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Japan ist anders

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Dr. Martin Hüfner

Die Angst vor japanischen Verhältnissen in Europa ist noch nicht geschwunden. Das Wachstum in Japan vollzog sich nach dem Platzen der damaligen Blase aber nicht wie ein „L“, sondern eher wie ein „W“. Wenn sich die japanischen Verhältnisse auch an den europäischen Aktienmärkten einstellen sollten, müssten die Anleger ihre Strategie ändern.

Vielleicht ändert sich das Bild von Japan ja jetzt. Nach dem erdrutschartigen Sieg von Yukio Hatoyama bei den Wahlen am letzten Wochenende, keimt bei manchen die Hoffnung auf, dass das „verlorene Jahrzehnt“ endlich zu Ende gehen könnte. Dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der im Westen immer noch die Angst vor japanischen Verhältnissen umgeht. Die Vertreter dieser These haben dabei das Bild einer langfristigen Depression und Deflation vor Augen. Aber ist das wirklich das japanische Modell? Müssen wir uns im Westen auf so etwas einstellen? Ich habe mir dazu einmal die langfristige Entwicklung in Japan angeschaut. Das Ergebnis hat mich selbst überrascht – in mancherlei Hinsicht.

Die 3 Phasen der japanischen Wirtschaft

Das Wachstum der japanischen Wirtschaft in den letzten 50 Jahren kann man grob in drei Perioden einteilen. Die erste reicht bis zur Ölkrise 1973. Das war ein langer Boom mit Wachstumsraten von im Schnitt 9 %. Wenn es einmal Einbrüche gab, dann ging die Expansion gerade einmal auf 5 % zurück. Das erinnert sehr an die Dynamik, die wir heute in China beobachten. Es war der „Take Off“ in die Industrialisierung. Solche Zeiten gab es in allen entwickelten Ländern. Sie dauern eine Weile, gehen dann aber auch wieder zu Ende. Das gilt natürlich auch für den Boom in China. Wir sollten daher vorsichtig sein, die dortige Entwicklung einfach in die Zukunft zu extrapolieren.

Phase 2: Das Platzen der Immobilien- und Aktienmärkte

Die zweite Phase dauerte von der Ölkrise bis zum Platzen der Blase auf den Immobilien- und Aktienmärkten in 1990. In dieser Zeit war das Wachstum zwar immer noch hoch (im Schnitt knapp 4 % real), aber schon wesentlich langsamer. Auch waren die Schwankungen von einem Jahr zum anderen höher. Japan wurde ein reifes Industrieland. Seine Wachstumsraten glichen denen der Vereinigten Staaten.

Phae 3: Das verlorene Jahrzehnt

Dann kam die dritte Phase, das sogenannte „verlorene Jahrzehnt“ (das allerdings nicht nur zehn Jahre dauerte, sondern fast zwanzig). Wie die Graphik zeigt, war es freilich kein „L“, wie heute oft gesagt wird. Nach dem Fall in die Rezession gab es nicht nur Stagnation und Depression. Die Entwicklung sah vielmehr aus wie ein „W“.

Nach dem Platzen der Blase kam es zuerst zu einem tiefen Fall in die Rezession. Dann ging es wieder nach oben, mit Wachstumsraten von 2 bis 3 %. Dann kam aber wieder ein Einbruch von 2 %. So setzte sich die Entwicklung fort: Immer eine Zeitlang nach oben, dann wieder Stagnation oder gar Rezession und dann wieder nach oben. Das ist das perfekte „W“ mit vielen kleinen Aufs und Abs. Allerdings fehlte der große finale Aufstrich, der eigentlich zu einem richtigen „W“ gehört. Insgesamt ergab sich in dieser Zeit eine durchschnittliche Wachstumsrate von etwas über 1 %.

Deutschland = Japan?

Es ist diese Art von Entwicklung, die ich mir auch für Länder in Europa, insbesondere auch Deutschland, in den nächsten Jahren vorstellen kann. Es wird keine lang anhaltende Depression oder Rezession geben. Dafür gibt es zu viel ungesättigte Nachfrage auf den Weltmärkten, zu viele dynamische Unternehmen, die auch den technischen Fortschritt vorantreiben, und zu ungeduldige Politiker, die verhindern wollen, dass das Wachstum abbricht. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Es gibt aber auch kein starkes Wachstum.

Die Wirtschaft dümpelt vielmehr unter erheblichen Schwankungen vor sich hin. Mal geht es einige Quartale nach oben und viele denken, jetzt ist endlich der Durchbruch geschafft. Dann machen sich wieder die vielen strukturellen Ungleichgewichte bemerkbar und die Konjunktur stürzt ab. So wiederholt sich das immer wieder. Man könnte auch von einem neuen Zyklus sprechen. Er ist allerdings kürzer als die bisherigen Zyklen. Der richtige Durchbruch nach oben findet jedenfalls nicht statt. Dazu fehlt es jedenfalls in Europa an der notwendigen Bereitschaft, festgefahrene Strukturen zu verändern und zu neuen Ufern aufzubrechen.

Interessant ist auch ein Blick auf die japanischen Aktien in dieser Zeit. Die Kurse sind bis 1990 kontinuierlich gestiegen. Sie stürzten dann aber drastisch ab und erreichten seitdem nie wieder das zuvor erreichte Niveau. In den USA und in Europa war das anders. Hier sind die Kurse zunächst – wie vorher in Japan – bis auf die Höchststände der „New Economy“ nach oben gegangen. Dann folgten ein Rückgang und eine erneute Hausse. Die vorherigen Höchststände wurden 2008 ein zweites Mal erreicht. Wenn es richtig sein sollte, dass wir jetzt in die Entwicklung Japans einschwenken, könnte es dann nicht sein, dass wir nicht noch einmal auf die alten Höchststände zurückkommen?

Das wäre sicher eine herbe Enttäuschung. Es ist auch nicht sehr wahrscheinlich, weil die Übertreibungen an den japanischen Börsen in den achtziger Jahren viel größer waren. Andererseits sollte man nicht übersehen, dass es in Japan nach dem Platzen der Blase an den Börsen immer noch erhebliche Schwankungen nach oben und unten gab. Investoren konnten durch Kauf bei niedrigen Kursen und Verkauf an den Spitzen gut Geld verdienen. Von Anfang 2003 bis 2007/8 beispielsweise hat sich der japanische Nikkei-Index insgesamt mehr als verdoppelt.

Für den Anleger:

Es bleibt aber eine wichtige Lehre für den Anleger. Er kann nicht mehr darauf vertrauen, dass es mit den Aktien so wie in der Vergangenheit kontinuierlich nach oben geht. Die alte „Buy & Hold-Strategie“ ist überholt. Das bedeutet auch, dass ein unverändertes Aktienportfolio per se nicht mehr unbedingt die einzig richtige Strategie für die Vorsorge für das Alter ist. Aber verdienen kann man am Aktienmarkt immer noch.

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