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Neue Sorgen: Der Dollar

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Dr. Martin Hüfner

Der Dollar macht wieder Schlagzeilen. Zwar ist ein Kurs von 1,45 bis 1,50 gegenüber dem Euro gemessen an der historischen Entwicklung nicht so schlimm. Er ent­spricht fast genau dem Trend der letzten 60 Jahre.

 

Auch die Abwertung seit Jahresbeginn (rund 6 %) ist nicht wirklich dramatisch. Es besteht aber die Angst, dass das erst der Anfang einer Entwicklung ist, die den Dollar noch weit stärker nach unten treiben könn­te.

Sind solche Befürchtungen gerechtfertigt?

Lange Zeit standen sich die positiven und negativen Faktoren beim Dollar fast gleichwertig gegenüber. Auf der einen Seite waren die Verbesserung der US-Leis­tungsbilanz, die steigende US-Sparquote und die Chan­ce, dass die USA als erste aus der Krise wieder heraus­kommen könnten. Auf der anderen Seite gab es die wochenbericht_hfnerho­hen Budgetdefizite der Vereinigten Staaten, die Struk­tur­probleme einzelner Branchen wie der Automo­bilindus­trie, die steigende Risikobereitschaft auf den Märkten und die Diskussion über den Dollar als Reser­vewäh­rung. Manche zogen aus der Vielfalt an Argumen­ten die Schlussfolgerung, der Dollar ginge gegenüber dem Euro bis auf 1,60. Andere sahen den Dollar am Ende eher bei 1,20.

Vier Faktoren lassen den US-Dollar eher zur Schwäche tendieren

Ers­tens die Carry Trades. Mehr und mehr Investoren neh­men wegen der niedrigen Zinsen Geld in den USA auf und legen es in Ländern mit höheren Zinsen (Austra­lien, Neuseeland) oder sonst besseren Investitionsbedin­gun­gen (Südafrika) an. Damit sinkt der Wert des Dollar und die anderen Währungen werten sich auf. Wir wissen aus den Erfahrungen von Japan und der Schweiz, wie hartnäckig Carry Trades eine Währung in den Keller drücken können. Ein Ende ist erst dann abzusehen, wenn die USA die Zinsen erhöhen. Die Mehr­heit der Analysten rechnet damit, aber nicht vor Sommer nächsten Jahres.

Zweitens die Diskussion über den Dollar als Reserve­währung. Auch ich habe sie lange als eher theoretische Übung unterschätzt. Denn tatsächlich gibt es keine rea­listische Alternative zum Dollar. Vor allem die Sonderziehungsrechte des IWF oder der chinesische Renminbi kommen dafür nicht in Frage. Jetzt zeigt sich aber, dass das gar keine ökonomische Frage ist, sondern die Kon­sequenz der weltweiten Machtverschiebung von den In­dus­trie- zu den Schwellenländern. Unter den Industrie­ländern wurde natürlich auch oft über die US-Wäh­rung gesprochen. Dabei ging es aber immer nur um den an­ge­mes­senen Wechselkurs. Jetzt geht es nicht mehr um den Wechselkurs, sondern um einen Ersatz der gan­zen Währung. Das ist ein ganz neuer Ton. Die Diskus­sion geht auch nicht nur von den Chinesen aus. Sie ist ganz breit in der Dritten Welt verankert. Es ist verständlich, dass Dollarbesitzer unter diesen Um­ständen nervös wer­­­­­­­den. Es muss nur eine neue Idee aufkommen und schon gerät der Dollar unter Druck.

Drittens die Zweifel an den und in den USA selbst. Die Vereinigten Staaten tun sich schwerer als sonst mit der Überwindung der Krise. Die alte These, dass das Land dank seiner Dynamik, Flexibilität, Kreativität und Inno­vationskraft auch jetzt wieder die Welt überraschen wür­de, verliert an Überzeugung. Es könnte sein, dass die innen- und außenpolitischen Probleme so groß sind, dass selbst die Amerikaner sie nicht so schnell lösen können. Dies umso mehr, als die Obama-Administration aus Wettbewerbsgründen bisher keinerlei Anstalten macht, sich für einen starken Dollar einzusetzen. Das gibt den Kritikern an der Reservewährungsfunktion des Dollar immer neue Nahrung.

Viertens schließlich – insgesamt freilich das schwächste Argument – die Aussicht, dass die Europäer wieder stär­ker werden könnten. Wenn es in der Welt überhaupt ei­ne Alternative zum Dollar gibt, dann ist es der Euro. Nach dem Referendum in Irland sind die Chancen ge­wachsen, dass der Lissabon-Vertrag verabschiedet wer­d­­­en kann. Dann wird es zum ersten Mal einen Rats­prä­si­­denten geben, der in der Öffentlichkeit eine Rolle spielt und Europa ein „Gesicht geben“ könnte. Selbst die Euro­pa-kritische britische Zeitschrift „Economist“ titelte in der vorigen Woche: „Will somebody please wake Europe up!“

Wenn die Schwellenländer auf die Kraft eines stär­keren Europas setzen würden, dann wäre das sicher eine Ge­fahr für den Dollar. Die Europäer selbst werden die­­­­­­se Karte freilich nicht spielen, nicht zuletzt natürlich, um ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden. In den letzten drei Monaten sollen 63 % der neuen Währungs­reserven in der Welt in Euro und Yen angelegt worden sein.

Viel spricht unter diesen Umständen dafür, dass sich die Abwertung des Dollar fortsetzt. Es ist im Wesent­lichen eine politisch, nicht ökonomisch getriebene Ent­wicklung. Das macht es so schwer, sie einzuschätzen. Wenn man sich den Chart der letzten 50 Jahre an­schaut, dann wür­de eine solche Abwertung nicht bei 1,60 enden. Sie könn­­­­­­­­­­­te noch deutlich darüber hinaus­gehen (1,70 oder 1,80). Interventionen, wie sie zuletzt ins Spiel gebracht worden sind, helfen sicher nicht. Allerdings geht es ein­es Tages auch mal wieder in die andere Richtung.

Für den Anleger:

Richten Sie sich darauf ein, dass der Euro stärker wer­den könnte. Das wäre eine schlechte Nachricht für Kon­junk­tur und Wachstum und für exportorientierte Unter­neh­­men. Andererseits fließt Geld ins Land, die Ölpreise geraten unter Druck, die Inflation bleibt niedrig. Per Sal­do könnten sowohl die Aktien- als auch die Bondsmärkte profitieren.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management.

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