beste Weg, um eine konstante Performance zu erwirtschaften, ist auf längere Sicht ein gutes Risikomanagement, so die Devise von Amundi. Welche Rolle spielen dabei Faktor- oder Smart-Beta-ETFs?

Die Factor-Strategien waren sehr erfolgreich, da sie den Anlegern Lösungen zur Erfassung der Risikoprämien an den Aktienmärkten bieten. Darüber hinaus bieten diese Strategien den Anlegern ein erhebliches Diversifikationspotenzial. Diese Strategien sind kosteneffizient und transparent über ETFs verfügbar, die ein Exposure gegenüber einem einzelnen Faktor oder Multi-Faktor-Strategien bieten können. Neben den Faktor-ETFs hat Amundi kürzlich einen risikoorientierten Dynamic Multi Factor Allocation Prozess gestartet. Die mit diesem Ansatz aktiv gemanagten Fonds bieten Anlegern die Möglichkeit, Faktor-Risikoprämien zu erfassen und durch Aktienmarktzyklen zu navigieren. Das Managementteam passt seine Schätzungen der Risiken der einzelnen Faktoren zyklusabhängig an, um eine optimierte Allokation aufzubauen, die auch den kurzfristigen Wert berücksichtigt.

Was müssen Anleger bei der Risikosteuerung des Portfolios durch solche ETFs beachten?

Da sich jeder Faktor je nach Entwicklung des Marktzyklus unterschiedlich verhält, ist es wichtig, dass die Anleger ein gutes Verständnis für das Verhalten des jeweiligen Faktors haben und wissen, wie der jeweilige Faktur zum eigenen Profil und den Anlagebedürfnissen passt. Zudem ist es sehr wichtig die Indexmethodik bei ETFs zu verstehen. Also, wie werden die Faktoren aufgebaut, wie werden sie kombiniert, wenn es sich um Multifaktor-ETFs handelt, etc.

Big Data und Algorithmen analysieren hunderte von Kriterien, mit denen in bestimmten Fällen eine Überrendite erzielen können. Welche der Faktoren sind auch wissenschaftlich belegt?

Wir bei Amundi haben die Auffassung, dass die Entwicklung der Technologien insgesamt positiv ist, insbesondere für Quanten- und System-Manager. Die künstliche Intelligenz liefert uns mächtige Werkzeuge, um immer mehr Daten zu analysieren und einige Überzeugungen zu testen. Wir sind jedoch der Meinung, dass die Hauptkriterien für die Auswahl der Faktoren auf wirtschaftlichen Gründen beruhen sollten, die durch akademische Forschung gestützt werden und sich an den Investitionsüberzeugungen der Investoren orientieren sollten.

Die Aktien- oder Anleihen-Selektion durch bestimmte Faktoren ist nichts Neues. Fondsmanager nutzen diese seit Jahrzehnten für aktive Investmentfonds. Trotzdem gelingt es laut der S&P-Studie nur einer kleinen Minderheit der Manager, die Benchmark langfristig zu schlagen. Warum sollte dies nun per Faktor-ETFs gelingen?

Fondsmanager verwenden seit Jahrzehnten Faktoren, aber mit dem Ziel, Alpha zu extrahieren, indem sie das aktienspezifische Risiko adressieren. Heute sind Factor Investing-Strategien in erster Linie darauf ausgerichtet, systematische Faktoren zu erfassen, die in der Regel widerstandsfähiger sind. Um die Gesamtrisiken des Portfolios besser steuern zu können, glauben wir, dass sie eine gute Basis für eine langfristige Outperformance bilden können.

Bruno Taillardat (rechts) im Gespräch mit den EXtra-Magazin-Redakteuren Thomas Brummer (Mitte) und Uwe Görler (links).

Nicht jede Strategie funktioniert in jeder Börsenphase. Für Privatinvestoren ist es in der Regel schwer einschätzbar, welche der Faktoren in den kommenden sechs oder zwölf Monaten gegenüber dem breiten Markt eine Überrendite erwirtschaftet. Sind also Faktor-ETFs eher etwas für institutionelle Anleger?

Bei Amundi glauben wir eher an das Konzept der Diversifizierung als an das Faktor-Timing. Wir denken, dass ein gut diversifiziertes Portfolio über mehrere Faktoren hinweg eine höhere Chance hat, im Laufe der Zeit konsistente Renditen zu erzielen. In unseren aktiv gemanagten Faktorportfolios berücksichtigen wir daher auch das Risikoumfeld bei der Allokation von Faktoren zur besseren Anpassung des Portfolios. Sollte der Markt dem Weg, den wir in den letzten Wochen eingeschlagen haben, folgen, dürften defensive Faktoren wie geringe Volatilität und Qualität vom wirtschaftlichen Umfeld profitieren. Darüber hinaus könnten mögliche Zinserhöhungen mehr zugunsten des Value-Faktors sein. Faktor-ETFs, seien es Einzel- oder Multi-Faktoren, bieten eine gebrauchsfertige Lösung, die einfach und kostengünstig innerhalb eines Portfolios implementiert werden kann und somit effiziente Werkzeuge für alle Anleger, ob Privatanleger oder institutionelle Anleger, darstellt.

