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Es gibt nur die privaten Anleger

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Hallo Leute! Am Samstag konnte ich wieder mal meine Lieblingsanekdote an den Mann und die Frau bringen – auf dem „Börsentag kompakt“ in Nürnberg. Sie handelt von einem jungen Journalisten und einem alten Bankier in den glanzvollen 1920er Jahren („Roaring Twenties“).

Der Redakteur entdeckt auf dem Bürgersteig in der Berliner Innenstadt einen bekannten Privatbankier, den er schon immer mal interviewen wollte, dessen Tür sich aber nie für den Schreiberling geöffnet hatte. „Entschuldigen Sie, ich bin Journalist, nur eine Frage: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?“ Der Geldmann bleibt stehen und sagt: „Nun ja, zur Beantwortung Ihrer Frage brauche ich nur zwei Worte: richtige Entscheidungen.“ Der Zeitungsmann notiert die beiden Worte und fragt aufgeregt nach: „Klar, verstehe, aber wie trifft man denn richtige Entscheidungen?“ Lächelnd kommt als Erwiderung: „Dafür brauche ich nur ein einziges Wort: Erfahrung.“ Er geht weiter. Der junge Journalist nickt während des Schreibens: „Ja, durch Erfahrung zu richtigen Entscheidungen. Aber, halt, bitte, wirklich die letzte Frage: Wie sammelt man denn Erfahrung?“ Der greise Bankier, zwar leicht genervt, bleibt stehen und lächelt auf den Pressemann herab: „Junger Freund, zur Beantwortung dieser Frage brauche ich wieder zwei Worte: falsche Entscheidungen!“

Meine Gesprächspartner hatten mehrheitlich schon genug falsche Entscheidungen hinter sich und durch ihre Fehler gelernt. Ich habe selten so viele erfahrene Privatanleger getroffen wie auf diesem unspektakulären Börsentag. Es dominierten die Oldies beiderlei Geschlechts: Schätzungsweise 80 Prozent der Besucher waren älter als 50 Jahre, vielleicht sogar älter als 60 Jahre. Es waren überwiegend Bundesbürger, die als Rentner tagtäglich viel Zeit am Computer verbringen und in der S-Bahn ähnlich oft wie die Teenies auf ihren Smartphones klimpern.

Dennoch, den Anleger gibt es selbst innerhalb derselben Altersklasse nicht. Der Börsentag hat mich auch in dieser Hinsicht bestätigt. Da trifft man Typen, die sich intensiv mit technischer Analyse auseinandersetzen und sehr schnell ein- und aussteigen. Andere haben dagegen zwar ein dickes Aktiendepot, aber keine Peilung, wie man sein Vermögen sinnvoll strukturieren könnte (Asset Allocation). Dann sprach ich mit alten Hasen, die nix von Stop-Loss-Orders halten. Anderen Anlegern in dieser Runde musste man trotz ihrer Erfahrung verklickern, wie solche Verlustbegrenzung überhaupt funktioniert. Ich sprach zudem mit einem jüngeren Mann (etwa Ende 40), der erst vor ein paar Jahren von Bundesanleihen auf Aktien umgestiegen ist und jetzt geradezu heißhungrig alle Informationen verschlingt, die mit Börse zu tun haben. Zu viel des gut gemeinten, denn er hat in kurzer Zeit „mehrere Dutzend“ in- und ausländische Aktien zusammengekauft und völlig den Überblick verloren. Dabei ist er stolz darauf, im Gegensatz zu den anderen Börsentagbesuchern ohne das Internet auszukommen: „Ich mache alles händisch, das geht auch.“ (seufz). Keine Überraschung war wieder einmal, wie viele vor allem alte Menschen sich mit einer Dividendenstrategie zufrieden geben: „Mein ganzes Depot besteht aus deutschen, europäischen und ein paar US-Aktien mit stabilen Dividendenrenditen. Damit kann ich seit Jahren gut leben.“ Zustimmendes Kopfnicken von anderen Besuchern. Voll abgefahren schließlich ein Franke um die 30, der beim Thema kurz- oder langfristig lachend berichtete, dass sein bester Kumpel auf dem Fernseher unten einen Klebestreifen angebracht hat, um das Laufband bei n-tv nicht zu sehen – „weil er ganz langfristig denkt.“

Bei allen Unterschieden konnte ich eine Gemeinsamkeit ausmachen: Alle Gesprächspartner sind total kostenbewusst, halten deshalb auch nix von Ausgabeaufschlägen, sind sowieso gegen aktiv gemanagte Investmentfonds (lieber ETFs) und nutzen am liebsten Direktbanken und andere Online-Finanzdienstleister.

Als „Börsen-Dino“ Hermann Kutzer in seinem von OnVista gesponserten Schlussvortrag (für mich wieder mal der Höhepunkt des Tages!) den übervollen Saal fragte, wer denn aktuell Kapital frei habe und jetzt anlegen möchte, gingen alle Hände hoch. Es waren durchweg Aktionäre da. Und die haben überwiegend ihre eigene Erfolgsstrategie mit Aktien, die auf Erfahrung beruht, die wiederum mit falschen Entscheidungen in der Vergangenheit gesammelt wurde. Ich wünsche Euch, meine Freunde, nur noch richtige Entscheidungen!

Post an den Börsenfuchs: boersenfuchs@onvista.de

Quelle: http://www.onvista.de/news/es-gibt-nur-die-privaten-anleger-18326639

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