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Nehmen wir einmal an, dass …(2)

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Hallo, Leute! Hat sich in den letzten Tagen wirklich nicht furchtbar viel verändert? Ich gehe heute einmal (wie vorgestern angekündigt) auf die andere Seite – zu den Bären. Es ist ein Versuch, über die Tagesaktualität hinaus weit nach vorn zu blicken (was aus Börsensicht mehrere Monate bedeutet, nicht mehr). Diesmal durch die pessimistische Brille. Und jeder von Euch kann für sich jeder Annahme zustimmen oder nicht, um damit zu checken, ob er seine Strategie ändern sollte – oder nicht. Machen wir also das, was in wenigen Zeilen eigentlich gar nicht möglich ist: Was kommt bis Anfang 2016 auf einen Privatanleger zu, der bereits gut investiert ist (wo auch immer) und jetzt 50.000 bis 100.000 Euro Liquidität rumliegen hat, die er lieber in Sachwerte stecken möchte. Ziel ist eine ordentliche Rendite, mehr als nur Kapitalerhalt.

Angenommen, die vergangenen Tage waren kein böser Traum (wie die ersten 20 Minuten von Borussia Dortmund in Norwegen). Die deutschen Aktienkurse wurden vom China-Syndrom besonders runtergezogen, während sich die Wall Street relativ gut gehalten hat. Das muss doch nachdenklich stimmen, weil offenkundig Ami-Aktien attraktiver werden – nicht zuletzt durch den Dollar. „Die neue Angst um die Weltwirtschaft“ (FAZ) trifft exportintensive und international aktive Konzerne wie die des Dax besonders hart. Angenommen, das Preisdebakel bei den Rohstoffen hält an – Öl mittlerweile bei 40 Dollar je Fass (WTI) -, dann muss dies doch viele Produktionsländer noch stärker belasten. Es wird immer mehr gefördert (auch ohne Iran, das kommt bald noch dazu) und die Lagerbestände steigen. Kein gutes Zeichen für die Weltwirtshaft. Gold als Krisenmetall abgeschrieben ist plötzlich wieder entdeckt worden. Wird die US-Notenbank angesichts der Turbulenzen jetzt doch mit der Zinswende bis Dezember warten? Das sollte für die Börsen eigentlich gut sein – ich befürchte jedoch, dass sich die anhaltende Zinsunsicherheit jetzt eher störend auf den Aktienmarkt auswirken würde.

Selbst bei uns reißt einen die Konjunktur nicht vom Hocker. Heute Vormittag wurde gemeldet, dass die Konsumstimmung der Verbraucher im August einen kleinen Dämpfer hinnehmen muss. Das Konsumklima geht leicht zurück. Die Konjunktur- und Einkommenserwartung, aber auch die Anschaffungsneigung erleiden Einbußen. Viel schlimmer sieht es anderswo aus. Norwegen leidet schwer unter dem Preissturz bei Öl, man spricht schon von Wirtschaftskrise. Norwegens Staatsfonds, der weltweit größte Topf seiner Art (Anlagevolumen von über 780 Milliarden Euro) und zusammen mit Blackrock der größte Einzelaktionär von Dax-Werten (!) hat jetzt zum ersten Mal seit drei Jahren Verluste gemeldet. Gleichzeitig kehren Anleger unter dem China-Einfluss sowie aus Angst vor höheren US-Zinsen Schwellenländern massenweise den Rücken. Guckt auf die Währungen: Der kasachische Tenge stürzte um 27 Prozent ab, Indonesiens Rupiah oder Südafrikas Rand verloren weiter deutlich gegenüber dem US-Dollar. Die Türkei ist von einem lange stabilen zu einem politischen und wirtschaftlichen Krisenland geworden – die schwache türkische Lira spiegelt das wider.

Auf Crash-Gurus will ich auch jetzt nicht eingehen, meine Freunde und Kritiker. Aber sollte Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der Genossenschaftlichen Finanzgruppe, tatsächlich Recht bekommen, wenn er jetzt in einer ausführlichen Analyse zum Ergebnis kommt: „Das Beste liegt hinter uns“. Er listet jedenfalls neben dem Schwellenländer-Thema vor allem uns direkt betreffende Probleme auf – u.a. die anhaltende Investitionszurückhaltung und die schwachen realwirtschaftlichen Impulse der extrem expansiven Geldpolitik.

Ich hab mich ganz schön geschüttelt, als ich gestrigen Dax-Verlauf bis in die Nacht (außerbörslich) begleitet habe – widerstandslos ging es viel schneller und viel tiefer bergab, als es selbst die Bären erwartet hatten. Auf einmal waren es nur noch 10.222 Punkte! Kauf-Kurse? Für mich immer noch, ja, vielleicht mehr denn je. Aber angesichts der bärischen Argumente gehört wirklich viel Mut dazu. Und als Alternative für Kernanlagen im Rahmen einer Core-Satellite-Strategie sehe ich nur Immobilien.

Post für den Börsenfuchs: boersenfuchs@onvista.de

Quelle: http://www.onvista.de/news/nehmen-wir-einmal-an-dass-2-11487183

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