David Wenicker, Leiter des iShares Privatkundengeschäftes in Deutschland bei BlackRock

Vor wenigen Tagen legte iShares zwei währungsgesicherte Varianten von Smart-Beta-ETFs auf, darunter die eines Multi-Faktor-ETFs. Das EXtra-Magazin sprach dazu mit David Wenicker, Leiter des iShares Privatkundengeschäftes in Deutschland bei BlackRock.

iShares hat kürzlich währungsgesicherte Varianten des iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF und des ishares Edge MSCI World Minimum Volatility UCITS ETF aufgelegt. Was ist der Grund dafür?

„Währungen haben sich zu einem entscheidenden Treiber der Gesamtrendite entwickelt. Die teilweise erhöhte Volatilität der Wechselkurse bietet einerseits Chancen auf zusätzliche Erträge. Doch nicht alle Anleger wollen die Risiken, die damit einhergehen, in Kauf nehmen. Für diese Anleger haben wir nun auch für diese ETFs Euro-währungsgesicherte Anteilsklassen geschaffen. Sie neutralisieren Wechselkursschwankungen aus Sicht eines hiesigen Anlegers.“

Könnten Sie uns den Auswahlprozess genau erläutern?

„Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass bestimmte Faktoren langfristig höhere risikobereinigte Renditen liefern als der Gesamtmarkt. Daher sind diese Faktoren in den Strategien aktiv gemanagter Fonds seit Langem eine tragende Säule. Der iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF bietet Anlegern auf globaler Ebene kostengünstigen und transparenten Zugang zu vier etablierten Anlagefaktoren: Bewertung (Value), Unternehmensqualität (Quality), Kursdynamik (Momentum) und Unternehmensgröße (Size). Dafür werden aus dem Universum des MSCI World, der weltweit als globaler Aktienindex etabliert ist, nach festen Regeln die Werte herausgefiltert, die über die intensivste Ausprägung der Faktoren Value, Qualität, Momentum und Größe verfügen. Ein weiteres Kriterium im Auswahlprozess ist, unbeabsichtigte Übergewichtungen auf Sektor-, Länder und Investmentstil-Ebene zu vermeiden. Die Zusammensetzung des Portfolios wird halbjährlich angepasst.“

Was ist der Vorteil solcher Multi-Faktor-ETFs, und für welche Konjunkturphase eignet sich das von Ihnen aufgelegte Produkt am meisten? Was gibt es dabei zu beachten?

„Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge entfaltet jeder Faktor seine Stärken in einem bestimmten Konjunktur- beziehungsweise Marktumfeld besonders gut. Dafür den jeweils besten Moment zu erwischen, ist wie Market-Timing insgesamt schwierig. Daher bietet es sich an, langfristig in eine Kombination von Faktoren zu investieren, zum Beispiel über den iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF. Der Fonds verschafft Zugang zu verschiedenen Quellen für mögliche Mehrerträge. Durch diese breite Streuung besitzt er das Potenzial, sich in verschiedenen Konjunkturphasen gut zu entwickeln.“

Welche Faktoren-ETFs werden in der derzeitigen Marktphase bei iShares am meisten nachgefragt?

„Insgesamt sind Smart-Beta-ETFs, die Zugang zu Renditefaktoren bieten, eines der großen Wachstumsthemen bei börsengehandelten Indexfonds. Denn in der Vergangenheit war die Möglichkeit, Renditetreiber in Form einzelner Faktoren zu erkennen und zu nutzen, großen institutionellen Investoren vorbehalten. Nun machen Smart-Beta-ETFs das auch in der Breite erschwinglich und leicht zugänglich, etwa professionellen Vermögensverwaltern und Privatanlegern. Aktuell sehen wir besonders starke Zuflüsse in diesem Bereich bei Minimum-Volatility-ETFs. Diese Fonds ermöglichen Anlegern, Chancen am Aktienmarkt zu nutzen, ohne dabei das volle Risiko einzugehen. In der Vergangenheit haben Minimum-Volatility-Strategien Kursanstiege in etwa zu gut zwei Dritteln mitgemacht, Rücksetzer dagegen nur so etwas mehr als der Hälfte. Insofern treffen entsprechende ETFs angesichts der anhaltenden Nervosität am Kapitalmarkt den Nerv der Anleger.“

Welchen Anteil haben Faktoren-ETFs bei iShares im Neugeschäft, gibt es hier auch bei Privatanlegern eine zunehmende Nachfrage?

