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Neue Krise oder das übliche „Sell in May“?

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Anleger haben in diesen Wochen keine leichten Zeiten. Aktienkurse und Rohstoffpreise sind stark gesunken. Die Bondpreise sind teils gefallen, teils gestiegen. Die Devisenmärkte sind verunsichert, die Geldmärkte nervös. Die Stimmung hat sich ins Negative gedreht. Ist dies der von vielen befürchtete „Teil 2″ der Finanzkrise, die 2007 begonnen hatte? Müssen wir uns also auf weitere Turbulenzen einstellen? Oder ist es nur das übliche „Sell in May“?

Zunächst: Viele bringen die Bewegungen mit Griechenland und der Staatsschuldenkrise in Europa in Verbindung. Das ist nicht richtig. So wichtig sind die Europäer nicht. Die Aktienkurse sind keineswegs nur in Deutschland oder in Spanien gefallen (seit Ende April um 11 beziehungsweise 17% gemessen am DAX und am IBEX). Außerhalb Europas sah es in den USA und China nicht besser aus als in Deutschland. In Brasilien (minus 13%) und in Japan (minus 15%) war der Einbruch stärker als beim DAX.

Auch die Ermäßigung der Rohstoffpreise seit Ende April hat wenig mit den Problemen Europas zu tun. In den letzten vier Wochen ging der Ölpreis um 14% zurück (gemessen an WTI). Der Goldpreis – als traditionelles Krisenbarometer – stieg zuerst an (das spricht für den Einfluss aus Europa, weil hohe Staatschulden ja immer auch mit Inflationsangst assoziiert sind). Er ermäßigte sich dann aber wieder.

An den Devisenmärkten war es keineswegs nur der Euro, der sich bewegte. Das britische Pfund wertete sich im Zusammenhang mit den Unterhauswahlen auf. Auch der japanische Yen wurde fester. Beim Schweizer Franken gab es erhebliche Bewegungen; sie waren zum Teil bedingt durch Gerüchte über die Interventionen der Schweizer Notenbank.

Nur die Entwicklung an den großen Bondmärkten dürfte etwas mit der europäischen Staatsschuldenkrise zu tun haben. Die Kurse stiegen nicht nur in Deutschland, sondern als Folge von Fluchtgeldern aus südeuropäischen Ländern auch in Großbritannien, den USA und Japan. Deutsche Bundesanleihen rentieren mit 2,6% inzwischen schon fast auf einem Niveau wie in der Schweiz.

Entscheidend für die weltweite Verunsicherung der Märkte war ein Bündel von sehr unterschiedlichen Faktoren.  Erstens die Angst vor dem „double dip“, also einem Rückfall in die Rezession im zweiten Halbjahr. Sie gründete sich zuerst auf den Rückgang der konjunkturellen Frühindikatoren in China und Brasilien. Dann kamen Befürchtungen hinzu, die Europäer könnten die Konjunktur kaputtsparen.

Zweitens die Angst vor einer Rückkehr der Bankenkrise. Genährt wurde das durch die Schwierigkeiten der spanischen Sparkasse Caja Sur. Hinzu kommt, dass die Regierungen in den USA und in Europa jetzt doch ernst machen wollen mit der Regulierung der Banken. Das erklärt, dass Bankaktien besonders litten.

Drittens die Angst vor einer restriktiveren Notenbankpolitik. In den Schwellenländern werden die Zügel schon deutlich gestrafft. Das ist durch die Preisentwicklung in diesen Staaten auch gerechtfertigt. In China erhöhen sich die Lebenshaltungskosten um 2,8%, in Brasilien um 5,3% und in Indien um 14,5%. In den Industrieländern sieht die Situation noch nicht so bedrohlich aus. Aber auch hier weiß jeder, dass die Liquidität zu groß ist und früher oder später abgesaugt werden muss. Bei der letzten Sitzung der Federal Reserve in Washington haben drei Gouverneure für eine Erhöhung des Diskontsatzes gestimmt.

Dazu kommen die weltpolitischen Spannungen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Korea. Im Übrigen war eine Konsolidierung der Aufwärtsentwicklung an den Aktienmärkten nach der fast ununterbrochenen Rally seit März vorigen Jahres einfach fällig. Das ist der „Sell in May“-Faktor.

Wenn man diese Faktoren bewertet, dann zeigt sich: Es sind vor allem Ängste und Befürchtungen, die hier eine Rolle spielen. So etwas soll man nicht gering schätzen, denn Konjunktur ist zu einem großen Teil auch Psychologie. Wenn jetzt auf dem einen oder anderen Gebiet Fehler gemacht werden (oder neue externe Störungen eintreten), können sich diese Stimmungen schnell auf die Realwirtschaft auswirken. Bis dato aber ist bei den harten Fakten noch keine Verschlechterung erkennbar. Das reale Bruttoinlandsprodukt steigt weiter an. Auftragseingänge und Produktion nehmen zu. Die OECD hat gerade erst diese Woche ihre Prognosen nach oben revidiert. Die Unternehmenserträge sind gut. Die Bankenprobleme in Spanien sollten nicht übertrieben werden. Die Notenbanken gehen besonnen vor.

Konsequenzen für den Anleger:

Das ist für die Welt nicht der Beginn einer neuen Krise. Es ist eine Konsolidierung, die nach den starken Kurssteigerungen erwartet worden war. Sie kann noch andauern. Sie wird die Kurse aber so wie es jetzt aussieht nicht ins Bodenlose stürzen lassen. Die fundamentalen Bedingungen sind noch in Ordnung. Anleger sollten über die Konsolidierung nicht zu unglücklich sein. Sie ist auch eine Chance. In den letzten 15 Jahren war die Entwicklung der Aktienkurse wenig rational. Zuerst sind die Kurse gemessen am DAX bis auf 8 000 im März 2 000 gestiegen. Dann fielen sie auf 2300 (im März 2003). Anschließend ging es wieder hoch bis auf 8 000 (November 2007) und dann wieder runter bis auf 3600 (im März 2009). Wenn wir jetzt in diesem Jahr wieder die 8 000 Marke anpeilen würden, dann wäre es sehr wahrscheinlich, dass wir im nächsten Jahr wieder auf 3 000 zurückfallen würden.

Es wäre daher besser, wenn wir bei 6 000 Pause machen und erst in den nächsten Jahren die 8 000 ins Visier nehmen würden. Ich halte daran fest, dass die Kurse in diesem Jahr insgesamt um 5 – 10% steigen. Das entspräche einem DAX-Niveau von ca. 6 500 am Jahresende.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank.