Start Interview Vorhandenes zu kopieren wird nicht mehr ausreichen

Vorhandenes zu kopieren wird nicht mehr ausreichen

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Im April 2000 wurden die ersten ETFs am Deutschen Markt von Merrill Lynch emittiert. Heute gehören sie zur iShares-Familie von Black- Rock. Marc Bubeck spricht im Interview über die Produkte der ersten Stunde und aktuelle Entwicklungen auf dem ETF-Markt.

ETFs in Deutschland und Europa feierten vor kurzem ihren zehnten Geburtstag. Der richtig große Boom setzte hierzulande aber erst in der jüngsten Vergangenheit ein. Worin sehen Sie das begründet?

ETFs zählen zweifellos zu den wichtigsten Finanzinnovationen der vergangenen zehn Jahre. In dieser Zeitspanne ist der Markt in Europa jährlich um durchschnittlich 90 Prozent gewachsen. Den endgültigen Durchbruch brachte aber tatsächlich erst die Finanzmarktkrise der Jahre 2008 und 2009. Damals hat sich schmerzlich gezeigt, welche Risiken komplexe Produkte bergen können oder was es heißt, wenn ein Investment nicht mehr liquide ist. Investoren wollten mehr denn je Produkte, die sicher, transparent, liquide und einfach sind. ETFs bieten diese Eigenschaften wie kein zweites Investmentprodukt. Das erklärt ihren Erfolg gerade in jüngster Zeit.

Um welche Produkte handelte es sich bei den ersten ETFs in Deutschland? Wie sah deren weitere Entwicklung aus?

Es waren ETFs auf den Dow Jones Euro Stoxx 50 und den Dow Jones STOXX 50. Seit ihrer Erstnotiz wurden in den beiden iShares ETFs über 50 Mrd. Euro gehandelt. Der iShares DJ Euro STOXX 50 zählt mit einem durchschnittlichen täglichen Handelsvolumen von 75 Mio. US-Dollar zu den bis heute am meisten gehandelten ETFs in Europa.

Wurden die Produkte im Laufe der Jahre angepasst, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Im November 2002 wurden die Management Fees von ursprünglich 50 Basispunkten auf 35 gesenkt, beim iShares ETF auf den Euro Stoxx 50 beträgt die Fee nunmehr effektiv 15 Basispunkte. Trotz der ständig wachsenden Konkurrenz konnten die ETFs der ersten Stunde ihr Handelsvolumen in den vergangenen zehn Jahren ausbauen und auf sehr hohem Niveau bestätigen. Das belegt, wie innovativ die beiden Produkte damals waren und bis heute sind.

Die wichtigsten Märkte und Assetklassen sind via ETF abgedeckt, die Gebühren der Produkte schon relativ niedrig. Wie können Emittenten da die Attraktivität ihres Angebots noch weiter steigern?

Wir glauben, dass sich die Branche an einem Scheideweg befindet. Erfolg bei ETFs ist mitnichten ein Selbstläufer, denn der Kuchen ist trotz allen Wachstums nicht unendlich groß. Sich zu differenzieren wird für die Anbieter zusehends wichtiger; Vorhandenes zu kopieren wird nicht mehr ausreichen. Innovation und Wachstum werden künftig nur noch in Ausnahmen von neuen Produkten kommen, sondern vielmehr von den vielfältigen Nutzungs- und Anwendungsmöglichkeiten der ETFs. Intelligente Lösungen auf ETF-Basis sind die nächste Evolutionsstufe.

Privatanleger nutzen ETFs bislang nur in begrenztem Maße. Schuld ist das Beratungssystem. Sehen Sie eine Möglichkeit, dennoch an diese Klientel heranzutreten?

Das bleibt eine Herausforderung. Produkte wie ETFs, die keine Retrozessionen zahlen, sind in den vorherrschenden Vertriebsstrukturen naturgemäß im Nachteil. Wir müssen weiter mit Produktvorzügen wie Einfachheit und Transparenz überzeugen. Provisionen in Form von Kickbacks lehnen wir dagegen ab. Ermutigende Signale kommen von den Selbstentscheidern unter den Privatanlegern, die über Direktbanken handeln. Dieses Segment wächst. Auch die Zielgruppe der Honorarberater wächst, wenngleich von einem niedrigen Niveau. ETFs spielen dort in den Portfolios eine herausragende Rolle. Wir wollen diese Vertriebskanäle durch Schulungen und Vertriebsaktionen unterstützen. Zudem werden wir verstärkt Wachstum über Kombinationen von ETFs mit anderen Kapitalanlageinstrumenten sehen. Klassisches Beispiel sind Dachfonds, die ETFs einsetzen.

Worauf sollten Privatanleger bei der Produktauswahl achten?

Grundsätzlich ist jeder ETF für Privatanleger geeignet – aber nur, wenn er ihn auch versteht. Bei gehebelten oder Short-ETFs dürfte das nicht immer der Fall sein. Sie kommen nur für sehr erfahrene Investoren infrage. Entscheidend für die Auswahl sind – wie bei jeder Anlageentscheidung – individuelle Kriterien wie das bestehende Portfolio, das Anlageziel oder die persönliche Risikoneigung. Wichtig ist der Beitrag, den der einzelne ETF zur Portfoliodiversifikation leisten kann.

Dieser Artikel wurde dem Scope Newsletter entnommen.

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