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Die Stimmungs-Grippe

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Man schützt sich mit Regenschirm
Strategen gehen nicht davon aus, dass sich die Verkaufswelle schnell umkehren wird.

Hallo Leute! Stimmungen machen Kurse, nicht nur Fakten. Das ist nix Neues, aber momentan besonders gut zu spüren. Ist die Stimmung richtig mies, lässt sie kein Vertrauen zu, nicht einmal Hoffnung. Typisch die aktuelle Reaktion einiger Aktienhändler auf die Ankündigung Saudi-Arabiens, Russlands, Katars und Venezuelas, ihre Öl-Fördermengen zu deckeln: „Das ist ein Witz.“ Man glaubt nicht dran, dass damit die Preise stabilisiert werden können. Vielleicht funktioniert die Aktion (wenn sie denn tatsächlich kommt) gar nicht – und was machen die anderen Produzenten? Klar, Skepsis ist angebracht. Aber vielleicht ist es ja ein Anfang.

Wie ansteckend eine „Stimmungs-Grippe“ in diesen Tagen ist, zeigt in geradezu erschreckender Weise der monatliche Index der ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland: Der sackte nämlich im Februar zum zweiten Mal in Folge ab und verlor ungewöhnliche 9,2 Punkte und steht jetzt nur noch bei 1,0 Punkte – der langfristige Mittelwert beträgt 24,6 Punkte). „Die sich abzeichnende Abschwächung der Weltkonjunktur und die ungewissen Folgen des Ölpreisverfalls belasten die ZEW-Konjunkturerwartungen. Angesichts dieser Entwicklungen hat die Sorge um erhöhte Kreditausfallrisiken bereits Aktien- und Anleihekurse vieler Banken in Europa, den USA und Japan in die Knie gezwungen“, kommentieren die Forscher. An der zugrunde liegenden Umfrage im Rahmen des ZEW-Finanzmarkttests haben sich in der ersten Februarhälfte immerhin 214 Analysten und institutionelle Anleger beteiligt. Das ist ein großer Teil der marktbestimmenden Institutionen. Wenn man sich dann noch die längerfristige Index-Kurve anschaut, kann es einem echt schlecht werden. Ich gebe aber zwei Hoffnungsansätze nicht auf: Die Experten haben sich (wieder mal) geirrt oder es kann auch wieder aufwärts gehen – mit Hilfe der Notenbanken, neuer chinesischer Maßnahmen im März und Fortschritten bei der Ölpreisstabilisierung.

Deshalb will ich den Optimisten unter Euch, wenigstens noch ein bisschen Futter liefern. Dazu die Thesen eines großen internationalen Vermögensverwalters, den ich sehr schätze. Er hat soeben folgende Thesen verbreitet: Es sind kaum weitere negative Überraschungen hinsichtlich der Wirtschaftsdaten zu erwarten. Die US-Wirtschaft ist nicht fundamental schwach. Die Ausgaben in den USA profitierten stark von den steigenden realen Nettohaushaltseinkommen, die wiederum die Folgen eines hohen Beschäftigungswachstums und einer niedrigen Inflation sind. Ungleichgewichte gibt es nur in relativ kleinen Teilen der US-Wirtschaft (z. B. im Energie- oder High-Yield-Sektor). Die Inflation bei den Amis bleibt niedrig, so dass sich die Fed in Geduld üben. Europa ist auf Erholungskurs. Aus Aktienperspektive dürfte sich die Erholung der Eurozone positiv auf die Erträge auswirken, vor allem in Bezug auf eher inländisch ausgerichtete Unternehmen. In Japan haben wir eine ähnliche Situation. Dort weisen kleinere und mittelgroße Unternehmen nachhaltige Rentabilitätssteigerungen auf. Das Wachstum in China ist eine „bekannte Unbekannte“. Das sich abschwächende Wachstum in China stellt kaum eine Überraschung dar und spiegelt sich bereits in den Preisen von Vermögenswerten wider. Sicher, es gibt Debatten über die offizielle chinesische Statistik, aber auch das ist nichts Neues. Insgesamt durchläuft China einen Konjunkturabschwung, aber das Risiko einer „harten Landung“ bleibt gering.

Auch wenn diese Argumente Grund für mehr Optimismus geben, gehen die Strategen nicht davon aus, dass die Verkaufswelle schnell umkehren wird – die zu erwartende Trendumkehr wird eher „U-förmig“ ausfallen. Die früheren „V-förmigen“ Marktmuster verdankten ihre schnelle Erholungsphase weitreichenden politischen Maßnahmen, darunter Interventionen zur Verringerung des finanziellen Stresses während der Krise in der Eurozone oder umfangreiche, unorthodoxe Lockerungen der Geldpolitik durch die weltweit mächtigsten Zentralbanken. Diesmal werden wir nicht damit rechnen können. Demzufolge wird sich der Prozess, eine Talsohle des Marktes zu finden, aufgrund der hohen Volatilität schwierig gestalten. Das Marktvertrauen wird sich erst allmählich wieder einstellen. Die letztjährige Verkaufswelle im August und September kann als Warnung dienen, dass es lange dauern kann, bis sich die Märkte erholen.

Ein großes „U“ im Dax wäre ja auch nicht schlecht, oder? Geduld ist angesagt.

Post an den Börsenfuchs: boersenfuchs@onvista ( Zum Testbericht).de

Quelle: http://www.onvista.de/news/die-stimmungs-grippe-25479365

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