Faktor-ETFs sind oft mit Klumpen- bzw. Konzentrationsrisiken behaftet. Beim Value-Faktor fallen zum Beispiel 40 Prozent der Aktien auf Finanzunternehmen gegenüber 15 Prozent im MSCI-Index. Wie kann man solche Risiken bei Faktor-ETFs minimieren?

Um dieses Risiko zu minimieren, können Investoren verschiedene Faktoren kombinieren, um ihr Engagement zu diversifizieren. Bei Amundi ermöglichen wir Anlegern, Faktoren entweder über ETFs oder über aktive Fonds zu nutzen. Investoren können sich für einen Ansatz entscheiden und ihre eigene Multi-Faktor-Strategie entwickeln oder Multi-Faktor-ETFs verwenden, die sich auf verschiedene Faktoren verteilen. Eine andere Lösung wäre die Investition in eine aktive Faktor-Investitionslösung, bei der der Manager dieses Konzentrationsrisiko beim Aufbau seines Portfolios berücksichtigt. Der Amundi Dynamic Multi Factor Prozess prüft dieses Risiko.

Da es für den Privatinvestor schwer ist, zu entscheiden, in welcher Börsenphase sich die Konjunktur aktuell befindet und welche Strategie sich hierbei eignet, wurden sogenannte Multifaktor-ETFs entwickelt, die verschiedene Faktoren kombinieren. Heben sich dabei nicht Verluste und Gewinne gegenseitig auf, so dass es für den Anleger ein Nullsummenspiel wird.

Die Kombination von Faktoren ohne wirkliches Verständnis ihrer Wirkungsweise könnte zu einem Nullsummenspiel führen. Um eine robuste Performance zu erzielen, müssen die Multi-Faktor-ETFs oder aktiven Fonds gut identifizierte Faktoren kombinieren. Diese sollten auf einer starken wirtschaftlichen Logik beruhen und so konstruiert sein, dass sie je nach Marktzyklus spezifische Gewinne abwerfen. Wir bei Amundi glauben, dass Diversifikation der Schlüssel zum Erfolg ist. Unser Ziel ist es sicherzustellen, dass mögliche Rückgänge einiger Faktoren durch die anderer Faktoren kompensiert werden können. Wenn die Multi-Faktoren-Strategien gut diversifiziert sind, glauben wir, dass die Anleger ihre Portfolios gut durch die verschiedensten Ausprägungen der Aktienmärkte navigieren können.

Weltweit hat sich der Faktor-ETF-Markt in den vergangenen sieben Jahren verfünffacht von 150 auf rund 750 Mrd. US-Dollar. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung vor allem in Deutschland und Europa, welche Trends erkennen Sie dabei und wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Entwicklung in diesem Bereich bei Amundi?

Wir sehen einen Anstieg der Nachfrage nach Faktor-ETFs mit Zuflüssen von 8,8 Mrd. Euro 2017 und über 15 Mrd. Euro YTD per Ende März 2018, und wir glauben, dass es noch Raum für weitere Expansion gibt, da die Investoren das Segment immer besser verstehen und auch die Verantwortlichkeiten in punkto Risikos immer zentraler zusammengeführt werden. Die nächsten Schritte, die wir erwarten können, sind Faktorinvestitionen in festverzinsliche Anlagen und Long/Short Factor-Strategien. Amundi ETF hat kürzlich angekündigt, den Umfang seiner Partnerschaft mit dem Edhec Risk Institute auf den Bereich Fixed Income auszudehnen, um Investoren konkrete Anlagelösungen für anspruchsvolle Märkte zu bieten. Zudem unterstreicht dieses Engagement, dass Amundi bemüht ist, den Bedürfnissen der Investoren durch Bildung und Forschung gerecht zu werden. Ergänzend sei gesagt, dass Faktoren auch einen guten Rahmen für die Umsetzung marktneutraler Strategien bieten. Amundi legte 2017 mit dem AMUNDI ETF iSTOXX Europe Multi-Factor Market Neutral UCITS ETF den ersten europäischen ETF, der ein multifaktorielles, marktneutrales Engagement bietet. Diese Innovation öffnet die Tür zu einer neuen Ära der Faktorinvestitionen, sowohl auf der passiven als auch auf der aktiven Seite.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.