Thomas Metzger, Leiter Portfolio Management beim Stuttgarter Bankhaus Bauer.
Thomas Metzger, Leiter Portfolio Management beim Stuttgarter Bankhaus Bauer.

Steigende Zinsen in den USA, der Handelskrieg zwischen den USA und China, die Türkei-Krise mit einem lange anhaltenden Währungsverfall mit Konsequenzen auch auf andere Staaten belasteten Schwellenländer-Investments. Thomas Metzger, Leiter der Vermögensverwaltungsabteilung beim Stuttgarter Bankhaus Bauer, über Schwellenländer als Geldanlage.

Herr Metzger, wie sinnvoll ist es aktuell aus Ihrer Sicht überhaupt, in Schwellenländer zu investieren?

Schon alleine aus Diversifikationsgründen sollte das Segment Emerging Markets in keinem gut ausgerichteten Portfolio als strategischer Baustein fehlen. Wir gehen davon aus, dass die Kapitalzuflüsse in die aufstrebenden Volkswirtschaften langfristig weiter anhalten bzw. sich noch erhöhen, da strukturelle Anpassungen in vielen Ländern ihre Wirkung zeigen. Die Außenhandelsbilanzen und die Wettbewerbsfähigkeit haben sich oftmals über die letzten Jahre verbessert. Auch die Einkaufsmanagerumfragen in verschiedenen Regionen liefern zum Teil recht zuversichtliche Ergebnisse.  Insofern rechnen wir nicht mit einem „Flächenbrand“ ausgehend von den genannten Problemfeldern. Meiden sollte man derzeit noch Länder mit eher schlechten makroökonomischen Fundamentaldaten, also mit starken Leistungsbilanzdefiziten sowie einer hohen Verschuldung, insbesondere in US-Dollar, wie bspw. die Türkei, Argentinien oder Südafrika. Der starke Greenback wirkt hier momentan sehr negativ.

Macht es derzeit Sinn, breit gestreut über alle Anlageregionen der Schwellenländer beispielsweise über den MSCI Emerging Markets zu investieren oder würden Sie aktuell lieber ganz bestimmte Regionen oder Länder bevorzugen?

Es ist immer schwierig, den richtigen Einstiegszeitpunkt, die richtige Region usw. zu wählen. Es macht daher durchaus Sinn, die strategische Emerging-Markets-Komponente im Portfolio mit einem breiten Index oder Fonds abzubilden und hier auf kurzfristige Timing-Entscheidungen weitestgehend zu verzichten. Um dieses Basisinvestment zu ergänzen, können dann aber durchaus taktische „Satelliten“ zum Einsatz kommen.

Wie erfolgt in Ihrem Haus die Auswahl der entsprechenden Regionen und Indizes?

In unserer Kernkompetenz Multi Asset verfolgen wir einen klassischen fundamentalen Top-Down Ansatz. Das heißt, wir beobachten die Welt aus der Vogelperspektive, bewerten bspw. wirtschaftliche und politische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf unterschiedliche Asset Klassen, Länder und Branchen und arbeiten uns somit von oben nach unten durch das Anlageuniversum. Unser Investmentprozess besteht dabei aus zwei Ebenen. Zunächst allokieren wir gemäß unserer Marktmeinung Anlagekategorien wie bspw. Aktien, Renten und Alternative Investments, ziehen dann aber über den Einsatz unterschiedlicher Strategien in den einzelnen Segmenten nochmals eine weitere Diversifikationsebene in das Portfolio. Das heisst z.B. das wir im Bereich Emerging Markets sowohl mit aktiv gemanagten Fonds als auch mit ETFs arbeiten.

Welche Schwellenländer-Region würden Sie derzeit aus fundamentaler Sicht favorisieren und was sind die Gründe dafür?

Ich würde nicht ausschließen, dass die Schwächephase der Emerging Markets noch eine Weile anhält. Die mittlerweile wieder ganz ordentlichen Renditen im Dollar lassen viel Kapital zurück in die USA wandern. Aber auch der Zinserhöhungszyklus der Fed wird irgendwann einmal zu Ende gehen und mittlerweile sollte auch einiges an Risikopotenzial in den Kursen eingepreist sein. Die derzeitige Skepsis vieler Marktteilnehmer bezüglich Emerging Markets bietet antizyklisch, langfristig orientierten Investoren momentan selektiv interessante Einstiegsmöglichkeiten. Gerade in Asien sehen wir Chancen. Die Region erlebt weiterhin einen starken Aufschwung. Bis 2050 könnte rund die Hälfte des globalen BIP-Wachstums aus den asiatischen Schwellenländern kommen. Asien ist fundamental im Vergleich zu früheren Aufschwüngen deutlich solider aufgestellt. Seit der Krise 1997/98 haben viele Volkswirtschaften ihre Leistungsbilanzen verbessert und die Schulden reduziert. Oftmals führten und führen die Regierungen strukturelle Reformen in Kombination mit höheren Ausgaben durch, um das Wachstum anzukurbeln.

