Start Interview „Trend könnte sich erheblich verstärken“

„Trend könnte sich erheblich verstärken“

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Martin Arnold klein

Der Preis für Rohöl, zuletzt auch von Industriemetallen, legte seit Jahresbeginn deutlich zu. Das EXtra-Magazin sprach mit Martin Arnold, Rohstoffanalyst von ETF Securities.

 

Martin Arnold
Rohstoffanalyst bei ETF Securities

Auf der ETF-Investmentkonferenz zu Jahresbeginn erwarteten noch viele Investoren die große Trendwende zu wieder steigenden Rohstoffpreisen. Bisher blieb diese bis auf einige Ausnahmen eher aus. Woran liegt dies?

Rund drei Monate nach unserer Konferenz im Februar lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, ob sich auf den Rohstoffmärkten eine nachhaltige Trendwende eingestellt hat. Die Analysten auf der Konferenz haben insbesondere darauf hingewiesen, dass ein robustes Wirtschaftswachstum in China und den USA voraussichtlich die Nachfrage nach Industriemetallen und industriell genutzten Edelmetallen unterstützen wird. Im bisherigen Jahresverlauf hat sich diese Einschätzung durchaus bewahrheitet. Der ETFS Industrial Metals beispielsweise, der die Preisentwicklung im Industriemetallsektor abbildet, konnte seit Jahresbeginn um knapp zehn Prozent zulegen – und das obwohl die Wirtschaftsdaten aus China und den USA zum Teil noch unter den Erwartungen geblieben sind. Entfalten die beiden Volkswirtschaften ihr volles Potential, könnte sich der Trend erheblich verstärken.

Zu den wenigen Ausnahmen zählt der Preis für Rohöl. Vor allem Brent-Rohöl verteuerte sich seit Jahresbeginn deutlich. Was treibt derzeit den Markt und macht es für den Anleger noch Sinn, auf den fahrenden Zug aufzusteigen?

Durch den spektakulären Preissturz zwischen Mitte 2014 und März 2015 hat der Rohölpreis hohe Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Einige Investoren sind in diesem Zeitraum eingestiegen, da sie mittelfristig wieder höhere Preise erwarteten. Trotz der spürbaren Erholung in den letzten Wochen liegen die Preise aktuell immer noch etwa 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Wenn das aktuelle Überangebot sukzessive vom Markt verschwindet, besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Rohölpreise wieder nachhaltig ansteigen. Vor allem die USA und die OPEC können eine solche Entwicklung beschleunigen. Schließen noch weitere Schieferöl-Förderanlagen in den USA und einigt sich die OPEC womöglich auf eine Beschränkung der Produktionsmenge, dürften die Kurse davon profitieren. Wichtig ist aber auch: Ein wesentlicher Faktor bei der Erholung der Ölpreise waren geopolitische Risiken, wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Saudi Arabien und dem Jemen. Sollten sich die Risiken wieder verringern, könnten die Preise kurzfristig noch einmal sinken. Anleger sollten daher genau abwägen, wann sie ihr Investment tätigen.

Der Spread zwischen Brent und WTI hat sich zuletzt wieder etwas vergrößert. Was sind dafür die Ursachen und sehen Sie schon bald wieder eine Annäherung?

Der Spread zwischen Brent und WTI ist vor allem zu Beginn des Jahres größer geworden. Nach einem ungefähr parallelen Preisverlust der beiden Rohölsorten im zweiten Halbjahr 2014 hat der WTI-Kurs Anfang 2015 überdurchschnittlich stark nachgegeben. Da die USA durch den breiten Einsatz der Fracking-Methode so viel Öl fördert wie noch nie zuvor, gleichzeitig aber nur in geringem Umfang exportiert, stiegen dort die Lagerbestände deutlich an. So ist der Preis der US-Sorte WTI besonders unter Druck geraten. In den letzten Wochen hat sich der Spread allerdings wieder verringert. Denn einige Produzenten in den USA haben den Betrieb einzelner Förderanlagen eingestellt, die nicht mehr rentabel waren. So wurde das Angebot begrenzt.

Die Rollkosten sind derzeit vergleichsweise hoch. Lohnt es sich da für den Anleger überhaupt noch und gibt es vielleicht Möglichkeiten, diese Rollkosten zu minimieren, so dass dann unter dem Strich auch wirklich eine ansehnliche Rendite herausspringt?

Die zentrale Ursache der hohen Rollkosten bei einigen Rohstoffen liegt in den historisch gesehen niedrigen Spotpreisen. Die ansteigende Futures-Kurve und die damit verbundenen höheren Preise für Terminkontrakte zeigen, dass die Mehrheit der Investoren steigende Kurse erwartet. Eine Möglichkeit, um die Rollkosten zu verringern, ist in ETCs auf Futures mit längerer Laufzeit zu investieren. Denn diese sind weniger volatil, da Anleger langfristig nicht mit so hohen Ausschlägen rechnen. Daher sind die Preisdifferenzen und damit auch die Rollkosten deutlich geringer.

