Start Interview „Wir erwarten einen Anstieg der Ölnachfrage bis zum Jahr 2015“

„Wir erwarten einen Anstieg der Ölnachfrage bis zum Jahr 2015“

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Jochen Hitzfeld

Auf einer Münchener Veranstaltung vor Vertretern der deutschen Wirtschaftspresse gab Jochen Hitzfeld, Rohstoff- Experte der Unicredit, einen umfassenden Ausblick auf die Rohstoff-Märkte. Im Interview erläutert er die wichtigsten Entwicklungen in diesem Bereich.

Herr Hitzfeld, auch in den Schwellenländern bricht die Konjunktur ein. Die Märkte, geht es nach den Forwards, rechnen mittelfristig eher mit leicht sinkenden Ölpreisen. Trotzdem gehen Sie in ihrem Rohstoffbericht von einem durchschnittlichen Brent-Ölpreis von 120 USD im Jahr 2013 und 125 USD im Jahr 2015 aus. Woher kommen die Impulse für diesen Ölpreisanstieg?

In China schwächt sich die Konjunktur schon seit sieben Quartalen in Folge spürbar ab. Aktuell beobachten wir jedoch erste (vage) Anzeichen einer Stabilisierung. So hat die chinesische Regierung neue Infrastrukturmaßnahmen beschlossen, die sich bereits positiv auf den Bau- und Immobiliensektor auswirken, der sich in den letzten Monaten ohnedies gefangen hat. Darüber hinaus verfolgt die chinesische Zentralbank wieder eine expansivere Politik und hat die Mindestreserve sowie den Leitzins gesenkt. Zuletzt hat sich auch die Stimmung z. B. am Aktienmarkt wieder verbessert.

Wir erwarten einen Anstieg der Ölnachfrage bis zum Jahr 2015 auf das neue Rekordniveau von 92,8 mb/d. Auf der anderen Seite leidet die Erdölförderung unter einem strukturellen Problem. Die Internationale Energieagentur erwartet einen Rückgang der Erdölförderung aus bestehenden Feldern von 69 mb/d auf 22 mb/d bis zum Jahr 2035. Gleichzeitig wächst die Nachfrage in diesem Zeitraum auf fast 104 mb/d. Wir müssen in diesem Zeitraum also praktisch die 8-fache Ölproduktion von Saudi-Arabien neu entwickeln, um Preisverwerfungen am Erdölmarkt zu verhindern. Wenn wir also von neuen Ölprojekten wie in Brasilien oder der Förderung von Schieferöl in den USA lesen, müssen wir das in diesem Kontext bewerten. Die Zeit von billigem Erdöl ist definitiv vorbei.

Hinzu kommt, dass die OPEC-Länder einen stark wachsenden Eigenverbrauch haben. Die Region weist sogar die zweitstärksten Wachstumsraten nach Asien auf. Nach Angaben von BP liegen die Erdölexporte der OPEC daher heute unter dem Niveau der 70er Jahre. Neue Quellen müssen also vor allem in politisch und/oder geologisch schwierigen Gebieten erschlossen werden. Zudem sind die heute gefundenen Ölfelder wesentlich kleiner als die heute etablierten Felder. Hinzu kommen die anhaltenden geopolitischen Spannungen wie aktuell im Iran und in Syrien.

Wird sich aus ihrer Sicht der erhebliche Spread zwischen WTI- und Brent-Rohöl in kommender Zeit wieder verringern, so dass die Anleger aufgrund des Verringerns der Preisschere eher auf WTI-Öl setzen sollten?

Wir sehen vor allem zwei Ursachen für diesen im historischen Vergleich enormen Abstand. Zum einen wird in den USA immer mehr Erdöl aus Schiefergestein gefördert. Die Erdölförderung der USA ist so hoch wie seit 1996 nicht mehr. Die Infrastruktur ist aber nicht entsprechend schnell mitgewachsen. Die Lagerbestände am Hauptumschlagsplatz, in Cushing, Oklahoma, haben diesen Sommer ein Allzeithoch erreicht. Das Erdöl muss mühsam an den Golf von Mexiko transportiert werden. Die Transportkosten erklären einen wesentlichen Teil dieses Spreads. Auf der anderen Seite ist Brent auch überdurchschnittlich teuer. Die Förderung in der Nordsee hat sich seit dem Jahr 2000 praktisch halbiert und Brent-Öl ist entsprechend knapp geworden. Wir erwarten bis Ende 2014 einen durchschnittlichen Abstand von 15 USD.

Den zweiten Teil des Inverviews finden Sie auf der nächsten Seite.

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