„Auf jeden Fall. Jeder, der das Chance-Risiko-Profil seines Portfolios optimieren möchte, kann einen Blick auf Renditefaktoren werfen. Und Smart-Beta-ETFs bieten jedem Anleger zu den gleichen Konditionen Zugang zu diesen Faktoren. Die Möglichkeiten, Smart-Beta-ETFs einzusetzen, sind so individuell wie jeder Anleger. Insofern sehen wir, dass das Interesse unabhängig vom Kundensegment zunimmt. Weltweit waren Ende des ersten Quartals 2017 rund 351 Milliarden Dollar in Smart-Beta-ETFs investiert, zeigt der Global ETP Landscape von BlackRock. Das entspricht etwa zehn Prozent des ETF-Gesamtmarktes. Demnach sind Multi-Faktor- und Low-Volatility-Produkte nach Dividendenstrategien besonders gefragt, gemessen am verwalteten Vermögen.“

Inzwischen drängen immer mehr Fondsgesellschaften aus dem Bereich aktiv gemanagter Investmentfonds auf den ETF-Markt. Ist er nicht schon gedeckt, wie sieht sich iShares aufgestellt in einem härter werden Konkurrenzdruck?

„Inwiefern neue Anbieter vom Smart-Beta-Trend profitieren können, ist in erster Linie eine Frage der Skalierbarkeit. Denn das Geschäft mit börsengehandelten Indexfonds lebt angesichts der niedrigen Gebühren von der Masse. In dieser Hinsicht sind bereits etablierte Anbieter mit soliden historischen Wertentwicklungen sowie Fonds, die eine kritische Masse erreicht haben und aufgrund ihrer Größe Liquiditätsvorteile bieten, im Vorteil. Davon profitieren auch die Anleger – zum Beispiel über besonders günstige Geld-Briefkurs-Spannen beim Handel. Für uns ist Smart Beta ein strategisches Thema. Denn unserer Ansicht nach befindet sich dieses Segment momentan etwa in einem Stadium, in dem sich Anleihe-ETFs vor vielleicht sechs Jahren befanden. Das heißt, die Entwicklung in diesem Bereich ist bei Weitem noch nicht abgeschlossen und birgt enormes Wachstumspotenzial. Dabei dürften neben Smart-Beta-Strategien im Bereich Aktien auch zunehmend entsprechende Strategien für Anleihen auf den Markt kommen.“

A propos Anleihen: Wie entwickelt sich dieses ETF-Segment insgesamt?

„Produkte auf Anleihen sind neben Smart-Beta-Fonds eines der großen Wachstumsthemen am Markt für börsennotierte Indexfonds. Weltweit betrachtet, haben Anleger Anleihen-ETFs zwischen Anfang Januar und Ende März 44,5 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital anvertraut – so viel wie nie zuvor innerhalb eines Quartals. Davon entfiel mit 20,3 Milliarden Dollar knapp die Hälfte der Zuflüsse auf iShares ETFs.

Welche Anleihensegmente sind am ETF-Markt derzeit besonders gefragt?

„Zum einen US-Unternehmensanleihen mit Investmentgrade-Ratings, sprich mit sehr guter und guter Schuldnerqualität. Ein Grund dafür sind die höheren Renditen im Vergleich zu europäischen Papieren. Zum anderen Schwellenländeranleihen, die nach Abflüssen im Zug von Donald Trumps Wahlsieg nun wieder stärker gefragt sind – sowohl in Lokal- als auch Hartwährungen.“

 

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.