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Optimismus mit Fragezeichen

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Ab und zu muss man die eigene Position überprüfen. Ich fahre dazu regelmäßig zu den Tagungen des Institute of International Finance, auf der Banker aus allen Teilen der Welt Meinungen und Einschätzungen über die wei­tere Entwicklung austauschen. Vor zwei Jahren über­schrieb ich meinen Bericht über das Treffen mit „Irgend­wann wird es in der Weltwirtschaft krachen“.

Dr. Martin W. Hüfner
Chefvolkswirt
Assenagon Asset
Management S.A.

Das war wenige Wochen vor den ersten Bankpleiten und zeigt, wie wenig überraschend das alles damals kam. Im Jahr darauf befanden sich die Finanzmärkte mitten im Kol­laps und keiner wusste, wie es weitergehen würde. Diesmal stand die Tagung – sie fand in Peking statt – im Zeichen der Überwindung der Krise. Hier ein paar Im­pressionen und aus meiner Sicht wichtige Thesen.

 

Was mich am meisten überraschte, war der optimisti­sche Grundton. Das Schlimmste der Krise sei vorüber. Die Konjunktur habe sich gefangen. Die nächste Stufe ist der Aufschwung. Freilich traut sich niemand, das so richtig klar auszusprechen. Alle versehen es mit Frage­zeichen. China und die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika werden im Aufschwung die ersten sein. Bei ihnen war die Finanzkrise nicht so groß. In China spielt zudem das riesige Konjunkturprogramm eine Rol­le. Die USA folgen an zweiter Stelle. Am Schluss kommt Europa. Über die Perspektiven Japans herrscht Unsi­cherheit. Manche sagen, Japan erhole sich vor den USA. Andere sehen Japan noch hinter Europa.

Optimismus mit Fragezeichen auch bei der Finanzkrise. Alle erkennen an, dass die Finanzmärkte wieder zu funktionieren beginnen. Aber keiner traut dem Frieden. Die größten Risiken sind nicht mehr die toxischen Wert­papiere, sondern die zu erwartenden konjunkturbeding­ten Kreditausfälle. Hinzu kommen die Schwierigkeiten der Länder mit fixen Wechselkursen (vor allem im Baltikum) sowie die Un­sicherheiten im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Währungspolitik im Aufschwung. Könnte es ein, dass die Geld- und Fiskalpolitik aus Angst vor Inflation zu schnell auf Restriktion umschaltet und damit den Aufschwung gefährdet?

Europa spielt derzeit bei einer internationalen Tagung – zumal in Asien – keine Rolle. Es wurde kaum erwähnt. Die G7, also die Gruppe der Industrieländer, gehöre der Vergangenheit an, so heißt es. Die G20, in der neben den Industrie- auch die Schwellenländer sitzen, und die vor allem in Europa als Modell der Zukunft angesehen wird, ist zu groß, um arbeitsfähig zu sein. Bleibt die G2, also allein die Amerikaner und die Chinesen. Dann wür­de die Welt ohne Europa gestaltet. Das Problem der Europäer liegt nicht in der unbefriedigenden wirtschaft­lichen Entwicklung, auch nicht im Euro, der als wichtige Währung akzeptiert ist. Das Problem ist die politische Unfähigkeit der Europäer, mit einer Stimme zu spre­chen. Die Allianz der Amerikaner mit den Chinesen ist umso erstaunlicher, als Europa geografisch viel näher an Washington und New York liegt als Peking.

Die Perspektiven Chinas wurden natürlich intensiv dis­kutiert. Erstaunlich war, dass das Land – trotz aller Be­mühungen der Gastgeber, sich in gutem Licht zu zeigen – durchaus zwiespältig gesehen wurde. Jeder kennt die großen Erfolge des Landes. China führt den weltweiten Aufschwung an. In Peking scheint wieder die Sonne. An­dererseits ist China nach wie vor ein Entwicklungs­land. Etwas pointiert kann man sagen: China ist gut in der ersten Ableitung (das heißt bei Wachstum und Dyna­mik), aber nicht bei absoluten Größen. Die Trümpfe des Landes sind die riesige und immer ehrgeiziger werdende Bevölkerung und die kluge, überlegte Wirtschaftspolitik.