Inwiefern könnte sich das Thema Handelskrieg hier auswirken?

Eine Eskalation des Zollkonflikts zwischen den USA und China schwebt tatsächlich als Damoklesschwert nicht nur über der Asien-Pazifik-Region. Viele Länder sind jedoch in einer recht guten Verfassung und könnten durch einen starken heimischen Konsum negative Effekte zumindest zum Teil ausgleichen. Zudem sehen wir eine realistische Chance, dass es in den nächsten Monaten zu Entspannungstendenzen im schwelenden Zollkonflikt kommt, da den Kontrahenten klar sein dürfte, dass ein ausgewachsener Handelskrieg nur Verlierer hervorbringen wird.

Wie bewerten Sie Schwellenländer-Anleihen für heimische Anleger, sollten auch diese mit ins Depot aufgenommen werden?

Hier wird aktuell das Risiko wieder besser vergütet. Durch die Krise in der Türkei und Argentinien sind die Kurse zum Teil deutlich unter Druck geraten, was ähnlich wie bei Aktien Kaufgelegenheiten eröffnet. Wichtig ist auch im Anleihesegment breit zu streuen und Klumpenrisiken zu vermeiden.

Worauf sollten Anleger bei der Auswahl von Schwellenländer-ETFs aktuell besonders achten?

Was Aktien ETF’s betrifft, so ist es in der Regel kein Problem, einen Fonds auf den MSCI Emerging Markets liquide und günstig zu erwerben. Genauer sollte man allerdings bei einzelnen Länder-ETF’s, gerade hinsichtlich exotischer Regionen, hinschauen. Bei Renten-ETF’s machen sich die höheren Handelskosten zum Teil während der Haltedauer des Produkts stark bemerkbar. Gerade in Stressphasen ist es keine Seltenheit, dass Bond-ETFs auf EM-Indizes mit Abschlägen auf den inneren Wert gehandelt werden.

Was gilt es beim Handel zu beachten?

Ein Schwellenländer-ETF sollte wenn möglich dann geordert werden, wenn der zugrunde liegende Markt geöffnet ist, da die Handelsspreads zu dieser Zeit in der Regel am günstigsten sind. Also Asien ETFs am Vormittag, Lateinamerika dagegen erst am späten Nachmittag.

Welche Kriterien entscheiden in Ihrem Hause bei der Auswahl von Schwellenländer-ETFs?

Unabhängig davon, um welchen ETF es sich handelt sich für uns unter anderem folgende Punkte wichtig: Wie hoch sind die Gesamtkosten des Produktes? Wie hoch ist die Geld-Brief-Spanne? Wie hoch ist die Tracking Difference, also der sichtbare Performance-Unterschied zur jeweiligen Benchmark.

Inwiefern spielt das Fondsvolumen eine Rolle?

Das Volumen eines Fonds ist eher zweitrangig. Auch ein kleiner ETF kann sehr attraktive Handels- und Gesamtkosten bieten.

Wie hoch sollte Ihrer Meinung nach der Anteil von Schwellenländern im Gesamtdepot sein?

In einem ausgewogenen Portfolio kann der Emerging Markets-Anteil sowohl im Renten- als auch im Aktienbereich jeweils mit bis zu zehn Prozent gewichtet werden.

Video-Tipp: Emerging Markets

Lesetipp: Einen ausführlichen Bericht zum Thema Schwellenländer finden Sie in der November-Ausgabe des EXtra-Magazins.

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Thomas Brummer war nach dem Betriebswirtschaftsstudium für das Anlegermagazin „Der Aktionär“ tätig. Im Anschluss schrieb er mehr als vier Jahre für das Verbraucherportal biallo.de und einige Tageszeitungen, wie Münchner Merkur, Rhein Main Presse, Frankfurter Neue Presse oder Donaukurier. Währenddessen hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 schreibt er für extra-funds.de und das EXtra Magazin.