Start Interview „Wir bevorzugen Anleihen und defensive Aktien“

„Wir bevorzugen Anleihen und defensive Aktien“

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Die Unsicherheit an den Aktienmärkten steigt, das Vertrauen in die Zukunft des Euro und die Weltwirtschaft schwindet von Tag zu Tag. Die Kurse brechen weltweit wieder ein. Viele Anleger fragen sich angesichts dieser Situation: Wie investiere ich in solchen Phasen richtig? Wir befragten dazu Franz Schulz, Geschäftsführer und Gründer der Quint:Essence Capital S.A. in Luxemburg.

Mit einem Plus von knapp 18 Prozent erzielte der DAX im ersten Quartal das beste Ergebnis seit 1998. Seit April legt der DAX nun wieder den Rückwärtsgang ein. Haben Anleger die „Sell in may“- oder „Sell in summer“-Strategie verinnerlicht und bereits im Vorfeld verkauft?

Schulz: Nach dieser fulminanten Rallye war die Zeit für eine Konsolidierung mehr als reif. Nicht zu vergessen: die Schuldenkrise, die wieder entfacht ist. Doch werfen wir einen Blick in die Zukunft. Für 2012 ist eine Abschwächung der Konjunktur prognostiziert worden – für 2013 sind die Volkswirte wieder deutlich optimistischer. Gestützt wird dieser Optimismus durch die erfreuliche Ölpreisentwicklung aufgrund der Schuldenkrise und der sichtbaren Konjunkturabschwächung.

Einige Titel verbilligten sich erheblich. Lohnt sich bei deutschen und europäischen Aktien nun wieder der Einstieg?

Schulz: Eindeutig ja. Aufgrund der günstigen Bewertungen sowie mangelnder Attraktivität anderer Asset-Klassen. Speziell für deutsche Aktien spricht die Konjunktur, die sich in Deutschland weiter überdurchschnittlich entwickelt. Dabei profitiert Deutschland von den Anfang des Jahrtausends eingeleiteten Strukturreformen, die in anderen europäischen Ländern vernachlässigt wurden. Nicht umsonst sind Griechenland, Spanien, Italien, Portugal oder Irland in solchen Schwierigkeiten. Zudem läuft der deutsche Export weiter gut. All das erklärt, warum wir derzeit deutsche Aktien präferieren. Wegen der aktuellen Probleme, aber auch aufgrund von zukünftigen, unvermeidlichen Strukturveränderungen in der Finanzbranche raten wir jedoch grundsätzlich von Finanztiteln ab.

Welche Titel bevorzugen Sie derzeit im defensiven Bereich?

Schulz: In langfristiger Erwartung steigender Inflationsraten bilden inflationsindexierte Anleihen einen wichtigen Bestandteil unserer Portfolien. Über jeden Zweifel erhabene Unternehmensanleihen, die unserer Ansicht nach kein größeres Risiko beinhalten als bonitätsmäßig einwandfreie Staatsanleihen, bieten diesen gegenüber immer noch einen Renditevorteil. Als Beimischung bieten sich Anleihen in Fremdwährungen an – Währungen, die unseres Erachtens Aufwertungspotenzial besitzen. Ebenso attraktiv finden wir Wandelanleihen. Geldmarktanlagen bieten dagegen wenig Renditechancen.

Und wie stehen Sie zu Immobilien, Gold und alternativen Investments?

Schulz: Immobilien für den Eigenbedarf? O.k. Aufgrund des demografischen Faktors verlieren Immobilien als reine Wertanlage jedoch auf Sicht der nächsten 30-50 Jahre in Deutschland zunehmend an Attraktivität. Gold kann als Krisen-Ersatzwährung bis maximal 10 Prozent beigemischt werden. Von alternativen Investments halten wir nichts.

