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Kann der Euro zerbrechen?

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Der Verlauf des Eurokurses ist in den letzten eineinhalb Jahren unruhiger geworden. Zuerst fiel er innerhalb von wenigen Monaten von 1,60 auf 1,24 US-Dollar. Dann stieg er wieder auf 1,51 US-Dollar. Von dort aus fiel er erneut in kur­zer Zeit auf jetzt 1,37 US-Dollar. Solche hektischen Bewe­gungen gab es bei Währungskrisen in Zeiten der D-Mark häufiger. Im Euro waren sie bisher ungewöhnlich.

Die Abwertungen des Euro sind angesichts der zahlrei­chen Belastungen der letzten Zeit verständlich. Zuerst war es die Finanzkrise, die vor allem deutsche Institute hart traf. Dann das Auseinanderlaufen der Leistungsbilanzsalden insbesondere zwischen Spanien und Deutschland. Dann kamen die hohen öffentlichen Defi­zite. Und schließlich noch das Vertrauensproblem in Griechenland, das die Schätzung für den Haushaltsfehl­betrag von einem Tag auf den anderen auf 13 Prozent erhöh­te. Niemand sagt es, aber manch einer denkt es: Könnte es sein, dass der Euro damit nach den zehn Jahren au­ßerordentlichen Erfolges in seiner Existenz gefährdet ist?

Keine der derzeit diskutierten Belastungen ist für den Euro „lebensgefährlich“. Das wirkliche Problem liegt in der mangelnden politischen Integration

Schauen wir uns die Gefahren näher an. Die Tatsache, dass es eine so große Zahl von Belastungen gibt, ist zwar unerfreulich. Sie erklärt auch die Abwertungen. Sie ist aber kein Grund, an der Währung insgesamt zu zwei­feln. So etwas passiert immer wieder. Die D-Mark ist in den 80er Jahren bis auf 3,47 DEM je US-Dollar gefallen (das ent­spricht EUR/US-Dollar 0,56).

Die Tatsache, dass Griechenland mit seinen Zahlen zu den öffentlichen Finanzen getrickst hat, ist ebenfalls un­angenehm. Das gilt gerade in einer Welt, in der Analys­ten eine so große Rolle spielen und sich alle Zahlen ge­nau anschauen. Aber ein Grund für einen Zerfall des Eu­ro ist das nicht. Es hat in der Geschichte des Euro noch nie eine Währungsspekulation gegen ein einzelnes Land gegeben, auch jetzt nicht gegen Griechenland. Das ist ein gutes Zeichen.

Dass die öffentlichen Defizite in einigen Ländern der Eu­rozone so stark gestiegen sind, ist auch kein Grund für ernsthafte Schäden am Euro. Natürlich sind die Maas­tricht-Kriterien und der Stabilitätspakt, die die Fehlbe­träge in Grenzen halten sollten, wichtiger Grund für die Stabilität und den Erfolg des Euro. Wer sich da­ran nicht hält, muss bestraft werden. Und wenn er dau­erhaft ge­gen die Regeln verstößt, muss er aus der Währungsuni­on austreten. Das ist juristisch derzeit zwar nicht mög­lich. Aber wenn es nötig ist, findet man auch einen Weg. Selbst der Bankrott des Landes würde den Euro in sei­ner Existenz nicht zwangsläufig gefährden. In den USA waren im 19. Jahrhundert zeitweise zehn Staaten auf einmal pleite. Vor ein paar Jahren war New York akut in Schwierigkeiten. Derzeit ist es Kalifornien. In Deutsch­land galt Bremen in den 70er Jahren als schlechter Schuldner.

Schwieriger ist die Situation mit den steigenden Leis­tungsbilanzsalden. An sich sind Überschüsse und Fehlbeträge einzelner Regionen in einer Währungsunion kein Problem. Es gibt sie auch innerhalb der Nationalstaaten. In Deutschland haben die neuen Bundesländer nach wie vor ein riesiges Defizit gegenüber den alten Bundesländern. München hat gewaltige Salden gegen­über dem Bayerischen Wald. So etwas wird problemlos durch innerstaatliche Kapitalbewegungen finanziert. Auch in der EU gibt es einen funktionierenden Geld- und Kapitalmarkt und europaweit tätige Banken, die das tun. Die Europäische Zentralbank publiziert gar keine Leis­tungsbilanzsalden der einzelnen Mitgliedsländer mehr. Sie geht davon aus, dass sie keine Rolle mehr spielen.

