Start News Neuausrichtung auch bei der Geldpolitik?

Neuausrichtung auch bei der Geldpolitik?

25
huefner-wok

Die Einschläge kommen näher. Zuerst waren die Län­der, die die Zinsen erhöhten, weit weg. Es begann mit Australien, das die Sätze seit der Krise bereits vier Mal angehoben hat. Auch Norwegen – nicht geographisch, wohl aber ökonomisch weit weg – war früh dran. Dann kamen Schwellenländer wie Indien, Indonesien, Brasi­lien oder China (mit seinen vielen Mindestreserveerhö­hungen). Das alles hatte wenig mit uns zu tun. Jetzt aber hat Kanada seinen Leitzins um einen Viertel Pro­zentpunkt auf 0,5 % angehoben. Das hat mich über­rascht.

Es zeigt, dass inzwischen mehr im Busch ist. Kanada ge­hört als Mitglied der G7 zum engsten Kreis der Indus­trieländer. Es ist in einer ähnlichen ökonomi­schen Situ­ation (auch wenn seine Banken mit einem blauen Auge davongekommen sind).

Dass die Zentralbanken den Exit aus der ultralockeren Geld­politik machen müssen, ist klar. Bisher wurde es jedoch nicht als so dringlich angesehen. Es gibt keine akuten Preisgefahren. In den USA spricht man eher von Defla­tion. Die amerikanische Notenbank hat sich darauf fest­gelegt, die Leitzinsen noch für „längere Zeit“ (die be­rühmte „Extended Period“) auf dem gegenwärtigen Ni­veau zu halten. Die Staatsschuldenkrise in Europa hat den Zeitpunkt des Exits noch weiter nach hinten ver­schoben. Jetzt kauft die Europäische Zentralbank sogar erst einmal Staatsanleihen. Die Mehrheit der Ökonomen rechnet damit, dass die Notenbankzinsen in den USA und in Europa frühestens im nächsten Jahr erhöht wer­den. Nur für die Schweiz mit seinen guten gesamtwirt­schaftlichen Daten werden frühere Termine ins Auge gefasst.

Wer genau hingeschaut hat, konnte allerdings in letzter Zeit ein paar Risse im Fundament der Konsensmeinung erkennen. Die Konjunktur läuft besser als viele das er­wartet hatten. In diesem Jahr werden die USA und Ja­pan um rund 3 % wachsen, Europa um rund 2 %. Man-ches spricht dafür, dass bald auch die Investitionsnei­gung anspringt. Dann wird der Aufschwung selbsttra­gend und bedarf nicht mehr der Unterstützung durch die Geldpolitik (und auch nicht mehr der Fiskalpolitik).

Die Unruhe an den Finanzmärkten nimmt zu, was auch mit der reichlichen Liquidität zusammenhängt. Die Ak­tienmärkte sind über Erwarten schnell und weit gestie­gen. Die Rohstoffmärkte sind volatil. Der Ölpreis erhöhte sich seit Mitte letzten Jahres zuerst um mehr als 40 % und fiel dann wieder um 20 % zurück. Die Bondpreise fallen in einigen Ländern, in anderen steigen sie auf ein Niveau, das an eine Blase erinnert. Das ist nicht gesund. Wie oft haben wir in den letzten Jahren die Politik des früheren Chefs der Federal Reserve, Greenspan, kriti­siert, dass sie das monetäre Umfeld für die Krise ge­schaffen hat. Jetzt geraten wir erneut in eine solche Situation.

Durch den schwachen Euro haben sich die monetären Bedingungen in Europa weiter gelockert (nicht in den USA). Noch ein Indiz: Es gibt ungewöhnlich viele Dif­ferenzen in den geldpolitischen Gremien. In den USA vo­tierten zuletzt drei regionale Notenbankpräsidenten für eine Erhöhung des Diskontsatzes. Tom Hoenig aus Kan­sas plädiert sogar für einen Anhebung der Fed Funds Rate auf 1 % noch in diesem Sommer. In der EZB gibt es erheblichen Streit um die Käufe von Staats­anleihen. Dahinter stehen sicher auch grundsätzlichere Überlegungen über die künftige Ausrichtung der Politik. Das kann so nicht weitergehen. Es gefährdet die ohne­hin schon angekratzte Reputation der EZB.