Emerging Markets gelten als die Gewinner der Krise. Zahlreiche Länder konnten sich dem Abwärtstrend allerdings auch nicht widersetzen. Sollten Anleger jetzt einsteigen und welche Länder sollten sie dabei bevorzugen?

Schulz: Für junge Industriestaaten sprechen hohe Wachstumspotenziale und geringe Verschuldungen. Allerdings: Länder mit höheren Wachstumsraten sind für Konjunkturschwankungen anfälliger als reife Industrieländer, in denen die Wachstumsraten auch künftig deutlich niedriger bleiben werden. Unsere Investmentipps: Singapur, Südkorea, Malaysia, Indien, Brasilien und Chile. Je nach schon bereits vorhandener Gewichtung und der Risikotragfähigkeit des Portfolios bieten sich dort Neuengagements derzeit an.

Die USA stehen vor wichtigen Präsidentenwahlen. Wie beurteilen Sie aktuell den US-Aktien und -Rentenmarkt und welche Titel bevorzugen Sie?

Schulz: Renditen amerikanischer Staatsanleihen beinhalten zum Teil erhebliche Zinsänderungsrisiken. Zudem sollte der Euro-Investor das Wechselkursrisiko bedenken. Auch wenn derzeit viel für US-Dollar-Anlagen spricht, sollte man nicht außer Acht lassen, dass auch die USA maßlos überschuldet sind und es bei einem Abflauen der europäischen Schuldenkrise schnell wieder zu einer Trendumkehr kommen kann. US-Aktien stehen wir positiv gegenüber, da die US-Wirtschaft verhältnismäßig gut läuft. Grundsätzlich bevorzugen wir Unternehmen mit einer nachhaltigen Wachstumsstrategie, überzeugenden Produkten und einem weitsichtigen Management. Möglichst sollte auch die Dividendenrendite attraktiv sein.

Das soziale Netzwerk Facebook erlebte mit seinem Börsenstart ein wahres Desaster, das mittlerweile auch die Gerichte beschäftigt. Wie beurteilen Sie US-Technologieaktien insgesamt?

Schulz: Die Facebook-Emission haben wir von Anfang an als Luftnummer eingeschätzt. Sicherlich war dieser Flop nicht gerade imagefördernd, dennoch stehen wir dem US-Technologiesektor positiv gegenüber. Firmen wie IBM, Intel und natürlich Apple sind aktuell auch in unserer Aktienstrategie gewichtet.

Bisher haben Sie die Währungsrelation EUR/USD gemieden. Seit mehreren Wochen bieten Sie in ihren Portfolios nun auch diese Währung an. Was hat aus ihrer Sicht dazu beigetragen, ihre Marktmeinung dazu zu ändern?

Schulz: Die Euro-Schwäche und das abermalige Aufflackern der Schuldenkrise.

Wie sollte ein defensiv orientierter Anleger aus ihrer Sicht derzeit sein Portfolio gewichten?

Schulz: Ein Blick in unseren Fonds Quint:Essence Strategy Defensive lohnt. Wir investieren in maximal 24 Einzelwerte, da wir der Überzeugung sind, dass uns eine zu breite Diversifikation um gute Performancebeiträge bringen kann. Wenn wir von einer Anlage überzeugt sind, gewichten wir sie entsprechend hoch. Diese Art der Streuung bei gleichzeitiger quantitativer Begrenzung beschert nicht nur eine konstant angenehme Performance, sondern auch eine der niedrigsten Volatilitäten überhaupt. Wir konzentrieren uns derzeit auf inflationsindexierte Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Wandelanleihen und supranationale Anleihen. Als Beimischung eignen sich hierzu auch defensive Aktien, die vom Risiko- und Renditeprofil interessanter sind als viele Anleihen. Währungstechnisch ist der Großteil des Portfolios im Euro investiert. Der Fremdwährungsanteil beträgt derzeit wieder fast knapp 20 Prozent. Zu Jahresbeginn lag dieser noch unter 10 Prozent.

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