Auch viele rolloptimierte Produkte versprachen zuletzt nicht, was sie versprachen, im Gegenteil, häufig hinkten sie sogar klassischen Produkten hinterher. Was sind die Ursachen und wann macht es wirklich Sinn, in solche Produkte zu investieren?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Da es verschiedene Konzepte zur Rolloptimierung gibt, fällt die Performance auch unterschiedlich aus. Zum Teil sind diese Produkte allerdings schwer zu verstehen für den Anleger. Wir sehen daher den Vorteil der Rolloptimierung durch ein aktives Management der Terminkontrakte als begrenzt an. Vielmehr empfehlen wir unseren Investoren, ETCs auf Futures mit längeren Laufzeiten zu nutzen. Denn diese sind transparent und eine effektive Methode, um Rollverluste zu minimieren.

Sind vielleicht Aktien auf Rohstoff-Unternehmen, beispielsweise Öl- oder auch Goldförderer und -explorer derzeit die bessere Möglichkeit, ohne Rollverluste in diesen Markt zu investieren?

Ein Zugang über Aktien kann interessant sein, wenn sich der Anleger mit den Fundamentaldaten eines oder mehrerer Unternehmen auseinandersetzt und die Chancen und Risiken der Unternehmen im jeweiligen Marktumfeld kennt. Allerdings besteht hier nur ein indirekter Bezug zur tatsächlichen Entwicklung des jeweiligen Rohstoffpreises. Über einen ETC lässt sich hingegen direkt an Bewegungen des Öl- oder Goldpreises partizipieren. Mit einem physisch besicherter Gold-ETC zum Beispiel investiert ein Anleger in den Spotpreis. So fallen keine Rollkosten an.

Trotz gestiegener Risiken profitierten bisher die Edelmetalle Gold oder Silber nur minimal, Platin und Palladium verloren sogar an Wert. Was sind dafür die Ursachen und wo sehen Sie aktuell bei Edelmetallen die besten Chancen für den Anleger?

Die Edelmetallpreise sind in den letzten Monaten vor allem durch den starken US-Dollar und in Erwartung einer baldigen Zinswende in den USA unter Druck geraten. Europäische Anleger, die Gold in US-Dollar halten, haben von dieser Entwicklung jedoch profitieren. Denn der Goldkurs in Euro konnte in den ersten Monaten dieses Jahres spürbar zulegen. Bei Platin und Palladium, aber auch bei Silber sehen wir eine stabile Entwicklung. Nach unten hin scheinen die Kurse mittlerweile gut abgesichert. Bei einer weiteren Erholung der Weltwirtschaft steigt voraussichtlich die Nachfrage nach den industriell genutzten Edelmetallen an. Bei Platin könnten Angebotsengpässe in Südafrika zusätzlich den Preis unterstützen.

Blei und Kupfer legten zuletzt deutlich zu. Was spricht für diese beiden Metalle?

Wir haben schon vor einigen Wochen gesagt, dass der Kupferpreis aus unserer Sicht zu stark nachgegeben hat, wenn man die Fundamentaldaten betrachtet. Diese Überreaktion des Marktes, ausgelöst vor allem durch das niedrigere Wachstum in China, gleicht sich nun offenbar wieder aus. Auch der Bleipreis ist zuletzt vor allem deshalb gestiegen, weil die Korrektur zuvor übertrieben war. Die International Lead and Zinc Study Group prognostiziert für dieses Jahr ein ungefähr ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Bleimarkt.

Die großen Chancen sahen Investoren bei der Frankfurter ETF Securities Investmentkonferenz vor allem bei Agrarrohstoffen. Wie beurteilen Sie dort die Lage und bei welchen Agrarrohstoffen sehen Sie derzeit die besten Chancen?

Die Entwicklung bei den Agrarrohstoffen ist vor allem von Wetterbedingungen abhängig. 2014 waren beispielsweise die Bedingungen für Weizen und Mais in den USA nahezu perfekt. Daher stiegen die Erntemengen deutlich an. Die Folge: Dieses Jahr säen die US-Bauern weniger Weizen und Mais. Dies dürfte die Preise unterstützen. Eine Erholung könnte sich auch beim Preis für Arabica-Kaffee einstellen. Dieser ist in den letzten Monaten stark unter Druck geraten, da die Lagerbestände in Brasilien aufgrund des schwachen Reals gegenüber dem US-Dollar sukzessive geleert wurden. Die Dürre im letzten Jahr hat jedoch einige Arabica-Pflanzen zerstört. Daher dürfte die kommende Ernte durchwachsen ausfallen und das Angebot sinken.

Über Martin Arnold, Global FX & Commodity Strategist

Martin Arnold ist Senior Analyst im Research-Team von ETF Securities und hat mehrjährige Erfahrung in Anlagestrategien und der volkswirtschaftlichen Analyse. Bevor Martin Arnold zu ETF Securities kam, hat er Strategien für die Währungsmärkte bei einer unabhängigen Research-Beratung entwickelt. Er hat ausgeprägte Kenntnisse in Makroökonomie und der Finanzanalyse, die er bei der Reserve Bank of Australia und bei Privatbanken erworben hat. Seine Erfahrung umfasst mehrere Anlageklassen, einschließlich Aktien und Anleihen. Martin Arnold hat einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften der Universität von New South Wales in Australien und einen Master der University of Wollongong. Zudem hat er einen graduierten Abschluss in angewandten Finanzwissenschaften und Investments am Securities Institute von Australien erworben.

 

 

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.