Wichtig auch: Mit den Sparmaßnahmen in Deutschland und anderen Staaten in der EU beginnt jetzt auch die Fiskalpolitik in Europa mit dem Exit. Das ist gut so. Aber dass der Staat die Notenbanken bei der Rückkehr zu stabilen Verhältnissen überholt, ist ungewöhnlich. Die EZB muss aufpassen, dass sie hier nicht ins Hintertref­fen gerät.

Nachdem Kanada mit Zinserhöhungen angefangen hat, kommt zuerst die benachbarte amerikanische Federal Reserve unter Druck. Als nächstes wäre die Schweiz an der Reihe. Hier stehen die Ampeln ohnehin schon auf Gelb. Die EZB wird die Letzte sein. Im letzten Zyklus erhöhte die EZB ihre Sätze erst eineinhalb Jahre nach dem ersten Schritt der Federal Reserve. So groß wird der Abstand diesmal nicht sein.

Freilich wird man bei Zinserhöhungen vorsichtig vorge­hen. Denn so ganz in Ordnung ist die Welt natürlich nicht. Wir befinden uns in einer Welt voller Ängste und Befürchtungen, in der die Stimmung sowohl in der Kon­junktur wie auch auf den Märkten schnell umschlagen kann, wenn die Notenbanken nicht aufpassen. Gute Kommunikation ist gefragt.

Zinserhöhungen hätten auch negative Wirkungen auf die Sparbemühungen der öffentlichen Haushalte. Allein in Deutschland würde ein Anstieg der langfristigen Rendi­ten um einen Prozentpunkt die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden um rund EUR 3 Mrd. pro Jahr belasten. Damit wäre schon wieder ein Teil der positiven Wirkungen des neuen Programms der Regierung ver­braucht. In Deutschland ist das vielleicht noch verkraft­bar, in einigen Staaten Südeuropas sieht die Lage aber schlechter aus. Die Finanzminister werden daher die EZB an einem zu forschen Vorgehen hindern wollen. Andererseits: Wenn die EZB sich dagegen wehrt und standhaft bleibt, kann dies ihrer Reputation nutzen.

Schließlich bringt eine geldpolitische Wende auch Un­ruhe an die Devisenmärkte. Wenn die USA die Zinsen vor den Europäern erhöhen, dann wird das den Euro wei­­ter schwächen und den Dollar entsprechend stärken. Wenn die Schweiz noch früher mit einer monetä-ren Straffung beginnt, dann müsste sie noch mehr an den Devisenmärkten intervenieren.

Für den Anleger

Investoren sollten sich mit dem Gedanken anfreun­den, dass es vielleicht doch früher als erwartet zu ei-nem Kurswechsel der Geldpolitik kommt. Es würde mich nicht wundern, wenn wir schon im zweiten Halbjahr erste Zinserhöhungen in den USA und in Europa sehen würden. Sie können aber davon ausgehen, dass die No­tenbanken vorsichtig vorgehen werden. Keiner hat ein Interesse daran, neue Schwierigkeiten zu schaf­fen. Die Zeiten der Goldilocks mit niedrigen Zinsen und hoher Li­quidität bei anziehender Konjunktur dauern da­mit aber nicht mehr lange an. Das belastet Aktien und Bonds und erhöht die Unsicherheit auf den Märkten weiter. Aus langfristiger Perspektive ist es aber nicht so schlecht. Denn dann laufen wir nicht in neue Blasen hinein. Die Situation auf den Kapitalmärkten wird we­nigstens aus monetärer Sicht etwas stabilisiert.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank ( Zum Testbericht).

TEILEN
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.