Zum US-Dollar: Die Chinesen sind selbstbewusster ge­worden und sticheln gegenüber der Währung der Ameri­kaner. Andererseits fühlen sie sich noch nicht stark ge­nug, um die Rolle des Dollar als Weltwährung in Frage zu stellen. Andere sagen, die Chinesen fühlten sich auch noch nicht sicher genug auf den Finanzmärkten, um größere Veränderungen einzuleiten. Die chinesi­schen Banken sind inzwischen die größten der Welt, be­finden sich aber immer noch in der Lernphase. In jedem Fall wird der Dollar seine Rolle als Weltreservewährung auf absehbare Zeit behalten.

Was mir nicht so klar war: Nicht nur China ist von der Fi­nanzkrise (nicht der Rezession) unmittelbar wenig be­troffen. Auch in Lateinamerika hatten die Banken kaum toxische Wertpapiere. Dies ist die erste Finanz­krise der Neuzeit, in der Lateinamerika nicht geschüttelt wurde. Lateinamerika wird im Aufschwung profitieren von dem Rohstoffreichtum, von der stabilitätsorientierten Wirt­schaftspolitik in vielen Ländern und – im Falle Brasiliens – von den engen Beziehungen zu China. China ist inzwi­schen Brasiliens größter Handelspartner.

Zur Bankenregulierung: Auch Vertreter der Bankenauf­sicht und der Zentralbanken arbeiten inzwischen nicht mehr unter der Hypothese, Krisen gänzlich verhindern zu können. Worum es geht, ist vor allem die Wider­standskraft dagegen zu stärken. Im Mittelpunkt stehen dabei: Höhere Eigenkapitalanforderungen, großzügigere Liquiditätsvorsorge und bessere makroprudentielle Überwachung als Frühwarnsystem für Krisen.

Eine wichtige Frage dabei: Wie geht man damit um, dass es Banken gibt, die zu groß sind, um sie fallen zu lassen, aber auch zu groß, um sie retten zu können? Hier befindet sich die Diskussion erst ganz am Anfang. Gedacht wird an neue Arten von Insolvenzverfahren oder an höhere Kapitalanforderungen und größere Liqui­ditätspuffer für große Banken.

Man kann auch Größenbeschränkungen bei Banken­fusionen in Erwägung ziehen. Ultima ratio wären gene­relle Größenbeschränkungen für Kreditinstitute. Interessant auch die Diskussion über Banken mit Staats­beteiligungen. Der Einfluss der öffentlichen Hand geht in der Praxis offenbar weiter, als Viele das ursprünglich ge­dacht hatten. Vor allem nimmt der Staat mehr Einfluss auf die Höhe der Gehälter, nicht nur bei Vorständen, sondern auch bei den so wichtigen Spezialisten. Das bringt die verstaatlichten Banken unter erheblichen Wettbewerbsdruck. Denn ohne Spezialisten geht es nicht. Entweder der Staat ändert seine Politik oder die Banken müssen alles tun, die Beteiligungen so schnell wie möglich zurückzubezahlen. Das wäre aus meiner Sicht freilich nicht die schlechteste Lösung.

Für die Anleger

Die optimistische Grundstimmung ist eine gute Nach­richt. Wenn man ihr folgt, sollte man die Aktienquote erhöhen. Natürlich bestehen noch Unsicherheiten und viele Märkte sind nach der Rallye der letzten Monate reif für eine Atempause. Es gibt also keinen eiligen Hand­lungsbedarf. Aber mittelfristig geht der Trend nach oben.

 

Der Wochenkommentar ist ein Gastbeitrag von Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assénagon Asset Management. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assénagon Chefvolkswirt bei der HypoVereinbank in München und gilt als ausgewiesener Konjunktur-Experten.

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