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Wer schützt die Anleger vor sich selbst?

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Zwangsjacke für den Anleger
Viele Deutsche sind auf dem Finanzmarkt komplett unerfahren

Hallo Leute! Ich hab’s mir angetan – mehr als 60 Seiten Text mit ein paar Grafiken und Tabellen plus 5 Seiten Forderungen an den Gesetzgeber. Es geht um eine druckfrische Sonderuntersuchung der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg im Rahmen des Projekts „Marktwächter Finanzen“. Vorweg gebe ich zu, dass mir die deutschen Verbraucherschützer nicht gerade sympathisch sind. Das hängt mit einzelnen Figuren zusammen, wenn die in einer Ich-weiß-alles-besser-Manier im Radio oder Fernsehen von sich geben, was angeblich wirklich Sache ist. Außerdem sind sie Bestandteil unserer Politik, den armen, dummen, hilflosen Bürger vor den Gefahren der modernen Welt total zu schützen – als müsse man ihm eine Art von Ganzkörper-Kondom überstülpen. Nee, heute nix gegen diese polyvalenten Experten (polyvalent sagt man neuerdings auch zu Fußballprofis, die vielseitig einsetzbar sind). Aber ich meckere wegen fehlender Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und weil Aufklärer so tun, als könnten sie alles „objektiv“ beurteilen.

Die meisten von Euch, meine Freunde, betrifft das eigentlich nicht, weil Ihr ja erfahrene Selbstentscheider seid, die keine Bankberatung mehr brauchen und sie auch nicht wollen. Doch diese neue, umfassende Untersuchung ärgert mich schon, weil sie den Anleger selbst aus der Verantwortung nimmt. Das Problem ist ja nicht neu, und die schon seit dem Lehman-Debakel laute Kritik an der Provisionsberatung durch die Banken ist ja berechtigt. Aber es hat sich auch schon einiges getan – zugunsten des privaten Anlegers!

Den Verbraucherschützern geht es darum, dass „die Ersparnisse bedarfsgerecht angelegt werden: sicher, rentabel und kostengünstig sowie mit angemessener Flexibilität. Dabei müssen die individuellen Voraussetzungen und Prioritäten beachtet werden.“ Das erinnert mich irgendwie an die Eier legende Wollmilchsau. Werden dazu den Verbrauchern von Banken, Sparkassen und anderen Vertrieben aktuell bedarfsgerechte Anlageprodukte empfohlen und angeboten? Die Antwort der Studie: „Mehr als neun von zehn Angeboten (95 Prozent) waren nicht bedarfsgerecht im besten Interesse der Kunden. Die Verbraucherschützer werten dies als „eindeutige Missstände“ bei der Qualität der Anlageberatung.

Mir kommt es hier und heute vor allem auf das Kapitel Vorkenntnisse und Wissen an. Was dabei herausgekommen ist, haut einen schon eher vom Hocker – obwohl frühere Umfragen ergeben haben, dass sich viele Bundesbürger selbst als Finanzanalphabeten bezeichnen. Überraschung – am bekanntesten sind einlagengesicherte Anlagen. So wissen 43% wie Sparbuch und Tagesgeld funktionieren (na toll!), 34% kennen wenigstens die Begriffe (immerhin!) und 23% haben keine Ahnung (nicht so schlimm!). Im Ernst, das ist fast unglaublich. Aber es wird noch besser: Nur 18% der Bundesbürger kennen das Funktionieren einer Lebensversicherung (den Rest hüllt man besser in Schweigen). Springen wir ans Ende der Anlageformen: Wie Aktien und Anleihen gehen, wissen lediglich 12% bzw. 10%. Mehr als die Hälfte der Deutschen gibt zu, überhaupt keine Kenntnisse von Wertpapieren zu haben. Kommentieren die Verbraucherschützer: „Die Kenntnisse aller Anlageprodukte sind also deutlich schlechter, als ihre Verbreitung es vermuten lassen würde. Hinzu kommt, dass die Angaben auf einer Selbsteinschätzung beruhen und daher nur als Indikator für die tatsächlichen Kenntnisse zu verstehen sind.“

Jo, das deckt sich voll mit meinen Beobachtungen. Deshalb teile ich die schon seit Jahren immer wieder veröffentlichten Appelle anderer Experten, die Politik müsse sich mehr um Information, Aufklärung und Bildung in Wirtschafts- und Geldangelegenheiten kümmern (Stichwort Schule) und nicht nur die Produktanbieter in die Verantwortung nehmen, indem man sie immer schärfer reguliert. Klar, Kapitalanlage ist ein bisschen komplizierter als das Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel. Aber es geht ja auch um mehr. Wir müssen das Wissen fördern, damit Chancen und Risiken von breiten Bevölkerungskreisen besser erkannt werden. Dann sind die Anleger besser geschützt!

Noch was Positives für Aktien-Fans: Soeben erreicht mich eine weitere internationale Umfrage zu den Anlageperspektiven im kommenden Jahr. Die zeigt, dass institutionelle Investoren (also die marktbestimmenden Kräfte) im Jahr 2016 eine „sehr gute Entwicklung“ von Aktien warten!

Post an den Börsenfuchs: boersenfuchs@onvista ( Zum Testbericht).de

Quelle: OnVista ( Zum Testbericht) (www.onvista.de)

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