Innereuropäische Leistungsbilanzsalden sind aber natür­lich ein Problem des Wachstums und der Beschäftigung in den einzelnen Mitgliedsstaaten. Wer ein Defizit in den laufenden Posten hat, produziert weniger als er nach­fragt. Es gibt also weniger Beschäftigung. Spanien hat mit 20 Prozent inzwischen die höchste Arbeitslosigkeit in der Eurozone. Umgekehrt profitiert Deutschland auf seinem Arbeitsmarkt von dem Exportüberschuss. Früher hat man solche Differenzen durch einmalige Abwertungen der Defizit- bzw. Aufwertungen der Über­schussländer beseitigt. In einer Währungsunion geht das nicht mehr. Hier benötigt man eine mühsame und langwierige Defla­tionspolitik (oder eine Inflation in den Überschussländern – was aber dem Geist des Euro widerspricht). Deutschland hat das in den Jahren 1995 bis 2005 durchexerziert. Seine Leistungsbilanz drehte sich in dieser Zeit von einem Defizit von gut 20 Milliarden Euro auf einen Überschuss von über 100 Milliarden Euro. Ein solcher Anpassungsprozess steht auch Spanien bevor.

Gibt es also nichts, was den Euro in Gefahr bringen könnte? So einfach ist es leider nicht. Entscheidend für den Erfolg einer Währungsunion ist, dass sich die Mit­glieder auf eine gemeinsame Politik einigen. Dass also Defizitländer die deflatorischen Anpassungen vorneh­men und nicht stattdessen die Überschussländer zu ei­ner inflatorischen Politik zwingen wollen. Oder dass die Mitglieder die gemeinschaftlich beschlossene Geldpolitik durch ihre Fiskalpolitik nicht konterkarieren. In der Ge­schichte sind alle die Währungsunionen gescheitert, die sich nicht auf eine gemeinsame Geld- und Finanzpolitik einigen konnten oder wollten.

In der Eurozone funktioniert die gemeinschaftliche Geld­politik gut. Natürlich gibt es immer Meinungsverschie­denheiten. Daran ist bisher aber nie eine wichtige Maß­nahme gescheitert. Bei der Fiskalpolitik sieht es leider nicht so gut aus. Sie wird in der Eurogruppe zwar auch koordiniert, aber nicht so, wie es sein sollte. Eine ge­meinsame Wirtschaftsregierung, die in den letzten Wo­chen wieder ins Gespräch gekommen ist, wäre sicher hilf­reich.

Wichtig ist aber, dass es auch in den übrigen Bereichen der Politik einen Konsens gibt. Hier ist in den letzten Jahren leider eine Renationalisierung zu beobachten. Das ist im Augenblick für den Euro noch nicht gefährlich. Wenn es sich aber fortsetzen und verstärken sollte, kann es sich zu einem Sprengsatz entwickeln. Die Po­litiker müssen sich dieser Gefahr bewusst sein. Die Re­nationalisierung der Politik hängt damit zusammen, dass die europäische Idee zunehmend verblasst. Sie beruhte bisher im Wesentlichen darauf, dass die Gemeinschaft ihren Mitgliedern Frieden nach den Weltkriegen brach­te. Das begeistert heute niemanden mehr, weil Frieden in Europa inzwischen als selbstverständlich gilt. Viel­leicht kann man die Union und die gemeinsame Politik künftig besser damit begründen, dass sie stabiles Geld garan­tiert. Das ist etwas, was die Menschen interessiert. Es könnte auch die Politik wieder mehr motivieren.

Für den Anleger

Vertrauen Sie weiter dem Euro. Er wird nicht auseinan­derfallen. Er hat sich national und international bes­ser etabliert als gedacht und auch besser als die Europä­ische Union selbst. Kurzfristig spricht viel dafür, dass sich der Euro weiter in Richtung 1,20 US-Dollar abwertet, bevor er wieder Fahrt nach oben nimmt.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank ( Zum Testbericht).

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